Geist der Vielfalt

Gespräch mit dem Berliner Bischof Markus Dröge über die Zukunft der Ortsgemeinde, die Unterstützung von Sondergemeinden und die Mittlerfunktion des Kirchenkreises
Foto: EKBO
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Ist die Parochie noch zeitgemäß? Ja, sagt Markus Dröge. Der Bischof der Landeskirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz weiß um die Probleme gerade ländlicher Gemeinden, ihre Angebote zu erhalten. Er setzt auf stärkere Kirchenkreise als mögliche Lösung.

zeitzeichen: In den evangelischen Landeskirchen werden die Mitglieder der Kirchengemeinde zugewiesen, in deren Bereich sie wohnen. Diese Form der Gemeinde, "Parochie" genannt, geht auf das Mittelalter zurück. Ist sie dem 21. Jahrhundert noch angemessen?

Markus Dröge: Ja, denn so weiß jeder evangelische Christ, wo immer er in Deutschland wohnt, wohin er auch umzieht, wer sein Ansprechpartner ist.

Nicht mehr zu halten ist dagegen, dass eine Parochie, so wie es sich seit dem 19. Jahrhundert entwickelt hat, alles anbietet: Kinder-, Jugend-, Senioren-, Frauen-, und Trauerndengruppen, eine A-Musiker-Stelle, Kirchenchor, Erwachsenenbildung und vieles mehr. Das heißt, ich bin für die Beibehaltung der Parochie, aber auch dafür, dass sich die eine Gemeinde diesen und die andere jenen Arbeitsschwerpunkt sucht.

Und wer entscheidet darüber, welche Gemeinde welchen Schwerpunkt wählt, die einzelne Gemeinde oder der Kirchenkreis?

Markus Dröge: Ich bin ich stark von der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 geprägt, dem grundlegenden Dokument der Bekennenden Kirche. Weil dort in der dritten These steht, dass die Ordnung der Kirche der Botschaft entsprechen muss, muss jede kirchliche Ebene eine geistliche Qualität haben, nicht nur die Ortsgemeinde, sondern auch der Kirchenkreis und die Landeskirche. Die Kirche ist ebenenübergreifend die Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, in der Jesus Christus wirkt. Sie haben den Kirchenkreis angesprochen ...

... die sogenannte mittlere Ebene.

Markus Dröge: Ein Mitglied eines Gemeindekirchenrates hat mir einmal gesagt, man solle nicht so hierarchisch denken und in der Landeskirche von unterer, mittlerer und oberer Ebene sprechen, sondern den Kirchenkreis als die "Mittler-Ebene" verstehen. Und das finde ich eine gelungene Bezeichnung. Die Einzelgemeinde muss zunächst für sich definieren, was sie leisten kann, wo ihre Stärken liegen und wo ihre Grenzen sind. Und die Mittler-Ebene hat dann die Aufgabe, in einer Region die Fäden zusammenzubinden, Kooperationen von Gemeinden zu ermöglichen, aber - und das ist mir ganz wichtig - eben auch Grenzen zu akzeptieren. Da kann zum Beispiel eine Gemeinde keine Jugendgruppen anbieten, weil in ihrem Bereich zu wenig Jugendliche leben und auch kein Geld für hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter da ist. Beides ist dagegen in der Nachbargemeinde vorhanden. Die Mittler-Ebene, der Kirchenkreis, sollte in diesem Fall, wie auch sonst, zusammen mit den Gemeinden Konzepte entwickeln, wie unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden können. Und am Ende muss die Kreissynode darüber entscheiden.

Aber letztlich wirkt die Entscheidung doch nur dann, wenn die Kreissynode einer Gemeinde den Geldhahn zudreht.

