Botschaft der Befreiung

Das Wachstum der evangelischen Kirchen in Südkorea ist zum Stillstand gekommen
Gottesdienstbesucher verlassen die "Yoido-Kirche des vollen Evangeliums", eine Pfingstkirche in Seoul. Foto: dpa/Godong
Gottesdienstbesucher verlassen die "Yoido-Kirche des vollen Evangeliums", eine Pfingstkirche in Seoul. Foto: dpa/Godong
Am 30. Oktober beginnt in Busan, der zweitgrößten Stadt Südkoreas, die Vollversammlung des Weltkirchenrates. Wie sich das Christentum in dem Land entwickelt hat, schildert Lutz Drescher, Ost-asienreferent der "Evangelischen Mission in Solidarität" in Stuttgart. Er hat acht Jahre in Südkorea gelebt.

Mehr als fünf Millionen Menschen besuchen in Südkorea sonntags einen evangelischen Gottesdienst, dreimal mehr als in Deutschland, dem Stammland der Reformation. Und das, obwohl die dortige Bevölkerung mit nur 50 Millionen Menschen um einiges kleiner ist als die hiesige. Auch wenn das Wachstum der Kirchen Südkoreas in den vergangenen Jahren zum Stillstand gekommen oder sogar rückläufig ist, bleibt festzuhalten, dass es in keinem anderen Land in Asien so viele Protestanten gibt. Etwa 18 Prozent der Bevölkerung gehören einer der vielen evangelischen Kirchen an und 10 Prozent der römisch-katholischen Kirche, die weiter wächst.

Weshalb sind die Kirchen in Südkorea so gewachsen? Und - vielleicht interessanter noch: Weshalb ist dieses Wachstum zum Stillstand gekommen? Wie sehen die religiöse und die kirchliche Landschaft in Korea überhaupt aus?

Lange Zeit des Leidens

Die Geschichte der evangelischen Kirche in Korea ist eine besondere. Während in weiten Teilen der Welt christliche Nationen Kolonien erwarben und es dabei zu einer - oft ungewollten - Allianz von Kreuz und Schwert kam, wurde Korea 1910 japanische Kolonie. Unter diesen Bedingungen konnte sich die befreiende Kraft des Evangeliums entfalten, das sich ab 1884 langsam im Land verbreitete. Es waren neben Vertretern einer einheimischen Religion und einigen Buddhisten vor allem Christen, die 1919 die Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten und im ganzen Land bekanntmachten. Und es waren sie, die danach besonders leiden mussten - und dennoch Zulauf fanden.

Das 20. Jahrhundert war für Korea weitgehend eine Zeit des Leidens: Japanische Kolonialherrschaft, Befreiung und gleichzeitig Teilung, Koreakrieg von 1950 bis 1953, "beendet" durch einen Waffenstillstandsvertrag, eine "Kriegspause", wie kürzlich eine Koreanerin übersetzte. Diktatoren herrschten in beiden Teilen des Landes. Und im Norden ist das bis heute der Fall.

Widerstand und Einsatz für Menschenrechte und Demokratie forderten viele Opfer. "Es waren die Zeiten des Leidens, in denen die Kirche besonders gewachsen ist", stellt ein Experte für koreanische Kirchengeschichte fest. Und wenn man Koreaner fragt, was den christlichen Glauben für sie so attraktiv mache, hört man immer wieder die Antwort: "Wenn wir auf Christus sehen, dann wissen wir, dass Gott mit uns leidet." Während der Leidensgeschichte Koreas entstand in den Gefängnissen ab den Siebzigerjahren die Minjungtheologie, eine befreiende Kreuzestheologie.

Beitrag zur Demokratisierung

Zeithistoriker bescheinigen kirchlichen Gruppen, allen voran dem Nationalen Kirchenrat, einen entscheidenden Beitrag zur Demokratisierung Südkoreas geleistet zu haben. Einen ersten Höhepunkt feierte die Demokratiebewegung 1987, als sie erreichte, dass der Präsident direkt vom Volk in geheimen Wahlen bestimmt wird. Ein zweiter Höhepunkt war 1998 die Wahl eines einst zum Tode verurteilten Politikers zum Präsidenten. Der Katholik Kim Dae Jung versuchte gegenüber Nordkorea eine Politik der Kooperation, der Annäherung und der Versöhnung zu verwirklichen. 2001 erhielt er den Friedensnobelpreis. Gemeinsam mit der gewaltlosen Revolution in der DDR ist die Geschichte der Demokratisierung Südkoreas eine der großen Hoffnungsgeschichten des 20. Jahrhunderts.

