Weltausschnitt

Leben nach dem Mauerbau
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Wer denkt, Helga Schütz beschreibe einen larmoyanten Ost-West-Konflikt, der irrt. Sie liefert vielmehr ein nüchternes Zeitpanaroma der Sechzigerjahre in der DDR. Und sie formuliert sachlich, nicht mit einseitig-erregtem Blick.

Sie war sieben Jahre alt, als sie nach Dresden kam und das Inferno der Bombardierung im Februar 1945 erlebte. Später erlernte die Schriftstellerin Helga Schütz den Beruf der Landschaftsgärtnerin, verließ Dresden und ging als Studentin an die Hochschule für Film und Fernsehen nach Potsdam.

Diese Stationen gleichen denen von Rafaela Reich, genannt Eli, der Hauptfigur ihres neuen Romans "Sepia". Es gibt viele Details, die sich an Schütz' Leben orientieren. Doch ob der Roman autobiographische Züge trägt oder mit Zeichen ihres Lebens durchsetzt ist, spielt für die Qualität und den Lesegenuss keine Rolle.

In Helga Schütz' neuem Roman folgt die Leserin dem Bildungs- und Lebensweg der siebzehnjährigen Eli. Diese macht sich in den Fünfzigerjahren aus ihrem Zuhause in Dresden, das sie mit ihrem Großvater teilt, auf nach Potsdam, um dort zu studieren. Kinematographie heißt das Fach ihrer Wahl. Und die "Arbeiterin" Eli bekommt den ersehnten Platz, jedoch: "Ich bin von den schöpferischen Aufgaben befreit, weil ich nicht kreativ bin", schreibt sie an Großvater Anton. Gemeinsam mit ihren Kommilitonen Ludwig, Siegfried und Felix nimmt sie ihr Studium auf. Sie trifft dabei immer auf Menschen, die auskunftsfähig sind, interessante Begegnungen, die der Geschichte Würze geben und weitertreiben. Wie die mit dem Assistenten Erwin Schubert und mit Dietrich Dubbert, der Eli heiraten möchte. Es folgen Arbeitseinsätze wie der auf dem Volksgut Gönnernhausen.

Die Errichtung des "antifaschistischen Schutzwalls" setzt Elis Streifzügen durch West-Berlin, "durch das ganze verbotene Paradies" ein jähes Ende. Kurz zuvor hatte schon ihre Freundin Erika das Land Richtung Italien verlassen. Und auch ihr geliebter Ludwig setzt sich in den Westen ab. Doch wer denkt, Helga Schütz beschreibe einen larmoyanten Ost-West-Konflikt, der irrt. Sie liefert vielmehr ein nüchternes Zeitpanaroma der Sechzigerjahre in der DDR. Und sie formuliert sachlich, nicht mit einseitig-erregtem Blick. Die Brandenburgerin ist eine großartige Erzählerin, sie lässt Eli Bilder und Szenen sammeln - im Kopf und im Notizbuch. Von der Veränderung, ihrer eigenen, der des SED-Regimes, der Häuser und Straßen, der Stadt in der sie lebt. Sie schreibt sie nieder oder lässt sie im Kopf abspulen - wie die vielen Filme, die sie im Vorführsaal der Hochschule ansieht. Bilder und Begegnungen von manchmal überpräziser, unheimlicher Präzision und Klarheit. Sie reiht Bild an Bild, Szenen, bis sich aus ihnen ein Weltausschnitt zusammensetzt, eine poetische Betrachtung der Sechzigerjahre Ostdeutschlands.

Und manchmal ist Distanz wohltuend. Die leichte Ironie, die Helga Schütz dem Text einhaucht, lässt Schweres leichter ertragen: "Lieber Großvater, es handelt sich bei uns immer um eine ernste Angelegenheit. Meist ist der Frieden bedroht. Oft sind die Errungenschaften in Gefahr", lässt Eli mitteilen. Oder: "Eli, es ist deine Schuld, du hast die Arbeitergroschen in die kapitalistischen Kinos getragen."

Den ideologischen Druck bekommt auch Eli zu spüren, als sie im Sperrgebiet ein Renaissanceschloss besichtigen will und dabei erwischt wird. Oder die wachsende Militarisierung. Elis Pazifismus wird als eine unheilbare psychische Krankheit akzeptiert: "Das alte Leiden, der Pazifismus, meldet sich wieder, die heillose Wunde von der Bombennacht, sie zwickt, sticht, juckt."

Helga Schütz' Text ist ein bemerkenswerter klassischer Bildungsroman. Dass er zugleich ein Stück deutsch-deutsche Zeitgeschichte liefert, macht ihn zudem außerordentlich lesenswert.

Helga Schütz: Sepia. Aufbau Verlag, Berlin 2012, 393 Seiten, Euro 22,99.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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