Markus Dröge: Je knapper die Ressourcen werden, desto stärker steigt natürlich der Druck, Absprachen zu treffen. Wenn Gemeinden zum Beispiel keinen Kirchenmusiker mehr anstellen können, liegt es nahe, das auf der regionalen Ebene zu tun. Dass der Kirchenkreis eine Mittlerfunktion ausüben darf und soll, zeigt die Geschichte der evangelischen Kirche. So hat die Emder Synode 1571 beschlossen: Wenn eine Gemeinde so arm ist, dass sie ihren Pfarrer nicht mehr unterhalten kann, soll die "Classis", also der Kirchenkreis, erwägen, mehrere benachbarte Gemeinden miteinander zu verbinden. Ich finde diesen Beschluss bedeutsam, weil er den Kern des presbyterial-synodalen Selbstverständnisses der evangelischen Kirche ausdrückt. Man darf also das presbyterial-synodale Selbstverständnis nicht dazu benutzen, nur die Gemeindeebene stark zu machen. Das wäre Kongregationalismus. Vielmehr ist auch die mittlere Ebene eine geistliche Größe.

Nicht wenige Kirchengemeinden bleiben lieber selbstständig und versuchen sich an einem Angebot, das sie eigentlich überfordert.

Markus Dröge: Wir sind eine Kirche des Wortes und sollten daher versuchen, Menschen, Mitchristen durch biblische Gründe und Vernunftgründe zu überzeugen. Das Bild von dem einen Leib und den vielen Gliedern, das Paulus verwendet, ist überzeugend als biblische Begründung für eine vernetzte Kirchenstruktur. Und zu den Vernunftgründen gehört der Rat an Gemeinden, doch einmal zehn oder zwanzig Jahre vorauszuschauen. Denn je früher man überlegt, was man mit anderen Gemeinden gemeinsam machen kann, desto besser kann man den Prozess der Kooperation oder Fusion gestalten. Wir haben beispielsweise erkannt, wie dringend in unserer Landeskirche eine Veränderung in der Organisation der Kirchenmusik ist. Stellen werden oft nur noch zu 75, 50 oder noch weniger Prozent besetzt. Irgendwann führt das dazu, dass die Kirchenmusikerstellen so unattraktiv werden, dass sie nicht mehr besetzt werden können. Daher ist es sinnvoll, dass die Kirchenkreise auf der regionalen Ebene ganze Stellen schaffen, die für gute Kirchenmusiker attraktiv sind, und von denen dann mehrere Gemeinden einer Region profitieren.

Neben den Parochien, den klassischen Ortsgemeinden, gibt es auch Sondergemeinden, Gemeinden, die diejenigen bilden, die Gleichgesinnte oder Gleichaltrige im Gottesdienst treffen wollen, die eine bestimmte Form der Frömmigkeit und des Gottesdienstes pflegen wollen oder die ein bestimmtes Kirchengebäude anzieht. Gerade in einer Zeit der Individualisierung müsste die Kirche doch stärker auf solche Sondergemeinden setzen als auf Parochien, oder?

Markus Dröge: Ich sehe hier kein Entweder-Oder, sondern plädiere für eine Doppelstrategie. Auf der einen Seite müssen wir in der Fläche präsent sein. Das ist natürlich angesichts zurückgehender Einwohnerzahlen wie in Teilen Brandenburgs nicht einfach. Aber wir sollten dort die Präsenz der Kirche wenigstens auf einem niedrigen Niveau aufrechterhalten. Wir dürfen also nicht übermäßig Gelder und Personal vom Land abziehen, um in den Städten einzelne Kirchen als "Leuchttürme", oder wie immer man sie bezeichnen mag, auszustatten. Natürlich sind diese wichtig. So haben wir in Berlin mit St. Matthäus eine Gemeinde, die sehr stark im Kulturbereich verankert ist. Für ihre Finanzierung haben wir die Form einer Stiftung gewählt. Und der Berliner Dom erwirtschaftet seine Mittel größtenteils selbstständig. Im Einzelfall muss man natürlich immer prüfen, wie die Landeskirche Sondergemeinden durch Geld und Personal unterstützen kann. Aber wir sollten das finanzielle Solidarsystem nicht grundlegend ändern und nicht verstärkt Kirchensteuermittel für Sondergemeinden einsetzen.

Wird aus Ihrer Sicht die Zahl der Sondergemeinden zunehmen? Sollte man sie nicht verstärkt fördern, weil sie Leute erreichen, die die klassischen Ortsgemeinden nicht erreichen?

