Symbiotisch

Die Brüder Jünger
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Biographien sind immer auch interpretierende Erzählungen. Jörg Magenau hat das verstanden...

Mit den Brüdern Jünger werden nur wenige jüngere Leute etwas verbinden. Ältere werden sich vielleicht an Germanistikseminare erinnern, in denen Ernst Jünger als verblendeter Prä- und Postfaschist oder gleich glattweg als Nazi verhandelt wurde, die literarische Antigestalt schlechthin, Kriegsverherrlicher mit seinen Stahlgewittern, menschenverachtender Besatzungsoffizier im Zweiten Weltkrieg in Paris.

Dass beide Einschätzungen nur unter beträchtlichen Differenzierungsverweigerungen zu haben waren, gehörte zum Zeitgeist der alten Bundesrepublik, von der ddr zu schweigen. Merkwürdigerweise wurde Ernst Jünger in Frankreich immer mehr geschätzt als in der Bundesrepublik. Doch seit der deutschen Wiedervereinigung hat sich der Bann, der über ihn verhängt war, gelockert: Menschen, von denen man so etwas nie gedacht hätte, outeten sich als Jünger-Leser, unter ihnen der ddr-Dramatiker Heiner Müller. Ernst Jünger (geboren 1895) ist auch noch manchem im Gedächtnis, weil er, von Mitterand hofiert, 1984 bei der Verdun-Gedenkfeier Ehrengast sein und zu seinem hundertsten Geburtstag in seinem Wohnort Wilflingen Bundeskanzler Kohl empfangen durfte.

Aber der Bruder? Friedrich Georg Jünger? Eine unbekannte Größe. Er war in den nun allmählich doch fern rückenden Zwanzigerjahren ein noch glühenderer Nationalist als der ältere Bruder. Später wandelte er sich zum formkonservativen Lyriker, der sich (fast) ganz aus der Politik zurückzog, dem aber auch einmal das Gedicht "Der Mohn" unterlief, das in konservativen nazikritischen Kreisen als Widerstandstext gedeutet wurde: "...mich widert der Taumel, / Widert das laute Geschrei, das sich Begeisterung nennt." Auch stimmungsvolle Geschichten und der Roman Zwei Schwestern - "... eine blaßfarbene Liebesgeschichte, die in die politisch gewitterdumpfe Atmosphäre des Mussolinischen Rom eintaucht ..." (Der Spiegel 1956) - entsprangen seiner Feder. Daneben ist er der Verfasser eines Werkes, das sich als erstes grünes Manifest betrachten lässt: Die Perfektion der Technik, während der Nazizeit geschrieben, 1946 erschienen.

Ernst Jünger war im Ersten Weltkrieg an der Westfront eingesetzt, als jungenhafter Leutnant und Stoßtruppführer, sein Bruder, den sehr danach dürstete, es seinem großen Bruder nachzutun, musste warten. Als er endlich auch an der Front landete, wurde seine Einheit gleich beim ersten Sturmangriff aufgerieben, er selbst schwer verwundet. Bruder Ernst fand ihn ganz unwahrscheinlicherweise in einer Verwundetensammelstelle und bewirkte seine bevorzugte Überstellung ins Lazarett - auch dies diente den beiden als mythischer Stoff für die von ihnen immer hochgehaltene Bruderinnigkeit.

In den Zwanzigerjahren gehörten beide zu einer rechten Boheme in Berlin - ja, auch die gab es -, in deren Kreisen fürchterliche nationalistisch-revolutionäre Artikel verzapft wurden. Fritz, eigentlich der weichere Charakter, scheint den Zwang verspürt zu haben, wenigstens hierin seinen Bruder noch zu überbieten. Der aber hängte in seinen Aufsätzen die Voraussetzungen für die angeblich angestrebte Revolution der Krieger so hoch, dass die Gefahr des Ernstfalls ins hochgradig Unwahrscheinliche verschwand. Dann aber kam er doch, der Ernstfall, mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Und siehe da: Ernst Jünger, von Goebbels hofiert, wollte einfach nicht mitmachen und überraschte stattdessen mit dem manieristischen Roman Auf den Marmorklippen, der nicht nur von Rechten als verschlüsselte Absage an das Regime gelesen wurde. Beides erbitterte spätere Kritiker ganz besonders, da sie gerade darin hypertrophen Elitarismus witterten.

Gemeinsam entdeckten die Brüder in den Dreißigerjahren die Landschaften des Mittelmeers. Für Ernst Jünger wurden sie prägend, man meint ihren Einfluss in seinem späteren und eigentlichen Spät-Werk atmosphärisch zu spüren.

Die beiden Jüngers zählen zu den Brüderpaaren im deutschen Geistesleben, die nicht voneinander lassen konnten - aber anders als etwa die Brüder Hauptmann oder die Brüder Mann entzweiten sie sich nie, sondern pflegten bis zum Tode Friedrich Georgs (1898-1977) ihre quasi-symbiotische Beziehung. Zuweilen reflektierten sie selbst die Gefahr, sich zu sehr in einem geistigen Doppelkokon einzuspinnen.

Biographien sind immer auch interpretierende Erzählungen. Jörg Magenau hat das verstanden: Er verbindet die bekannten Fakten mit Deutungen, die, immer plausibel, ihren fiktionalen Anteil nicht verleugnen. Wie er das macht, ist meisterlich, schon deshalb ist dieses Buch eine Empfehlung wert - aber auch, weil er selbst eine eigene intensive Sprache hat, die, ohne dem suggestiven Ernst-Jünger-Sound zu verfallen, weit entfernt ist von pseudosachlicher Wissenschaftssprache.

Wer sich erstmals dem Werk des illustren Brüderpaars von der nicht gleich zur politischen Stellungnahme herausfordernden literarischen Seite nähern möchte, dem seien etwa Ernst Jüngers Annäherungen. Über Drogen und Rausch oder seine Subtile(n) Jagden empfohlen, und von Friedrich Georg Jünger die Erzählungssammlung Die Pfauen.

Jörg Magenau: Brüder unterm Sternenzelt. Friedrich Georg und Ernst Jünger. Eine Biographie. Klett-Cotta, Stuttgart 2013, 315 Seiten, Euro 22,95.

Helmut Kremers

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