Opulent

Wagner und sein Werk
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Wer das Buch des Londoner Musikjournalisten und Wagnerkenners Barry Millington nach 320 Seiten beiseitelegt, wird sich fragen, ob er den versprochenen "neuen Zugang zu Leben und Werk" Richard Wagners überlesen hat...

Man kennt das: Texter von Verlagsprospekten erliegen immer leicht der Tendenz, den Mund etwas zu voll zu nehmen. Wie in diesem Fall. Wer nämlich das Buch des Londoner Musikjournalisten und Wagnerkenners Barry Millington nach 320 Seiten beiseitelegt, wird sich fragen, ob er den "neuen Zugang zu Leben und Werk" Richard Wagners in diesem "einzigartigen Werk" überlesen hat? Und, wie es, bitteschön, denn nun ausschaut, das "in vielen Punkten neue Wagner-Bild"?

So sehr sich Letzteres am Ende als trockenes Versichern erweist, so steckt doch ein Körnchen Wahrheit darin. Man muss den Satz nur vom Kopf auf die Füße stellen. Zwar gibt uns Millington in seinem "Der Magier von Bayreuth" kein neues Wagner-Bild, er garniert seine Darstellung aber mit einer Flut von Wagner-Bildern. Dreihundert Abbildungen auf 320 Seiten sind rekordverdächtig. Umso unverständlicher, dass der Autor im Vorwort ausgerechnet das Format der "illustrierten Biographie" von sich weist, denn haargenau das ist es, was er vorgelegt hat.

Wobei man Millington zu Gute halten muss, dass sich immerhin fünf seiner dreißig Kapitel mit der Rezeptionsgeschichte befassen - ein unerlässlicher Punkt, ist die Indienstnahme Wagners und Bayreuths durch das NS-Regime ja nur allzu bekannt. Andererseits zählt Millington nicht zu denjenigen Autoren, die um den heißen Brei herumreden. Im Gegenteil erinnert er verdienstvollerweise daran, dass die komplette Öffnung der Wagner-Archive für die historische Forschung bis heute ein Desiderat ist. "In diesen Unterlagen (unter anderem die Korrespondenz Winifreds und Siegfried Wagners mit Hitler) liegt eine Wahrheit der Geschichte, die noch erzählt werden muss."

Wie schwer es indes ist, die Wahrheit der Geschichte eines wütenden Antisemiten namens Richard Wagner zu erzählen, demonstrieren unfreiwillig die gerade einmal neun Seiten, die der Autor diesem trüben Kapitel gewidmet hat. Bedauerlicherweise hat die deutsche Übersetzung Millingtons schöne Metapher dafür in ein belangloses "Missklänge im Gesamtkunstwerk" verwässert. "Grit in the Oyster", "Sandkorn in der Auster" trifft den Punkt weit eher. Doch so sehr man Millington beipflichten möchte, wonach der Antisemitismus Wagners keine "Verirrung" darstellt, sondern dem Werk eingeschrieben ist - den Nachweis dafür bleibt uns Millington schuldig. Er ließe sich ohnehin nicht übers Biographische, sondern allein materialanalytisch im Durchgang durch Partituren und Aufführungskonzepte führen. Will sagen: Das Magische des "Magiers von Bayreuth" ist mit journalistischen Ellen gerade nicht zu (er)messen. Wie man überhaupt den Eindruck nicht loswird, dass der Chef-Musikkritiker des Londoner Evening Standard über sein Ziel hinausschießt, wenn er die Folgelast dieses Kapitels allzu leichtfertig bis nach "Auschwitz" verlängert. Die Belege dafür fehlen. Und zum strittigen Punkt der antisemitisch konnotierten Bühnenfiguren Beckmesser und Mime verweist Millington auf einen einzigen Aufsatz, 1991 publiziert im Cambridge Opera Journal von - Barry Millington.

Fazit: Wer sich als Leser einerseits neu in der Materie fühlt und nach einer alles in allem verlässlichen Einführung in Leben und Wirkungsgeschichte Richard Wagners sucht und wer sich zweitens zutraut, sich von den weniger trittsicheren Passagen und Überzeichnungen des Autors, wie etwa der vom Wäsche-Fetischisten Richard W. ("Wagner in Rosa") nicht aus der Bahn werfen zu lassen - für den käme diese Darstellung durchaus in die engere Wahl. Und im Fall des Falles stünde ja eines der opulenter illustrierten Wagner-Bücher im Regal.

Barry Millington: Der Magier von Bayreuth. Richard Wagner - sein Werk und seine Welt. Primus Verlag, Darmstadt 2012, 320 Seiten, Euro 29,90.

Georg Beck

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