Markus Dröge: Sicher werden wir eine Reihe herausragender Gemeinden haben und diese fördern. Und es gibt noch einen dritten Weg. So kann man eine Jugendgemeinde aufbauen, ohne dass sie wie die Ortsgemeinde eine Körperschaft des Öffentlichen Rechtes wird, was rechtlich mit einem großen Aufwand verbunden ist.

Eine Stärke der Parochie besteht für Sie darin, dass jedes Mitglied einer Landeskirche, wo immer es in Deutschland wohnt oder wohin es auch umzieht, weiß, wer sein Ansprechpartner ist. Das leuchtet dann ein, wenn die Leute im Schatten des Kirchturms wohnen und das Pfarrhaus oder das Gemeindebüro in der Nähe ist. Aber in vielen Dörfern wohnt kein Pfarrer mehr, von der Gemeindesekretärin oder dem Küster, Mesner ganz zu schweigen.

Markus Dröge: Ich bin lange Pfarrer und Superintendent in einem strukturschwachen Gebiet des Rheinlandes gewesen. Da war die Verlässlichkeit, die ich an der Parochie schätze, dadurch gegeben, dass die Kirchenmitglieder wussten, wen sie zum Beispiel bei einem Todesfall anrufen konnten, und dass sie sich darauf verlassen konnten: Der Pfarrer kommt zum Hausbesuch, auch wenn er dafür 25 Kilometer fahren muss. Neben der Erreichbarkeit und Verlässlichkeit spricht noch ein anderer wichtiger Grund für die Parochie: Der Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung hat deutlich gemacht, dass gerade die Kirchen sehr viel für den Zusammenhalt der Gesellschaft tun. Und das geschieht dadurch, dass sie milieuübergreifend Menschen zusammenführen. Für mich zählt der Grundgedanke, dass in einer Gemeinde nicht nur diejenigen zusammenkommen, die ein bestimmtes Lebensgefühl oder bestimmte Interessen verbindet.

Aber gerade die Milieustudien zeigen doch, dass die Parochien nur ein paar gesellschaftliche und kulturelle Milieus ansprechen und andere vergraulen.

Markus Dröge: Schon zum Abendmahl kommen bei uns sehr unterschiedliche Menschen zusammen. Dies gilt umso mehr für den Gottesdienst zum Erntedank, zur Einschulung oder am Heiligabend . Das hat zugegebenermaßen oft nur symbolischen Charakter, aber es drückt doch etwas vom Wesen der Kirche aus.

In größeren Städten gibt es in der Regel immer noch ein relativ engmaschiges Gebiet von Parochien und Kirchengebäuden. Oft findet dort am Sonntagmorgen ein Gottesdienst zur selben Uhrzeit nach derselben Ordnung statt. Hier müsste das Angebot doch diversifiziert werden.

Markus Dröge: Ja, und das geht in die Richtung, die ich beschrieben habe, dass wir in unserer Kirche stärker regional denken müssen. Die Parochien müssen stärker Profile entwickeln und gleichzeitig Gemeinden bleiben, die Ansprechpartnerinnen und Orientierungspunkte für die Kirchenmitglieder sind, die in ihrem Gebiet wohnen. Die von Ihnen angesprochene Diversifizierung oder Ausdifferenzierung wird, wie ich bei einer ebenenübergreifenden Visitation der Kirchenmusik erfahren habe, auch von den Kirchenmusikern angestrebt. Sie plädieren dafür, dass in verschiedenen Kirchen ein unterschiedlicher Musikstil angeboten wird. Und weil wir den Einsatz hauptamtlicher Kirchenmusiker konzentrieren müssen, haben wir in unserer Landeskirche einen neuen Ausbildungszweig geschaffen, für "Gemeindevorsänger". Das sind Ehrenamtliche, die bei Kleinstgottesdiensten, an denen kein Organist mitwirkt, und das passiert auf dem Land häufig, der Gemeinde helfen, den richtigen Ton zu finden.

