Peinlicher Vorfall?

Treten Sie ein! Treten Sie aus! Eine Ausstellung in Frankfurt am Main
Jakob Friedrich Hahn: Satirisches Blatt auf die Taufe von Moritz Saphir (1830). Foto: Katalog Foto: Katalog
Jakob Friedrich Hahn: Satirisches Blatt auf die Taufe von Moritz Saphir (1830). Foto: Katalog Foto: Katalog
Eine Ausstellung im Museum Judengasse Frankfurt setzt sich mit der Geschichte der Konversion auseinander - und zeigt, dass sie aus vielen Geschichten besteht.

Die Grundmauerreste der Frankfurter Judengasse sind aufgeräumt und blankgefegt. Schwer, da eine realistische Vorstellung von den Proportionen zu gewinnen. Erst das Modell macht klar, wie dicht bebaut dieses Getto war: Ein Haus neben dem anderen, von Stockwerk zu Stockwerk vorspringend, labyrinthisch in die Tiefe gebaut. Die Reste, gelbe Ziegelzeilen, finden sich heute im "Museum Judengasse", Dependance des Jüdischen Museums Frankfurt am Main.

In den hinteren Räumen des Museums wird zurzeit die Ausstellung "Treten sie ein! Treten Sie aus! Warum Menschen ihre Religion wechseln" gezeigt. Im Mittelpunkt stehen Konversionen vom und zum Judentum im Laufe der Zeit und die Motive, die ihnen zugrunde lagen - vor Augen geführt entlang biographischer Fallbeispiele mit Hilfe von Gegenständen, Fotos, schriftlichen Zeugnissen und erläuternden Texten. Wo die Beispiele keine Juden betreffen, dienen sie als kluge Referenzfälle für den Anspruch, wesentliche Typen der Konversion vorzustellen.

Frankfurt am Main hielt besonders lange an der Judendiskriminierung fest. Die Freie Reichsstadt blieb bis 1866 freie Stadt, sechzig Jahre über das Ende des Reiches hinaus, bis auf eine Unterbrechung in napoleonischer Zeit, die den Juden das Ende des Gettozwanges und die Emanzipation brachte. Beides hatten die Frankfurter, die 1779 Lessings "Nathan der Weise" verboten hatten, nur widerstrebend hingenommen und nach Napoleons Fall sogleich wieder eingeschränkt.

Nur vertrieben, nicht ermordet

1614 war es in der Stadt zu einem Volksaufstand gekommen. Er richtete sich zunächst gegen das herrschende Patriziat und kühlte schließlich sein Mütchen an den weniger wehrhaften Juden - sie alle, 1380 an der Zahl, wurden vertrieben. Der Anführer des Aufstandes, Vinzenz Fettmilch, wurde 1616 hingerichtet; die Juden wurden in die Judengasse zurückgeführt. An deren Tor wurde ein steinerner Reichsadler mit der Inschrift "Römisch kaiserlicher Majestät und des heiligen Reiches Schutz" angebracht.

Immerhin, in diesem Pogrom wurden sie nur vertrieben, gewissermaßen ein Fortschritt; bei früheren waren sie zumeist ermordet worden, manchmal mit Ausnahme derjenigen, die sich zwangstaufen ließen. Die Zwangstaufe war das Grundmuster jüdischer Konversionen vom frühen Mittelalter an. Verständlicherweise geschahen solche Übertritte unter innerem Vorbehalt und wurden, sobald möglich, rückgängig gemacht.

Nicht alle Konversionen von Juden zum Christentum geschahen unter Zwang. Es gab Fälle, in denen offenbar ernsthafte Konvertiten in ihrer christlichen Umwelt Karriere machten. Häufig wandten sie sich anschließend gegen ihre ehemaligen Glaubensgenossen - von ihrer alten Glaubensgemeinschaft waren sie ausgeschlossen, gegenüber ihrer neuen mussten sie sich immer wieder beweisen.

