Eindrucksvoll und überzeugend

Über Albert Camus
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Es ist wichtig, an den Camus zu erinnern, der unter der Übermacht der die Öffentlichkeit beherrschenden Linken nie richtig zur Geltung kam.

Albert Camus steht noch immer im Schatten von Jean-Paul Sartres allüberragender Dominanz. Den eigenständigen Durchbruch für das Werk des vor einhundert Jahren Geborenen (7. November 2013) brachte der Anarchist Michel Onfray. "L'Ordre libertaire" ist sein Buch überschrieben, die libertäre Ordnung. Das Wort "libertär" hat sich im deutschen Raum nie eingebürgert, wie auch das Wort "Anarchismus" blankes Entsetzen auslöst. Dass es in der Geschichte der verschiedenen sozialistischen Weltbewegungen auch eine gab, die der Übermacht des Staates eine Absage erteilte und auf Solidarität und Subsidiarität setzte, ist in Deutschland nie groß geworden. In den romanischen Ländern jedoch war es eine starke politische Kraft. Es ist wichtig, an den Camus zu erinnern, der unter der Übermacht der die Öffentlichkeit beherrschenden Linken nie richtig zur Geltung kam. In Osteuropa hatte Camus zu Lebzeiten und danach eine sehr große Anhängerschaft. Er war der Einzige, der die Rebellen vom Alexanderplatz und anderen Orten in der damaligen DDR nach dem 17. Juni 1953 begrüßte und ihnen größten Respekt und Zustimmung in einer öffentlichen Veranstaltung in Paris aussprach.

Im ersten Teil geht es um das mediterrane Denken. Der Autor nimmt den Camus-Begriff des mittelmeerischen Denkens ohne Begriffskritik einfach an und versetzt sich immer wieder in das Leben wie das Werk von Camus. Die Irrungen und Wirrungen seiner frühen Jugend, die zeitweilige Verführung durch die Kommunistische Partei. Und er beschreibt die Metaphysik des Absurden in Anlehnung an den bekannten "Mythos vom Sisyphos". Im zweiten Teil über "Das Europäische Exil" geht der Autor den vielen Bemühungen des Frühverstorbenen nach, im Getümmel einer dominanten Linken seine eigene Stimme hörbar zu machen. Das wichtigste Kapitel scheint das über den Anarcho-Syndikalismus, weil damit eine Zeitströmung beschrieben wird, die es in Mitteleuropa nicht gegeben hat.

Onfray belegt die Neigungen von Camus zum politischen Anarchismus, die Camus von der Elite in Frankreich damals entfremdet hatten. Sartre habe noch 1972 gegenüber Camus keine Gnade gezeigt. 1972 gab er John Gerassi ein Interview, "in dem er sich förmlich über Camus auskotzte". Er hielt ihn für einen extrem reaktionären Algerienfranzosen, der Algerien weiterhin als französische Kolonie sehen wolle. Für Camus gab es keine Trennung von Ethik und Politik. Die politische Klasse der Vorkriegszeit war gescheitert.

Ganz viel erfährt man im Buch über die Entstehungsgeschichte der Werke, auch über die Haltung von Camus zur Kirche. Camus stand gegen die vielen selbstgerechten Katholiken, gegen die er die Freundschaft von René Leynaud aufbrachte, eines überzeugten Christen, der während der Nazi-Besetzung in einem Waldstück blindwütig erschossen worden war. Und auch das Kapitel über den Bürgerkrieg in Algerien ist eindrucksvoll geschrieben und überzeugt.

Das Buch macht uns deutlich, wie viel uns der Autor des Dramas "Die Gerechten" (siehe Seite 69) zu sagen hat, der damals schon darauf bestand, dass man Gewalt nur anwenden dürfe, wenn man bereit sei, mit seinem Leben dafür zu bezahlen.

Michel Onfray: Im Namen der Freiheit. Leben und Philosophie des Albert Camus. Knaus Verlag, München 2013, 576 Seiten, Euro 29, 99.

Rupert Neudeck

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