In Landgemeinden fehlen oft nicht nur Organisten, sondern auch Pfarrerinnen und Pfarrer. Oft haben sie mehrere Predigtstellen und können daher nicht an jedem Sonntag in jeder Kirche ihres Gemeindegebietes Gottesdienst halten. Sollten nicht auch bei der Leitung des Gottesdienstes wie bei der Kirchenmusik verstärkt Ehrenamtliche eingesetzt werden?

Markus Dröge: Es gehört zum Wesen der evangelischen Kirche, zum Priestertum aller Getauften, dass auch ein Laie einen Wortgottesdienst halten kann. Allerdings müssen die Ordinierten darüber wachen, dass die Gottesdienste angemessen gestaltet werden.

Warum ist diese Kontrolle notwendig?

Markus Dröge: Es geht nicht um Kontrolle. Vielmehr sollten der zuständige Pfarrer, die zuständige Pfarrerin mit den Ehrenamtlichen verbindliche Absprachen entwickeln und treffen. Und das kann diese auch entlasten, denn manchmal befürchten Ehrenamtliche, die anstelle eines Pfarrers Gottesdienste halten, sie müssten die ganze Aufgabenpalette des Pfarramtes schultern.

Gibt es denn genügend Ehrenamtliche, die einen Gottesdienst leiten wollen?

Markus Dröge: Ja, bei der Prädikantenausbildung beobachten wir eine starke Nachfrage. Und wenn wir jetzt noch kleine Formate wie die Ausbildung zum Gemeindevorsänger anbieten, eröffnen sich weitere Möglichkeiten für ehrenamtliches Engagement im Gottesdienst.

In Großstädten ist zu beobachten, dass Gemeinden, die in den Sechzigerjahren aus einer Gemeinde ausgegliedert wurden, in diese zurückkehren. So entstehen wieder größere Einheiten. Gibt es für Sie bei der Gemeindegröße eine Grenze nach oben?

Markus Dröge: Wir haben lange diskutiert, ob wir eine Zahl festlegen sollen. Aber wir halten es für besser, von den Aufgaben her zu denken, die eine Gemeinde erfüllen muss.

In Ihrer Landeskirche besitzen die Gemeinden viel Selbstständigkeit. Wäre es nicht besser, die Landeskirche hätte größere Durchgriffsrechte und könnte Gemeindefusionen anordnen?

Markus Dröge: Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, Gemeinden Kleider anzubieten, in die sie hineinschlüpfen können. Ein solches Kleid ist das Gesamtkirchengemeindegesetz, das unsere Landessynode im vergangenen Jahr verabschiedet hat. Danach können sich Gemeinden zu einer Gesamtkirchengemeinde zusammenschließen, ohne dass sie ihre Selbstständigkeit vollkommen aufgeben müssen. Sie können weiter als Teilkirchengemeinde, als "Ortskirche" wie es im Gesetz heißt, mit einem "Ortskirchenrat" wirken. Dieser berät und beschließt zum Bespiel über das kirchliche Leben am Ort und die Nutzung der dort vorhandenen kirchlichen Gebäude. Und die Satzung der Gesamtkirchengemeinde kann vorsehen, dass der Ortskirchenrat über die Verwendung der Mittel beschließen kann, die die Gesamtkirchengemeinde für die Ortskirche im Haushalt bereitgestellt hat.

Sie haben über das Kirchenbild des bekannten Tübinger Theologen Jürgen Moltmann promoviert, der seine Kirchenlehre einmal unter dem Titel "Kirche in der Kraft des Geistes" veröffentlicht hat. Haben Sie bei Ihrer Doktorarbeit theologische Kriterien entdeckt, die bei der Diskussion über das Verhältnis von Parochien, Sondergemeinden, Kirchenkreis und Landeskirche zu beachten sind?

Markus Dröge: Mir ist dabei noch einmal die Bedeutung der Barmer Theologischen Erklärung für die Kirche und ihre Reform deutlich geworden, besonders, dass wir notwendige Strukturreformen und geistliches Verständnis nicht als einen Gegensatz verstehen dürfen.

Dort heißt es, die Kirche sei die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus durch den Heiligen Geist handelt.

