Ein Lehrer des Friedens

Der Theologe Heinz Eduard Tödt war in besonderer Weise Zeuge des 20. Jahrhunderts
Heinz Eduard Tödt (1918–1991). Foto: kna
Heinz Eduard Tödt (1918–1991). Foto: kna
Heinz Eduard Tödt war einer der großen theologischen Ethik-Lehrer des vergangenen Jahrhunderts. Wie er dazu wurde, wie dornig der biographische Weg dahin für ihn war, zeigt Wolfgang Huber, Altratsvorsitzender der EKD.

Könnte er es erleben, so würde der Theologe Heinz Eduard Tödt am 4. Mai 95 Jahre alt. Als unerreichbar gilt ein solches Alter heute nicht. Doch Tödt erwartete nicht, dass ihm eine solche Lebensspanne gewährt würde. Dass seine Zeit begrenzt war, stand ihm deutlich vor Augen; er suchte sie auszukaufen, so gut es ging. Er starb am 25. Mai 1991 im Alter von 73 Jahren.

Im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs wurde er geboren. Von seiner Generation hieß es: Geboren in dem Krieg - für den Krieg. Obwohl er in einem nordfriesischen Pfarrhaus aufwuchs, war der Weg zur Theologie alles andere als selbstverständlich. Das konservative Luthertum, das ihn umgab, bot keineswegs einen sicheren Schutz gegen nationalistische Verirrungen. Schon früh zeigte sich die Verbindung eines scharfen Intellekts mit einer herausragenden Fähigkeit zur Menschenführung. Es lag nahe, dass der Gymnasiast in der Nazizeit Jungvolkführer wurde. Das trug ihm die Einladung zu einem Elitekurs der Reichsjugendführerschule in Potsdam ein, bei dem der Siebzehnjährige neben anderen dem Reichsjugendführer Baldur von Schirach begegnete. Und dabei gewann er Klarheit über den kirchen- und christentumsfeindlichen Charakter der nationalsozialistischen Herrschaft.

Damit stand die Entscheidung fest: Tödt löste sich aus der Bindung an die Hitler-Bewegung und entschied sich für die Theologie. Er sah den Nationalsozialismus nun im Licht der Versuchungsgeschichte Jesu und war davon überzeugt, dass dessen Aufstieg in Selbstzerstörung umschlagen werde. Er hielt sich zugleich an den Katechismussatz, dass wir Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen sollen. Darin fand er einen klaren Kompass für sein Leben. Eine theologische Existenz begann. Es sollten freilich viele Jahre vergehen, bis Tödt die Möglichkeit erhielt, Theologie zu studieren. Doch als Theologe verstand er sich in all dieser Zeit. Schon auf das Abitur hatte Tödt sich unabhängig von der Schule vorbereitet. Auf autodidaktisches Studium sollte er noch weitere vierzehn Jahre angewiesen bleiben. Auf das Abitur Anfang 1937 folgten den Regeln jener Zeit entsprechend Arbeits- und Wehrdienst. Der ging 1939 bruchlos in den Kriegsdienst über, den Tödt bei der berittenen Artillerie verbrachte. Seine Fähigkeit, Lösungen für schier unlösbare Aufgaben zu finden und Menschen für den gefundenen Weg zu begeistern, prädestinierte ihn für verantwortliche Funktionen; ungewöhnlich jung und ohne sich danach zu drängen, wurde er Major der Reserve. Vier Jahre verbrachte er an der Ostfront, die längste und entbehrungsreichste Zeit im Kessel von Demjansk.

Die Bücher blieben

Freie Stunden widmete er auch mitten in kriegerischer Bedrängnis dem Studium theologischer und philosophischer Bücher. Vom ersten bis zum letzten Kriegstag und ebenso in den anschließenden fünf Jahren in sowjetischer Kriegsgefangenschaft schien es ihm an Büchern nie zu fehlen, mochten sie in einem verlassenen Pfarrhaus oder anderswo auftauchen.

