Im Niemandsland

Tausende Flüchtlinge aus Syrien stranden im kurdischen Norden des Irak
Das Flüchtlingslager Domiz. Fotos: Jens Großmann
Das Flüchtlingslager Domiz. Fotos: Jens Großmann
Keine siebzig Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt liegt im nördlichen Irak die Zeltstadt Domiz. Hier leben Tausende von Menschen, die dem Krieg in ihrem Heimatland entflohen sind.

Mohamedkhir Ali Abosh kann nicht mehr sprechen. Dabei sind alle Wörter noch da in seinem Kopf. Die Geschichten. Doch sie sind auf stumm geschaltet, weil sie nur schwer zu ertragen sind.

Mit Hilfe von Stift und Zettel erzählt der 47-Jährige, dass er neben Kurdisch auch Englisch, Türkisch und Arabisch sprach. Jedes Wort, das er sagen will, malt er sorgfältig auf. Und manchmal, wenn ihm etwas wichtig ist, unterstreicht er die Buchstaben. So erzählt er von seinem großen Haus, von seinem eigenen Elektroladen, mit dem er gut Geld verdiente, und von den Schülern, denen er im Nebenjob Englisch beibrachte. Er erzählt von seiner Heimatstadt Zbdan in der Nähe von Damaskus. Einem hübschen Ort in den Bergen, dem die syrische Hauptstadt zu Füßen liegt. Früher machten dort wohlhabende Touristen Urlaub. Jetzt ist dort Krieg.

Mohamedkhir Ali Abosh, seine Frau und die drei Kinder leben auf zwanzig Quadratmetern unter einer schmutzig braunen Zeltplane im Flüchtlingslager Domiz in der Nähe der Stadt Dohuk im kurdischen Norden des Irak. Es ist ein staubiger, trister Ort mitten in der Wüste, an dem im Sommer die Temperaturen auf über fünfzig Grad klettern und im Winter so viel Schnee fällt, dass die Zelte unter der Last zusammenbrechen. Hier - 180 Kilometer nordwestlich von Erbil, der aufstrebenden Hauptstadt der autonomen Provinz Kurdistan - stranden die kurdischen Flüchtlinge aus Syrien. An einem Ort, an dem Saddam Hussein einst schicke Häuser für seine Offiziere errichten ließ. In einer Gegend, in der unter der Erdoberfläche riesige Ölvorräte lagern und brennende Türme von Förderanlagen alle paar Kilometer in den Himmel ragen. Hier sammeln sich die Flüchtlinge in der ockerfarbenen Stadt aus schiefen Zelten und eilig zusammengezimmerten Hütten im Niemandsland, an einem vergessenen Ort im toten Winkel der Welt.

Denn die Nachrichten aus dem Irak, die fast täglich um die Welt gehen, berichten nur von explodierenden Autobomben und Anschlägen, von Terrorismus und Tod. Doch sie berichten kaum davon, dass ein Teil des syrischen Flüchtlingsdramas auch hier spielt. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) ist ein Viertel der syrischen Bevölkerung - im Land lebten einst etwa 21 Millionen Menschen - auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg. Mehr als zwei Millionen Syrer sind seit 2011 ins Ausland geflohen, die meisten in die umliegenden Nachbarländer: 183000 allein in den Irak.

Der Arzt Youshia Warda arbeitet im Kirkuk Center for Torture Victims.
Der Arzt Youshia Warda arbeitet im Kirkuk Center for Torture Victims.
Eine Familie im Lager: Mohamedkhir Ali Abosh, Ruquaya Ahmed Haji, Kinder Riwan, Evan und Yasmin.
Eine Familie im Lager: Mohamedkhir Ali Abosh, Ruquaya Ahmed Haji, Kinder Riwan, Evan und Yasmin.

Anfang des Jahres kamen täglich tausend neue Flüchtlinge nach Domiz. Dann wurde die Grenze zu Syrien für vier Monate dichtgemacht - bis die USA mit einem Militärschlag drohten. Aus humanitären Gründen hat Bagdad die Grenze wieder geöffnet und drei weitere Flüchtlingslager bei Erbil und Suleimanija eröffnet.

Im kurdischen Autonomiegebiet im Norden des Irak leben rund 5,2 Millionen Menschen. In dem von Anschlägen gebeutelten Land ist das "Kurdistan des Irak", wie das Land offiziell heißt, seit dem Sturz von Machthaber Saddam Hussein 2003 eine weitgehend sichere Ecke - abgesehen von gelegentlichen Konflikten zwischen den Kurden und der Zentralregierung in Bagdad. Es geht um kurdische Gebietsansprüche und die Förderung von Öl und Gas in umstrittenen Regionen. Viele ausländische Firmen investieren in der Region, das Auswärtige Amt beschreibt die Sicherheitslage als "vergleichsweise gut", und seit 2010 fliegt auch die Lufthansa nach Erbil. Doch der friedliche Eindruck trügt: Erst vor wenigen Tagen sind zum ersten Mal seit Mai 2007 wieder mehrere Autobomben vor Gebäuden der Sicherheitsbehörden in Erbil explodiert.