Markus Dröge: Die Kirche ist eine Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, das heißt, sie praktiziert über alle Ebenen hinweg Solidarität. Ihre Strukturen können und müssen sich wandeln, aber in ihnen muss sich immer der Glauben an Jesus Christus spiegeln. Wie es im vierten Artikel von Barmen heißt, begründen "die verschiedenen Ämter in der Kirche keine Herrschaft der einen über die anderen". Und daraus folgt für die von uns besprochenen Fragen: Landeskirche und Kirchenkreise sollen immer erst den Gemeinden Modelle dafür anbieten, wie sie ihre Aufgaben besser erfüllen können, als Einladung, sie auszuprobieren. Wenn dies nicht angenommen wird, werden Gemeinden sich schnell der Macht des Faktischen beugen müssen. Aber Freiwilligkeit ist der bessere Weg. Schon die Kategorie von oben und unten ist in einer Kirche, die von der Barmer Theologischen Erklärung geprägt ist, eigentlich eine Häresie.

Nach Barmen soll die Kirche die christliche Botschaft "an alles Volk" ausrichten.

Markus Dröge: Diese Aufforderung und die Verpflichtung, Regierende und Regierte "an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit" zu erinnern, verpflichtet die Kirche, offene und öffentliche Kirche zu sein. Auch wenn wir kleiner werden, dürfen wir uns nicht in freikirchliche Strukturen zurückziehen. Das ist für mich ein weiterer, gewichtiger Grund, die parochialen Strukturen nicht aufzugeben. Und wir müssen bei allen Reformen darauf achten, dass wir immer wieder die vielfältigen Wirkungsformen des Heiligen Geistes auf allen Ebenen der Kirche erkennen und sie in vielfältigen spirituellen Formen auch leben.

Das heißt, die Vielfalt von und in Gemeinden ist nicht nur hinzunehmen, sondern als Frucht des Heiligen Geistes zu würdigen.

Markus Dröge: Ja, die Barmer Theologische Erklärung bekennt, dass der auferstandene Jesus Christus in der Kirche durch den Heiligen Geist, in Wort und Sakrament, wirkt. Und da dieser Geist ein Geist der Vielfalt ist, kann ich das politische Engagement für die Gerechtigkeit genauso als seine Wirkung sehen wie das Glaubensleben des Einzelnen.

Sie sind nicht nur promovierter Theologe, sondern auch Systemischer Berater. Was sagen Sie aus dieser Perspektive zu den angesprochenen Fragen?

Markus Dröge: Ich habe die Systemische Ausbildung bei einem Institut für Familientherapie auch deswegen gemacht, weil ich die Kirche mit der Barmer Theologischen Erklärung als Familie verstehe. Darin unterscheidet sie sich beispielsweise von einem Unternehmen, das Menschen "freisetzt" und sich von ihnen trennt. Aus der christlichen Gemeinde wird niemand freigesetzt. In der systemischen Ausbildung habe ich auch gelernt, beim Einzelnen nicht die Defizite zu sehen, sondern die Stärken. Und es geht darum, zu schauen, wie und wo die vorhandenen Ressourcen in einer neuen Situation fruchtbar gemacht werden können.

Auf gut Deutsch gesagt, eine kleine Gemeinde, die mit einer größeren fusioniert, kann und soll das Gute, das in ihr gemacht wird, in die größere Gemeinde einbringen. Und vielleicht entwickelt es sich dort sogar erst noch zu voller Blüte.

Markus Dröge: In kleinen Gemeinden höre ich oft Klagen über das, was sie nicht mehr leisten können. Ich versuche sie immer auf das hinzuweisen, was ihnen gelingt, und nicht nur auf das zu schauen, was einmal möglich gewesen ist, als die Zahl der Gemeindeglieder und Mitarbeiter wesentlich größer war. Stattdessen sollten sie das, was sie leisten, vor dem Hintergrund dessen sehen, was sie in eine Region einbringen können und welche Möglichkeiten sich ihnen in diesem Rahmen eröffnen.

Das Gespräch führten Stephan Kosch und Jürgen Wandel am 19. August 2013 in Berlin.

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Markus Dröge

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