Neben dieser Geschichte, die dem Christentum ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit verliehen hat, gibt es noch viele andere Gründe für das Wachstum der Kirche. Der Konfuzianismus, seit dem 14. Jahrhundert Staatsdoktrin, verlor Ende des 19. Jahrhunderts als ein System von Lehrformeln und Leerformeln seine Glaubwürdigkeit und Gestaltungskraft. Attraktiv und modern wirkte dagegen das Christentum, das auch ein neues, anderes Bildungssystem und Gesundheitswesen mitbrachte.

Als befreiend erwies sich der christliche Glaube in erster Linie für die einfachen Leute, vor allem für die Frauen, die schon immer zu kurz gekommen waren. Die Bibel wurde übersetzt und in Hangul gedruckt, in der einfachen Buchstabenschrift, nicht in den komplizierten chinesischen Zeichen, die damals noch verbreitet waren. Mit der Bibel lernten viele Frauen endlich lesen und schreiben.

Ab den späten Sechzigerjahren setzte eine Landflucht ein. Menschen, die so aus ihrem Familienverband herausgerissen wurden, fanden in den christlichen Gemeinden der Städte so etwas wie eine neue Familie. Und noch etwas machte das Gemeindeleben attraktiv: die "Drei-Selbst-Prinzipien" selbstständige Finanzierung, Verwaltung und Ausbreitung. Sie sind keine Erfindung staatstreuer Christen in China, sondern entsprechen alten missionarischen Grundsätzen, die in Korea von Anfang beherzigt wurden. Jede Kirchengemeinde sollte in der Lage sein, sich selbst zu finanzieren, selbst zu verwalten und das Evangelium selber zu verbreiten.

Hohe Opferbereitschaft

Fast legendär ist die Opferbereitschaft koreanischer Christen. 10 Prozent ihres Einkommens geben sie ihrer Gemeinde. Und sie machen es zu ihrem Anliegen, Mitglieder zu gewinnen. Dass sich auch in den großen Gemeinden niemand verloren fühlt, liegt an einem ausgeklügelten System von Hauskreisen. Hier kümmert man sich umeinander.

Dass christliche Gemeinden immer von ihrer Umwelt beeinflusst werden, zeigt sich auch in Korea. Der Einfluss von Konfuzianismus und Schamanismus lässt sich unter den Stichworten "Ethik" und "Ekstase" zusammenfassen.

In keinem anderen Land hat der aus China stammende Konfuzianismus so tief und nachhaltig gewirkt wie in Korea. Ein Zentralbegriff ist "In", auf Deutsch: "Mitmenschlichkeit". Das chinesische Schriftzeichen besteht aus "Mensch" und "zwei". Anders als im Westen wird der Mensch nicht als unabhängiges Individuum wahrgenommen, sondern als Mensch in Beziehung. Im Kern geht es um das Zusammenleben und ein harmonisches Miteinander. Dieses vollzieht sich allerdings in klaren Hierarchien. Gleichberechtigt sind allenfalls Gleichaltrige desselben Geschlechtes. An konfuzianisches Denken, seine Hochachtung vor Schriften und Überlieferungen und sein Interesse an gelingendem Zusammenleben knüpften die frühen Missionare an.

Koreas Kirchen sind bis heute in ihrer Struktur hierarchisch verfasst. Und viele Predigten sind im tieferen Sinne des Wortes "Moralpredigten". Die starke ethische Orientierung war lange Zeit eine Stärke der koreanischen Kirchen. Aber sie hielt mit dem gesellschaftlichen Wandel nicht Schritt. Es ist fast tragisch, wie Kirchen, die in ihrer Anfangsphase der Zeit voraus waren, zum Beispiel in der Anerkennung der Frauen, heute hinterher hinken. Geprägt sind Koreas Kirchen, auch wenn sie dies weit von sich weisen würden, ebenfalls vom Schamanismus. Bei den Ritualen, den Kuts, die überwiegend von Schamaninnen durchgeführt werden, lässt sich eine tiefe Emotionalität beobachten, eine Ekstase, die die Teilnehmenden nicht unberührt lässt. Im Mittelpunkt steht die Schamanin, die Mu-dang. Sie stellt - wie ein Blick auf das chinesische Zeichen für Mu deutlich macht - durch ihren Tanz eine Verbindung zwischen Himmel und Erde her. Menschen weinen in solchen Ritualen, brechen zusammen und stehen wieder auf. Schmerz, Verzweiflung, Groll und Wehmut verwandeln sich so in Lebensmut, Lebensenergie. Im besten Fall wird hier - so einige der Minjungtheologinnen und -theologen - der Wechsel von Tod und Auferstehung deutlich.