Das Camp Domiz, im April 2012 unweit der Stadt Dohuk errichtet, ist etwa siebzig Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt. Es war ursprünglich auf rund dreißigtausend Menschen ausgelegt. Inzwischen sind hundertzwanzigtausend dort registriert. Wie viele tatsächlich in den Zelten und Verschlägen leben, weiß keiner - sechzig-, vielleicht siebzigtausend. Denn niemand, der sich beim UN-Flüchtlingshilfswerk registrieren lässt, muss im Lager wohnen. Viele mieten sich eine Wohnung oder schlüpfen bei Verwandten oder Bekannten unter. Viele schlagen sich auch mit kleinen Aufträgen durch, denn die Flüchtlinge können sich im Land frei bewegen und Arbeit suchen.

"Hier ist es sicher und entspannt", sagt der Assistent des Camp-Leiters, Jamal Suleman, "hier sind die Flüchtlinge willkommen." Und tatsächlich: Die Zeltstadt Domiz gleicht einem Fünf-Sterne-Camp. Es gibt rund um die Uhr Strom und sauberes Wasser, ein Krankenhaus, Spielplätze und sechs Schulen, an denen syrische Lehrer unterrichten, die selbst geflohen sind. Längst wurden Restaurants eröffnet, Schuhläden, Internet-Cafés und Kneipen. In den Friseursalons wird auch Maniküre angeboten und die Handyläden haben die neuesten Modelle im Schaufenster.

Der Therapeut Ivan Hashim bei einer Therapiesitzung .
Der Therapeut Ivan Hashim bei einer Therapiesitzung .
Szenen aus dem Lager.
Szenen aus dem Lager.

Auch wenn der süßliche Gestank von Müll und Abwasser in der Luft wabert und der Staub in alle Poren dringt: An vielen Zelten hängt eine Klimaanlage und auf fast allen ist eine Satellitenschüssel montiert. Denn an Geld mangelt es den Flüchtlingen nicht. Die meisten, die jetzt auf dem Boden schlafen, die sich die Toiletten teilen und um Lebensmittelgutscheine anstehen, mit denen sie im Supermarkt für 31 Dollar (rund 23 Euro) im Monat einkaufen können, stammen aus der syrischen Mittelschicht. Sie haben als Handwerker, Architekten, Lehrer und Ingenieure gearbeitet. Und sie hatten ein Haus, ein Auto - ein Leben im Wohlstand. "Umso schlimmer ist es für sie, auf diesem beengten Raum in einem Zelt zu hausen", sagt Salah Ahmad.

Der Syrer Ahmad, der in Berlin und Erbil lebt, hat in Domiz vor kurzem ein Behandlungszentrum für Gewalt- und Folteropfer eröffnet. Es ist das letzte von sieben Zentren der irakischen Organisation, die im Jahr 2005 gegründet wurde und eng mit dem Berliner Zentrum für Folteropfer zusammenarbeitet. Das "Kirkuk Center" für traumatisierte Kriegsflüchtlinge, das mit deutschen Geldern des katholischen Hilfswerks Misereor finanziert wird, ist eine Oase in einem weißen Baucontainer, um den der Hausmeister eine winzige Rasenfläche angelegt hat und zwei spärliche Blumenbeete, die er liebevoll gießt. Ein Arzt und zwei Psychologen behandeln in dem Zentrum Menschen wie Mohamedkhir Ali Abosh. Und das ist dringend nötig: Wie eine Studie der "International Crisis Group" belegt, hat der Großteil der Kurden in Syrien - sie machen immerhin zehn Prozent der Bevölkerung aus - schon während des Assad-Regimes unter schweren Menschenrechtsverletzungen gelitten: unter Folter oder Entführungen, Drohungen, Einschüchterungen oder Inhaftierungen. Laut der UN haben viele der kurdischen Flüchtlinge auch während des Krieges traumatisierende Erfahrungen gemacht.

Gut vierhundert Patienten, erzählt Salah Ahmad, kamen im vergangenen Monat ins "Kirkuk Center" - Tendenz steigend. Menschen, die traumatisiert sind und die leiden, sagt Ahmad, sind in ihrem Leben schwer beeinträchtigt. Sie brauchen Hilfe. Denn sonst bleibt eine Gesellschaft, die nur Gewalt erlebt hat, immer eine kranke - und damit eine gewalttätige - Gesellschaft. Der kleine Taher hat einen Termin bei der Therapeutin Asma Yousif Mahammad. Der Siebenjährige ist anstrengend und aggressiv, er kann sich beim Spielen nicht konzentrieren. Immer wieder springt er auf, rennt zum Fenster, schaut hinaus. Er hat Angst, dass die Soldaten wiederkommen. Denn er hat erlebt, wie sie in seiner Straße einmarschiert sind, hat die Panzer vorbeiziehen und die Flugzeuge Bomben abwerfen sehen. "Da ist Geduld nötig", sagt Asma Yousif Mahammad und spielt weiter mit Taher Memory. Stunde um Stunde.

