Überwunden

Über den Teufel
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Der Mainzer Theologe schreibt eine Religionsgeschichte des Teufels, seiner vielen Gesichter und Maskeraden, seiner Rollen als Gegenspieler und Agent Gottes. Die Reise geht durch die Bibel, das Judentum und den Islam, durch die Kirchengeschichte bis zur Gegenwartstheologie, zur Literatur, Kunst und Musik.

Je schwächer der Glaube an Gott, desto populärer ist die rätselhafte Gestalt des Bösen, der Teufel. Die Figur mit den vielen Gesichtern - ob als Person, als Mythos oder Prinzip - hat Konjunktur; die säkulare Kultur hat sich von der Verkörperung des Bösen nicht verabschiedet - und erbringt damit fast so etwas wie einen pragmatischen Gottesbeweis. Denn der Teufel ist selbst religiös, angewiesen auf die Existenz Gottes.

Der Mainzer Theologe Paul Metzger greift dieses aktuelle Interesse auf und schreibt eine Religionsgeschichte des Teufels, seiner vielen Gesichter und Maskeraden, seiner Rollen als Gegenspieler und Agent Gottes. Die Reise geht vom Alten über das Neue Testament, das Judentum und den Islam, durch die Kirchengeschichte bis zur Gegenwartstheologie, zur Literatur, Kunst und zur populären Musik.

Die Wurzeln der Gestalt des Teufels als des personifizierten Bösen liegen für die westlichen Kulturen im mediterranen Raum. Dort hat er zumeist einen Januskopf, ambivalent oszillierend zwischen Böse und Gut. Nur in der Religion Altpersiens tritt der Teufel als absolutes Prinzip des Bösen auf: Gut und Böse stehen sich im dualistischen Weltbild des Zarathustra als gleich starke, einander ausschließende Elemente im Kampf gegenüber. In den anderen Traditionen, insbesondere den mediterranen Hochreligionen erscheint der Widersacher Gottes - ob in der Gestalt Satans im Hiobbuch oder als Lichtbringer Luzifer oder Helel bei Jesaja - als gefallener Engel in der Rolle eines Agenten Gottes wider Willen, eines göttlichen Werkzeugs.

Metzger verfolgt die vielfältigen Spuren und Rollen des Teufels als Lügner, Wortverdreher, Intrigant, Ankläger, Versucher, Verführer und Neider durch die Zeugnisse der drei Hochreligionen und der Literatur und Kunst und zeichnet die Karriere dieser Figur von der personalen Realpräsenz bis zum Prinzip und Symbol nach. Im Blick auf die Personifizierung des Bösen ist zwischen dem moralischen und dem natürlichen Übel zu unterscheiden; wird das natürliche Übel zumeist als Unglück erlebt, so wird das moralische Böse als Absicht oder Tat einer menschlichen Person erfahren.

Dabei zeigt sich der Teufel im Wesentlichen in drei Rollen: Als der Versucher und Verführer tritt er zwischen Gott und Mensch und verstellt den Blick auf Gottes Willen und Güte; hier hat der Teufelspakt seinen Platz. Als Ankläger tritt der Teufel als Denunziant und stasihafter Kontrolleur Gottes in Erscheinung. Als Antichrist und apokalyptischer Widersacher Gottes strebt er die endzeitliche Herrschaft über die Welt an.

An allen Rollen und Funktionen des personifizierten Bösen wird freilich deutlich, dass es das absolute Böse nicht gibt. Dem Bösen und dem Übel kommt jeweils nur eine abgeleitete Existenz zu; es gewinnt als subjektive Interpretation im Denken der Betroffenen Gestalt. Dementsprechend endet Metzgers Phänomenologie des Teuflischen in einer Aporie; denn auch in dieser Einsicht bleibt das schwer erträgliche Paradox bestehen, dass das Böse trotzdem wirksam ist und Folgen hat. Demgegenüber gehe es - so formuliert Metzger mit dem Theologen Ingolf Dalferth - darum, "eine Möglichkeit zu finden, sich zur unbegreiflichen Wirklichkeit sinnlosen Übels so zu verhalten, dass man weiterleben kann".

Für die Figur des Teufels bedeutet all das, "ihn als Verkörperung und in gewissem Sinn auch Domestizierung des Bösen zu sehen. Der Teufel macht das Böse auf seine Weise rational". Im Licht dieser Betrachtung wirkt freilich die angerufene Zusage des Glaubens, dass Christus die Macht des Bösen überwunden hat, als wenig tröstlich. Das Buch ist gründlich und informativ in der Analyse und Beschreibung, aber weniger ergiebig in der Konklusion.

Paul Metzger: Der Teufel. Marix Verlag, Wiesbaden 2012. 222 Seiten, Euro 5,-.

Hans Norbert Janowski

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