Der andere Kreuzstab

Papst Franziskus setzte auf Lampedusa ein Zeichen
Humanitäre Katastrophen an Europas Grenzen zu verhindern, ist unabdingbar. Doch ebenso wichtig ist die Aufgabe, dass Europa seinen Beitrag zu menschenwürdigen Verhältnissen in Afrika, unserem Nachbarkontinent, leistet.

Die römischen Päpste tragen als Zeichen ihres Amtes einen Kreuzstab, auch Ferula genannt. Er ist nicht wie Bischofs- oder Abtsstäbe oben gekrümmt, sondern endet in einem Kreuz. Papst Johannes Paul II. war oft mit diesem Stab zu sehen; je deutlicher die Spuren der Krankheit an seinem Gesicht abzulesen waren, desto mehr verschmolzen das Kreuz Jesu und das Kreuz des Papstes miteinander. Er sah aus "wie das Leiden Christi".

Auch Papst Franziskus benutzt gelegentlich die Ferula, die schon von seinen Vorgängern bekannt ist. Doch als er am 8. Juli 2013 die Flüchtlingsinsel Lampedusa besuchte, hatte er einen anderen Kreuzstab bei sich. Er war aus hölzernen Teilen gekenterter Flüchtlingsboote zusammengefügt. Das Zeichen päpstlicher Majestät wurde zum Ausdruck der Solidarität mit Menschen, die in Europa Zuflucht suchen und in den Fluten des Mittelmeers ertrinken, bevor sie die rettenden Ufer unseres Kontinents erreichen.

Der Papst wird, so ist zu befürchten, diesen Kreuzstab noch häufiger tragen müssen. Während am 3. Oktober 2013 in Deutschland der Tag der Deutschen Einheit begangen wurde, riss ein schreckliches Feuer auf einem Flüchtlingsschiff vor Lampedusa Hunderte von Flüchtlingen in den Tod. Als "Schande" bezeichnete der Papst dieses Geschehen. Auch in einem solchen Tod erscheinen uns Menschen "wie das Leiden Christi". Der Kreuzstab aus den Resten von Flüchtlingsbooten, die zerschellten, bevor sie Rettung bringen konnten, wird dafür zum Symbol.

Seit Jahren kommen Bootsflüchtlinge aus Libyen und Tunesien nach Lampedusa, um von dort aus über Sizilien das europäische Festland zu erreichen und Zuflucht zu finden. Weil die Boote oft hoffnungslos überfüllt sind, kommt es immer wieder zu tödlichen Unfällen. Die Zahl der Todesopfer während der letzten zehn Jahre wird auf 6200 Menschen geschätzt; 350 starben allein bei dem Unglück am 3. Oktober. In einem für 850 Menschen ausgelegten Auffanglager wurden bisweilen doppelt so viele Menschen untergebracht. Lampedusa mit seinen viereinhalbtausend ständigen Einwohnern ist von diesem Ansturm völlig überfordert.

Die Europäische Union versucht, sich an ihren Außengrenzen gegen Flüchtlinge abzuschotten. Für die dadurch entstehende Situation muss sie dann aber auch gemeinschaftlich die Verantwortung übernehmen. Zuwanderungsregeln müssen einvernehmlich festgelegt, ausgestaltet und umgesetzt werden. Dabei muss der nötige Spielraum für die Aufnahme von Menschen gewährleistet werden, deren Leib und Leben bedroht sind. Die humanitären Katastrophen an den Außengrenzen Europas sind - mit den Worten von Papst Franziskus - eine Schande für einen Kontinent, zu dessen Identität das Eintreten für die gleiche Würde und die gleichen Rechte jedes Menschen gehört.

Humanitäre Katastrophen an Europas Grenzen zu verhindern, ist unabdingbar. Doch ebenso wichtig ist die Aufgabe, dass Europa seinen Beitrag zu menschenwürdigen Verhältnissen in Afrika, unserem Nachbarkontinent, leistet. Initiativen dazu, die Entwicklung Afrikas zu einem zentralen Thema europäischer Verantwortung zu machen, verlaufen bisher immer wieder im Sande. Dabei kann es nicht bleiben.

Wolfgang Huber, Bischof i. R. der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und früherer Ratsvorsitzender der EKD sowie Mitherausgeber von zeitzeichen.

Wolfgang Huber

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