Die Warteliste der Patienten ist lang an diesem Vormittag. Viele Frauen sind darunter, viele Kinder. Sie können nicht mehr schlafen, nicht mehr essen, haben undefinierbare Schmerzen. Typische Symptome eines Traumas.

Szenen aus dem Lager.
Szenen aus dem Lager.
Szenen aus dem Lager.
Szenen aus dem Lager.

Edrees Abdulla Jangeer hat Röntgenbilder mitgebracht, sie zeigen die Splitter, die noch in seinem Kopf stecken. Daheim in Damaskus hat der 39-Jährige Brautkleider geschneidert. Jetzt, im Flüchtlingscamp, ist sein Leben auf das Existenzielle geschrumpft: essen, trinken, schlafen. Und warten. Jangeer erzählt von seiner Flucht. Gemeinsam mit dem Vater wollte er zu Fuß über die Grenze in den Irak. Er sagt, dass Regierungssoldaten ihm ins Gesicht geschossen haben, und zeigt seine linke Wange, die durchlöchert war, und seine Mundhöhle, in der auf der einen Seite keine Zähne mehr sind. Dann berichtet er von einem Krankenhaus, in dem er gefesselt lag, und von einem Gefängnis, aus dem er fliehen konnte. Er erzählt von den Toten in den Straßen, von abgehackten Händen und Füßen, von unvorstellbaren Gräueltaten. Und davon, dass ihn seine Kopfschmerzen oft nächtelang nicht schlafen lassen.

Fast jeder der Patienten hat eine ähnliche Geschichte erlebt. In fast jedem Zelt verbirgt sich ein Schicksal. Meist klingt es wahr, was die Flüchtlinge berichten. Aber eben unglaublich.

Mohamedkhir Ali Abosh kommt seit einem Jahr ins "Kirkuk Center". Die Diagnose: schwer traumatisiert. Einmal in der Woche unterhält er sich mit Ivan Hashim, dem jungen Therapeuten, der versucht, ihm die Sprache wiederzugeben. Viele Blöcke hat Abosh schon vollgeschrieben. An diesem Vormittag malt er erneut auf, was er erlebt hat: Er spricht von den Bomben, die keine zehn Meter neben seinem Haus eingeschlagen sind. Von dem Feuer, dem großen Loch, dem Schock, den er erlitten hat. Und davon, dass er ziellos durch die Stadt geirrt ist. Acht Tage war er unterwegs in Zbdan, dann hat ihn das Militär aufgegriffen. "Sie dachten, ich bin einer der Rebellen, ein Terrorist", sagt Abosh - und schlägt die Hände vors Gesicht.

Dann plötzlich wird sein Blick gläsern, er fasst sich an den Kopf. "Die Albträume sind zurück", sagt Ivan Hashim nur und nimmt Mohamedkhir Ali Abosh in den Arm. "Damit er spürt, dass er nicht alleine ist." Ein Flashback. Abosh sinkt in sich zusammen, starrt an die weiße Wand. Er sieht die Bomben wieder, die Einschläge, das Feuer. Ein Film läuft vor seinem inneren Auge ab, dem er nicht entkommen kann. Völlig entrückt schaut er seinen Therapeuten an, er erkennt ihn nicht.

Fünf Minuten später kommt Mohamedkhir Ali Abosh wieder zu sich. Was bleibt, sind stechende Kopfschmerzen. Unendliche Traurigkeit. Er kann nur noch im Sitzen schlafen, erzählt er dann. Er kann sich nicht mehr konzentrieren - weil ständig Bomben um ihn explodieren. Und weil da noch etwas passiert sein muss, etwas ganz Schreckliches, über das er immer noch nicht sprechen kann, vermutet Ivan Hashim.

Später dann, im Zelt der Familie Abosh, holt Mohamedkhir Ali Abosh Fotos aus einer zerknitterten Plastikhülle. Man sieht darauf eine junge Frau mit langen Locken. Ihr Rock ist kurz, und das Lächeln ist strahlend, das sie dem Mann an ihrer Seite zuwirft. Der hat dunkles, volles Haar und trägt einen modischen Anzug. Das Haar von Mohamedkhir Ali Abosh ist grau geworden, das Gesicht schmal. Seine Frau Ruquaya verbirgt ihr Haar unter einem Kopftuch. Der Stapel Fotos ist alles, was der Familie Abosh vom alten Leben geblieben ist.

Ob er - trotz all des Leids, das ihm widerfahren ist - zurück will nach Syrien? "It's our home!", kritzelt Abosh auf seinen Zettel und nickt: "Es ist unsere Heimat!"

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Text: Andrea Kümpfbeck / Fotos: Jens Großmann

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