Für die Armen und die Parias der Gesellschaft konnte sich der Übertritt zum Christentum lohnen. Christliche Gemeinden waren zumeist hocherfreut, wenn jemand konvertieren wollte - schließlich war das auch ein Bestätigungsakt für die eigene Glaubensidentität. Wer zum Übertritt bereit war, wurde im christlichen Glauben unterwiesen und in einer feierlichen Zeremonie in der Kirche getauft. Er erhielt auch ein Handgeld, was die Sache für jüdische und christliche Betrüger gleichermaßen attraktiv, aber auch gefährlich machte: Wenn sie überführt wurden, war das ihr Tod. Da "Überführen" immer auch Folter hieß, blieb ungewiss, ob in einem Verfahren die Wahrheit ans Licht gekommen war.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts lässt sich zunehmend die Konversion aus Kalkül beobachten, zu dem Zweck, sich Fortkommensmöglichkeiten in einer von Judenfeindschaft geprägten bürgerlichen Umgebung zu schaffen.

Eine Lithographie aus dem Jahre 1830 zeigt eine volkreiche Szene vor einer Kirche: Ein erwachsener Mann liegt, als Wickelkind herausgeputzt, in den Armen einer Amme, die ihn zur Taufe trägt. Bei dem Täufling handelt es sich um Moritz Gottlieb Saphir, geboren 1795. Ursprünglich von seinen Eltern zum Rabbiner bestimmt, hatte er eine ganz andere Laufbahn eingeschlagen, war schließlich zu einem scharfzüngigen Theaterkritiker geworden, in Wien, Berlin und endlich in München, wo er sich um seiner Karriere wegen taufen ließ. So brachte er es in der bayrischen Hauptstadt tatsächlich zum "Hofintendanzrat". In der Öffentlichkeit half ihm das nicht, man übergoss ihn vielmehr mit Spott, wie dieses Flugblatt zeigt.

Der Arzt und Schriftsteller Alfred Döblin (1878-1957) trat mit 63 Jahren im Exil in Hollywood zum Katholizismus über. Zwei Jahre später, 1943, outete er sich in einer Runde ihm mehr oder minder nahestehender Künstler. Bert Brecht war zugegen und sprach für viele Anwesenden, als er im Nachhinein das höhnische Gedicht "Peinlicher Vorfall" darauf machte, in dem er den Auftritt wie die obszöne Darbietung eines "Dirty old man" schilderte: "Ging unzüchtig auf die Knie nieder ... die irreligiösen Gefühle / Seiner Zuhörer verletzend, unter denen Jugendliche waren."

Döblin war, so lässt sich der Vorgang freundlicher und realistischer deuten, religiös veranlagt. Aus bürgerlichem jüdischem Haus stammend, war er 1912 aus der Synagogengemeinschaft ausgetreten. In den Zwanzigerjahren wandte er sich scharf gegen jeden Antisemitismus, fand aber nicht zum jüdischen Glauben zurück. Im Laufe der Zeit mag ihn die entstandene Leerstelle in seinem Innern zunehmend bedrängt, seine Sinnsuche in seinem Bekenntnis zu einem neuen Glauben geendet haben.

Ein anderes Beispiel für einen solchen Fall ist der des Leopold Weiss (1900-1992). Sein Großvater war Rabbiner, sein Vater Anwalt, doch der Sohn sagte sich früh vom Glauben seiner Mütter und Väter los. 1920 ging er nach Berlin - und empfand diese Zeit nach dem Ersten Weltkrieg als eine der hektischen Selbstbetäubung, der "verzweifelten Hoffnungsfreudigkeit". Auch er empfand jene Leerstelle. Reisen führten ihn in den Nahen und Mittleren Osten, dabei näherte er sich immer mehr dem Islam an. 1926 trat er in Berlin zu ihm über, bestätigte die Konversion im darauf folgenden Jahr in Kairo und unternahm eine Pilgerfahrt nach Mekka. Später lebte er unter seinem neuen Namen Muhammad Asadals vom wahabitischen Königshaus protegierter islamischer Gelehrter in Saudi-Arabien, heiratete dort, wurde nach dem Bruch mit dem Herrscher islamischer Journalist in Indien und brachte es bis zum UNO-Botschafter Pakistans. 1952 ließ er sich nach 22-jähriger Ehe von seiner - zweiten - arabischen Ehefrau scheiden und kehrte nach Europa zurück. Eine "Dekonversion" war damit wohl nicht verbunden - dies übrigens ein Motiv, das in der Ausstellung immer wieder aufblitzt und das es verdient, näher untersucht zu werden. Nahida Ruth Lazarus (1849-1928) etwa konvertierte 1882 aus Liebe zu ihrem Mann, dem jüdischen Gelehrten Moritz Lazarus, lernte Hebräisch und verfasste die Bücher "Das jüdische Weib" (1892) und "Culturstudien über das Judentum" (1893). Nach dem Tode Lazarus' im Jahre 1903 schrieb sie in ihr Tagebuch (leider wird die genaue Datierung nicht mitgeteilt): "... nur die Sabbatgesänge mit meinem Heissgeliebten berührten mich noch sympathetisch, - als er die Augen geschlossen u. die Gesänge aufhörten - versank alles Jüdische mit ihm ins Grab."

