Spannend

Geschichte einer Pfarrersfamilie
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Um verlorene Töchter und Söhne geht es in Gisa Klönnes Roman, um die Sünden der Väter, die die Kinder heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied, um Selbstfindung und Identität und um den Einfluss der Politik auf das Private.

"Du bist nicht meine Tochter!" Wie ein fernes Echo der Vergangenheit taucht dieser verstörende Satz in Rixa Hinrichs Erinnerung auf. Was steckt dahinter? Um verlorene Töchter und Söhne geht es in Gisa Klönnes Roman, um die Sünden der Väter, die die Kinder heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied, um Selbstfindung und Identität und um den Einfluss der Politik auf das Private. Ich-Erzählerin Rixa wird von ihrem Job als Pianistin auf einem Kreuzfahrtschiff nach Berlin gerufen, weil ihre Mutter als Geisterfahrerin ums Leben gekommen ist, auf demselben Autobahnabschnitt, auf dem auch Rixas Bruder sieben Jahre zuvor einen tödlichen Unfall hatte. Oder war es Selbstmord?

Bei ihrem Versuch, die Zusammenhänge herauszufinden, kommt Rixa einem Familiengeheimnis auf die Spur. Ihre Ich-Erzählung und Rückblenden, in denen die Geschichte ihrer Großeltern erzählt wird, wechseln sich ab; ein Zeitpanorama von hundert Jahren breitet Gisa Klönne, bisher bekannt für ihre Kriminalromane, damit aus, und sie macht es auch hier spannend. Vom Vorspann, der jedem Krimi Ehre machen würde, bis zur Auflösung erzählt sie auf knapp 500 Seiten die Geschichte der Pfarrersfamilie Retzlaff vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart.

Wir lernen Rixas strengen Großvater Theodor kennen, der anfangs überzeugtes nsdap-Mitglied wird, sich aber schließlich zum oppositionellen Pfarrer wandelt, der Juden im Pfarrhaus versteckt, und die unpolitische Großmutter Elise, die alle Hände voll damit zu tun hat, sich um Haus, Ehemann und neun Kinder zu kümmern. Es geht um ihren Alltag in der NS-Zeit, ihre Haltung zu Bücherverbrennung und verbotener Musik, Euthanasie, Bekennender Kirche und Deutschen Christen, um eine Amour fou zwischen dem Pfarrer und einer mondänen, freigeistigen Gutsbesitzerin, die zwei behinderte Kinder hat, und schließlich führt eine Spur von der Vergangenheit in die Gegenwart, in die USA zur verlorenen Tochter Amalie. Dabei spielt Kommissar Zufall eine entscheidende Rolle, und das wirkt hier sehr unglaubwürdig.

Das Buch liest sich flott und unterhaltsam, aber nach einer Weile kommt ein Gefühl von Überfütterung auf. Zu viele Themen, zu viele Personen, denn auch die Berliner neue Bohème und das neue Glück zwischen Rixa und einem DDR-Altrocker spielen eine Rolle. Das fühlt sich dann auch an, "so dunkel und klebrig wie der Zuckerrübensirup, den wir als Kinder ... gern aßen", und bei allem Bemühen, ihre Protagonisten differenziert darzustellen, sind mitunter die Rollen- und Themenzuschreibungen allzu plakativ. Dass ein evangelischer Pastor einem Jungen nicht die "Sterbesakramente" spenden kann, hätte ein aufmerksames Lektorat merken müssen. Aber ein spannender Schmöker für den Strandurlaub in Mecklenburg-Vorpommern ist das Buch allemal.

Gisa Klönne: Das Lied der Stare nach dem Frost . Roman. Pendo Verlag, München 2013, 480 Seiten, Euro 19,99.

Jutta Schreur

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