Nicht gastfreundlich

In Deutschland wird die Würde des Menschen täglich angetastet
Eingepfercht in Sammelunterkünfte, ohne ein Recht auf Bildung, auf Sprachunterricht, eingeschränkt in ihrer Bewegungsfreiheit und gedemütigt durch minimalste Versorgung mit Lebensmitteln werden sie ihrer Würde beraubt. Wie ist es möglich, dass wir das hinnehmen?

Jeder Mensch ist Gottesebenbild, davon sind wir als Christinnen und Christen überzeugt. "Die Würde des Menschen ist unantastbar", sagt die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. In der Bibel heißt es: "Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken." (3. Mose 19,33) Mehr als zwanzig Flüchtlinge sind im Oktober sechshundert Kilometer zu Fuß von Würzburg nach Berlin gegangen. Sie wollten auf ihre Situation aufmerksam machen und haben vor dem Brandenburger Tor demonstriert. Das war nicht erwünscht, im Gegenteil: eine Störung! Bei eisigen Temperaturen wurden ihnen Zelte, Schlafsäcke, Decken und Isomatten weggenommen. Alles rechtens.

Alles rechtens? Eingepfercht in Sammelunterkünfte, ohne ein Recht auf Bildung, auf Sprachunterricht, eingeschränkt in ihrer Bewegungsfreiheit und gedemütigt durch minimalste Versorgung mit Lebensmitteln werden sie ihrer Würde beraubt. Wie ist es möglich, dass wir das hinnehmen? Weil Politiker vor Menschen warnen, die "in unsere Sozialsysteme einwandern wollen"? Da wehren sich Kommunen, Flüchtlinge aufzunehmen. Bürgerinnen und Bürger protestieren gegen Flüchtlingsunterkünfte. In einer Mitteilung heißt es, man habe Angst, dass Grund- und Immobilienpreise ihren Wert verlören, wenn Flüchtlinge in der Nähe wohnten. Und die NPD nützt all diese emotionalen Ängste für die Verbreitung ihrer Hetzparolen...

Die Flüchtlinge, die in Berlin in den Hungerstreik traten, durften nach öffentlichem Protest schließlich in Bussen übernachten, die ihnen der Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Christian Hanke (SPD), für begrenzte Zeit zur Verfügung gestellt hat. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, die Berliner Senatorin Dilek Kolat und die Vizepräsidentin des Deutschen Roten Kreuzes, Donata Schenck zu Schweinsberg, sprachen mit den Flüchtlingen. Interessant, dass es Frauen waren, die das Gespräch wagten. Die Demonstration kam zu einem friedlichen Ende. Aber die Fragen bleiben, auch im neuen Jahr! Denn ganz offensichtlich wird die Würde des Menschen hier angetastet, täglich, mitten in Deutschland.

Menschen kommen in unser Land, die in Afghanistan, Syrien, im Iran und im Irak Verfolgung erlitten haben. Sie hoffen auf Sicherheit und Zukunft, erleben aber Demütigung, Ausgrenzung und Elend in Sammelunterkünften. Kommunen versuchen, möglichst schlechte Unterkünfte anzubieten, das soll der Abschreckung dienen. Eine Frau sagte, sie fühle sich wie im Käfig gehalten, versorgt mit gerade noch genug zum Überleben, aber kein Gramm zuviel. Eigentlich dachte sie, sie könne hier ihr Architekturstudium beenden und arbeiten. Sie wolle die Sprache lernen, etwas lesen und arbeiten. Doch stattdessen sitzt sie da, Tag für Tag, zur Untätigkeit verdammt, darf nichts lernen, sich nicht frei bewegen. In welchem Land leben wir, wenn die Würde eines Menschen so angetastet wird? Wer will die Geschichten hören, die diese Flüchtlinge zu erzählen haben? Wer tritt ein für ihre Würde?

Als Christinnen und Christen sind wir gefragt. Und zwar in ökumenischer "getaufter" Gemeinsamkeit. Das ist keine Politisierung der Kirche. Nein, das ist die Umsetzung des Evangeliums in den Alltag der Welt: "Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen." (Matthäus 25,35b).

Margot Käßmann

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