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg fand unter den deutschsprachigen Gebildeten eine lebhafte öffentliche Debatte über die Zukunft der Juden in Deutschland statt. Liberale Juden, die sich von ihrem eigenen Glauben entfernt hatten, rieten ihresgleichen zur vollständigen und willentlichen Assimilation - nämlich durch Konversion zur evangelischen Konfession (wobei sie den liberalen Protestantismus meinten) und durch verstärkte Eheschließungen mit Nichtjuden. Der Hallenser Rechtsanwalt und Gründer der deutschen Notarzeitschrift Adolf Weißler forderte in einem Aufsatz "Die Erlösung des Judenthums" (erschienen unter dem Pseudonym Benedictus Levita: "Die Erlösung des Judentums", "Preußische Jahrbücher 1900"), die nur durch eine "Vermählung deutschen und jüdischen Geistes" zu erreichen sei. Noch allerdings sei der Weg versperrt, denn erst einmal müsse der liberale Protestantismus den letzten, längst überfälligen Schritt tun und das christologische und trinitarische Dogma überwinden: "Wir dürsten nach Religion, wir glauben sie gefunden zu haben im Christentum, wir sind ihm ganz nahe und können doch nicht herüber."

Energischer als Weißler forderte der Orientalist, Talmudgelehrte und Schriftsteller Jakob Fromer (1865-1938) in seiner Schrift "Das Wesen des Judentums" 1904 die bedingungslose Assimilation durch Aufgabe der eigenen Identität: "Tauchet unter, verschwindet! Verschwindet mit euren orientalischen Physiognomien, dem von eurer Umgebung abstechenden Wesen ... Nehmt die Sitten, Gebräuche und die Religion eurer Wirtsvölker an, suchet euch mit ihnen zu vermischen und sehet zu, daß ihr spurlos in sie aufgeht."

Solche Töne fanden Beifall. Nicht zuletzt bei dem christlichen Orientalisten Theodor Nöldeke (1836-1930) - nach den Begriffen der Zeit alles andere als ein Antisemit. Die religiöse "Sonderstellung", meinte er, habe den Juden "unsägliches Elend" gebracht, irgendeine innere Überzeugung beim Akt der Konversion sei überflüssig - manchem "Judenfreund" waren die antisemitischen Implikationen seines Denkens gar nicht bewusst. Wie Weißler erntete auch er scharfen Widerspruch. So erwiderte der Zionist Jakob Klatzkin (1882-1948) hellseherisch: "Sie klagen das jüdische Volk an - Sie klagen es - [in]seiner Existenz an." Wer nur von der intellektuellen Debatte über die Judenassimilation vor dem Ersten Weltkrieg wüsste, gelangte leicht zu der Prognose, die Zukunft werde in einem bewegten Hin-und-Her eine allmähliche Akzeptanz der Juden durch eine Mehrheit in der Gesellschaft bringen. Aber es gab eben auch schon zu dieser Zeit den anderen, den ordinären Antisemitismus, in dem die alten christlich-antijudaistischen und die neuen rasseideologischen Quellen zusammenflossen. Dennoch: Nur ausgemachte Pessimisten hätten es wohl am Ende des Weltkriegs, als die alte Klassengesellschaft gründlich umgewälzt wurde, für möglich gehalten, dass eine politische Bewegung, die den Antisemitismus auf ihre Fahnen schreibt, in Deutschland an die Macht gelangen würde.