Dass ihm sogar in der Kriegsgefangenschaft die Bücher blieben, war erstaunlich, denn die persönlichen Habseligkeiten wurden bei jedem Lagerwechsel sorgfältig gefilzt. Jedes Mal gelang es ihm, bei der Durchsuchung seines Gepäcks den Bücherkoffer unter den Lumpen zu verbergen, die er gesammelt hatte, weil dem Kriegsgefangenen Socken genauso fehlten wie Schuhe. Erst bei der späten Entlassung aus der Gefangenschaft im April 1950 musste er seine Bücher preisgeben - und mit ihnen auch ein Manuskript über die Geschichte der abendländischen Philosophie, das er im Lauf dieser schweren Jahre geschrieben hatte. Ohne einen einzigen Tag an der Universität war er zum Theologen geworden und wurde von Kameraden wie Bewachern auch als ein solcher angesehen. Mit der Rückkehr wollte er endlich verwirklichen, woran er vierzehn lange Jahre gehindert worden war. Aber auch für seine Mitstudenten wurde er vom ersten Tag an zum Lehrer.

Oft genug stand ihm während des Hitler-Krieges wie in den stalinistischen Gefangenenlagern vor Augen, dass sein Leben zu Ende gehen könne. Am Soldatentod seines jüngeren Bruders, dem er selbst das Grab schaufeln musste, hatte er das unmittelbar erlebt. Ein langes Leben erwartete er nicht; trotz aller schweren Erlebnisse sah er auch in der Zeit von Krieg und Gefangenschaft sein persönliches Leben als so reich und erfüllt an, dass er auch dessen Ende anzunehmen bereit war. Er überstand alle Gefahren, doch die Entbehrungen eines langen Jahrzehnts hatten so schwere gesundheitliche Folgen, dass sein Leben stets gefährdet blieb. Die letzten zehn Jahre seines Lebens musste er einer Krebserkrankung abringen.

Vor allem aber bestimmten die Erfahrungen von Krieg und Gefangenschaft die Ziele und Schwerpunkte für die zweite Hälfte des Lebens, wie Tödt den Lebensabschnitt nach seiner Rückkehr oft nannte - vier Jahrzehnte, die erfüllt, ja bis zum Äußersten angefüllt waren. Theologie wollte er treiben, um den Glauben, der ihm zum Lebenshalt geworden war, zu verstehen und zu verantworten. Daraus ergab sich das Interesse an systematischer Theologie, für das zwei intensive Studiensemester bei Karl Barth in Basel besonders wichtig wurden. Aber systematische Theologie wollte er mit dem Ziel betreiben, die Kluft zwischen biblischer Exegese und systematischer Reflexion zu überbrücken. Deshalb widmete er seine Dissertation einem neutestamentlichen Thema, nämlich den Überlieferungen vom Menschensohn in den drei ersten Evangelien. Der Frage, wie die biblischen Texte über Wort und Wirken Jesu seit dem späten 19. Jahrhundert in der systematischen Theologie aufgenommen wurden, wollte er sich in einem zweiten Buch zuwenden.

Barth und Friedensethik

Doch zu diesem Buch kam es nicht. Denn noch vor der Promotion - am selben Tag wie seine Frau Ilse, geborene Loges, wenn auch an einem anderen Ort und in einem anderen Fach - drängten schon berufliche Aufgaben auf Heinz Eduard Tödt ein. Für vier Jahre, 1957 bis 1961, übernahm er die Leitung des Evangelischen Studienwerks Villigst; 1961 wechselte er in die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg. Von 1963 an verband er damit die neu geschaffene Professur für Systematische Theologie/Sozialethik an der Universität Heidelberg.