Befremdend und beeindruckend

In der Spiritualität der koreanischen Kirchen, in Morgengebeten um fünf Uhr morgens und mitternächtlichen Gebetsversammlungen stößt man auf eine Emotionalität, die zugleich befremdet und beeindruckt. Menschen - meist Frauen - schütten ihr Herz aus vor Gott, um dann erleichtert und befreit nach Hause zu gehen. Dies begegnet einem auch in den ansonsten recht nüchternen presbyterianischen Kirchen. Dort wird ebenfalls das "Tong-Sung Kido" gepflegt, das gemeinsame laute Beten. Diejenigen, die nicht koreanisch können, verwechseln es oft mit Zungenreden.

Dieses spielt freilich in den Pfingstkirchen eine große Rolle. Die Fähigkeit, in Zungen zu reden, wird oftmals als Beweis für die Echtheit des Glaubens gesehen. Der Gedanke, ganz vom Geist erfüllt zu sein, ist Koreanerinnen und Koreaner nicht fremd, sondern von ihrer Kultur her vertraut. Auch koreanische Schamaninnen stellen in ihren Ritualen eine Verbindung mit der Welt der Götter und Geister her, in die die Teilnehmenden mit einbezogen werden. Bemerkenswert ist, dass die zur "Full Gospel Church" gehörenden Pfingstgemeinden Ende der Neunzigerjahre dem Nationalen Kirchenrat beigetreten sind. Sie sind zwar nicht Mitglied im Weltkirchenrat, aber beteiligen sich an der Vorbereitung seiner Vollversammlung in Busan.

Fundamental anders als im Süden ist die Situation von Christen im kommunistischen Nordkorea. Man muss sich bewusst machen, dass ihre Lage nicht mit der der Christen im kommunistisch beherrschten Osteuropa zu vergleichen ist. Während das Christentum die Länder dort Jahrhunderte lang geprägt hatte, war der Protestantismus in Korea gerade einmal sechzig Jahre alt, als das Land Ende der Vierzigerjahre geteilt wurde. Damals lebten im Norden bis zu 200.000 Protestanten Und die meisten flohen vor dem und im Koreakrieg in den Süden.

500 Hausgemeinden im Norden

Die Existenz eines evangelischen Christenbundes in Nordkorea wurde erst Anfang der Siebzigerjahre bekannt. Er hat nach eigenen Angaben rund 13.000 Mitglieder, die sich in zwei Kirchen der Hauptstadt Pjöngjang und in rund 500 Hausgemeinden versammeln. Unter den 25 Millionen Nordkoreanern bilden die Protestanten also eine verschwindend geringe Minderheit. Und immer wieder wird gefragt, ob es sich um echte Christen handle oder nur um Statisten bei einer staatlichen Inszenierung. Aber Besucher bescheinigen ihnen eine tiefe Frömmigkeit.

In Südkorea gibt es rund zweihundert evangelische Kirchen, vor allem presbyterianische. Zu einer großen Kirchenspaltung führte in den Fünfzigerjahren der Streit über eine Mitgliedschaft im Weltkirchenrat. Ihm ist mangelnde Bibeltreue, zu große Toleranz anderen Religionen gegenüber und kommunistische Unterwanderung vorgeworfen worden. Auch im Vorfeld der Vollversammlung in Busan gab es immer wieder Proteste. "Der Schatten des kalten Krieges liegt noch immer über unserem Land", klagt Lee Hong-Jung, der Generalsekretär der großen Presbyterianischen Kirche in Korea. Er hofft, "dass von der Vollversammlung auch ein Impuls für Versöhnung und Frieden auf der koreanischen Halbinsel ausgeht".

Spannungen gibt es selbst unter denen, die sich an der Vorbereitung der Vollversammlung des Weltkirchenrates beteiligen. Vor allem die Vertreter der Megakirchen mit ihren vielen tausend Mitgliedern wollen den Kirchenleuten aus aller Welt das wunderbare Wachstum der Kirche in Korea zeigen. Anderen koreanischen Protestanten ist dagegen die Geschichte des Einsatzes für die Menschenrechte und das damit verbundene Martyrium wichtig. Sicher werden beide Aspekte, die manchmal in Spannung stehen, die sozial und politisch befreiende Kraft des Evangeliums einerseits und das Kirchenwachstum andererseits, die Diskussionen beleben. Und vielleicht wird das dazu führen, dass die Vollversammlung von Busan in die Geschichte des Weltkirchenrates eingeht.

Lutz Drescher

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