Beim Besuch der Ausstellung wird vielleicht manchem sein eigenes Misstrauen gegenüber Konvertiten bewusst, die eigene Neigung, wahlweise deren Motive oder Charakterstärke oder ihre geistige Gesundheit oder alles zusammen anzuzweifeln.

Der Reflex ist besonders stark, wenn es um die Konversion in "Sekten" geht. So wird in der Presse immer einmal wieder im Grundton der Zustimmung davon berichtet, dass in den USA ein junger, aber durchaus schon volljähriger Mensch im Auftrag der Eltern gewaltsam "befreit" und anschließend in einer geschlossenen Anstalt einer Reset-Gehirnwäsche unterzogen worden sei - weil doch die Sekte die umgekehrte angewandt habe.

Melanie Möller rückt in ihrem Katalogbeitrag zurecht: Es lasse sich keineswegs nachweisen, dass Menschen, die etwa zu einer neuen religiösen Bewegung konvertierten, einen wie auch immer zu definierenden Defekt aufwiesen. Sicher sei nur, dass die meisten von ihnen nicht in einer bestimmten religiösen Tradition erzogen worden seien und dass sie weniger soziale Bindungen oder Verpflichtungen aufwiesen als der Durchschnitt. Anders als häufig angenommen, gestalte sich der Austritt aus einer neuen religiösen Bewegung (er erfolge im Schnitt nach rund zwei Jahren) völlig unproblematisch - umgekehrt aber, behauptet die Autorin, hätten "die meisten Dekonvertiten, die Probleme mit dem 'Ausstieg' aus einer Bewegung schildern, ... einen Lebenslauf, der Anfälligkeiten für psychische und soziale Problematiken aufweist".

Der Münsteraner Professor für Religionssoziologie Detlef Pollack stellt in seinem Aufsatz die Gretchenfrage: "Was ist denn nun Konversion?" Die Fälle der Zwangskonversion beiseitelassend kommt er zu der Antwort, es handle sich um einen "radikalen Wandel des individuellen Selbst- und Weltverständnisses".

Doch er endet seinen Aufsatz mit den ein wenig kryptischen Worten: "Damit einher geht freilich oft auch ein eher unterkomplexer Charakter der eingenommenen Welt- und Selbstsicht" - und bietet so dem selbstkritischen Leser Gelegenheit, sich der Versuchung zu erwehren, dies als Bestätigung für das zu nehmen, was er sich womöglich schon immer gedacht hat.

Beim Verlassen der Ausstellung fällt der Blick noch einmal auf die Grundmauern der Judengasse. Reflexion: Unhaltbare Zustände haben sich zu oft als die allerhaltbarsten erwiesen - und sind doch jedem brutalen Tabula-rasa-Wahn vorzuziehen.

Doch wir leben in glücklichen Zeiten. Jedenfalls hier und jetzt. Kaum jemand bestreitet hierzulande Menschen ihr Recht auf Existenz, auch nicht ihr Recht, nach eigener Façon selig zu werden. Und hoffentlich auch nicht (mit einem Buchtitel von Dorothee Sölle) "das Recht, ein anderer zu werden".

Informationen

"Treten Sie ein! Treten Sie aus! Warum Menschen ihre Religion wechseln". Ausstellung der Jüdischen Museen Hohenems, Frankfurt am Main und München, bis zum 15. September 2013 in Frankfurt am Main, Kurt-Schuhmacher-Straße 10. Vom 2. Oktober 2013 bis zum 2. Februar 2014 in München, St.-Jakobs-Platz 16.

Der empfehlenswerte Katalog, herausgegeben von Regina Laudage-Kleeberg und Hannes Sulzenbacher, ist bei Parthas, Berlin, erschienen. 342 Seiten, Euro 24,- (in der Ausstellung) / Euro 24,80 (im Versand).

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Helmut Kremers

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