Die Schwerpunkte seines Wirkens, die sich nun abzeichneten, hingen mit den Erfahrungen in der ersten Hälfte seines Lebens unmittelbar zusammen. Sein starkes Interesse an der systematisch-theologischen Verankerung der Ethik dauerte an. Eine der wichtigsten anstehenden Aufgaben sah er darin, die Theologie Barths kritisch weiterzuführen. Doch zugleich brachte er Fragen der Friedensethik in die theologische Forschung und Lehre ein. Er lenkte die Aufmerksamkeit auf Themen der Menschenrechte und des Völkerrechts, und er klärte das Verhältnis des christlichen Ethos zur Demokratie und fragte, warum die christlichen Kirchen den Diktaturen des 20. Jahrhunderts nicht klarsichtiger entgegen getreten waren.

Bei dem Bemühen um die großen Fragen des wissenschaftlich-technischen Zeitalters hatte Tödt stets im Sinn, dass seine Generation auf die Auseinandersetzung mit Unrecht und Willkür nicht zureichend vorbereitet war. Was ihm fehlte, so bekannte er, trat ihm später besonders in Dietrich Bonhoeffers Einsichten und Verhaltensweisen entgegen. Programmatisch verband er die Zuwendung zu Bonhoeffer im Jahr 1976 mit der Feststellung, dass er keinen Grund dazu sah, zwischen Barth und Bonhoeffer zu wählen. Beide wurden ihm zu wichtigen Impulsgebern für die theologische Verantwortungsethik, der seine Arbeit galt. Bonhoeffer widmete er zugleich ein umfangreiches historisches Forschungsprojekt sowie editorische Bemühungen, die Ilse Tödt über seinen Tod hinaus bis zum heutigen Tag fortgesetzt hat.

Erinnerungen veröffentlicht

Als ich Heinz Eduard Tödt nach meinem ersten Besuch in Moskau berichtete, ich sei im Hotel Ukraina untergebracht gewesen, bemerkte er, für dieses Hotel habe seine Gefangenengruppe große Granitsteine behauen. Nur sehr verhalten ließ er uns an seinen Erfahrungen teilnehmen. Die thematische Konzentration auf Fragen der Menschenrechte und des Friedens begründete er nie mit seinen biographischen Erfahrungen, sondern stets aus sachlichen Notwendigkeiten.

Erst nach dem Übergang in den Ruhestand und im Angesicht schwerer Krankheit brachte er das Erlebte zu Papier. So präzise standen ihm die Ereignisse in Krieg und Gefangenschaft vor Augen, dass er sie im ersten Entwurf jeweils in wenigen Ferienwochen 1984 und 1985 niederschrieb. 1987 setzte er mit Erinnerungen an Kindheit und Jugend noch einmal neu an und überarbeitete die Aufzeichnungen über die Jahre 1939 bis 1950, nun unter Einbeziehung seiner Tagebücher und anderer Unterlagen. Im Jahr 2012 wurden diese Erinnerungen veröffentlicht; sie traten neben einen Band, der die Zeit des Studiums bei Karl Barth dokumentiert und zeigt, wie Tödt dessen Anregungen in seiner eigenen theologischen Lehre aufgenommen hat.

Nun lässt sich die innere Zusammengehörigkeit von Lehre und Leben für einen Theologen nachvollziehen, der in einer besonderen Weise als Zeuge des Jahrhunderts gelten kann. Dass Heinz Eduard Tödt zu einem Lehrer des Friedens und der Menschenrechte wurde, wurzelt in der Geschichte seines Lebens. Seine Erinnerungen an Krieg und Willkürherrschaft liest man nur dann in seinem Sinn, wenn man die eigenen Kräfte für die Bändigung der Gewalt und den Schutz der menschlichen Würde einsetzt.

Literatur

Heinz Eduard Tödt: Wagnis und Fügung. Anfänge einer theologischen Biographie. LIT-Verlag, Münster 2012, 424 Seiten, Euro 39,90.

Ders.: Theologie lernen und lehren mit Karl Barth. Briefe - Berichte - Vorlesungen, zusammengestellt von Ilse Tödt. LIT-Verlag, Münster 2012, 320 Seiten, Euro 24,90.

Wolfgang Huber

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