Poppeles Kleinbürger

Ein Punktum
Volker Kauder geht es eben wie einem anderen Tuttlinger, dem Kannitverstan. Der hat ein fremdes Land auch nicht begriffen.

Nachdem die CDU nach Stuttgart auch die Oberbürgermeisterwahl in Karlsruhe verloren hatte, sagte der Tübinger Wahlforscher Hans-Georg Wehling der Deutschen Presse-Agentur: "Der CDU gelingt es nicht, das Lebensgefühl der Städter anzusprechen. Vor allem junge Frauen kann sie nicht mehr erreichen. Sie wird immer mehr zur Partei der alten Männer und karrieresüchtigen jungen Leute von der Jungen Union." Dabei tut sich die Union doch nur mit den Kleinbürgern schwer, die die Großstädte massenhaft bevölkern, besonders die besseren Wohnviertel. Das hat jedenfalls Volker Kauder herausgefunden. Der scharfsinnige Analytiker sagte der "Süddeutschen Zeitung": "Was einem von den Grünen entgegenströmt, ist oft nur neuer kleinbürgerlicher Mief." Dafür hat Groß- und Bildungsbürger Kauder einen guten Riecher. Und für Großstädte. Schließlich kommt er aus Tuttlingen, dem "Weltzentrum der Medizintechnik".

Kauder hat aber nicht nur Großstädter und Grüne entlarvt. Klar wird auch: Angela Merkel lehnt die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare nicht ab, weil sie sich konservativen Mitgliedern und Anhängern der Union anbiedern will. Vielmehr handelt die Kanzlerin aus Fürsorge: Sie will Schwule und Lesben vor kleinbürgerlichem Mief schützen.

Die Interviewer haben Volker Kauder nicht gefragt, wo denn der alte kleinbürgerliche Mief geblieben und in welcher Partei er daheim ist? Sie wollten aber wissen, warum er im Juli gesagt habe, er sehe "keinen Spielraum mehr, Athen entgegenzukommen". Nun ja, meinte der CDU-Fraktionsvorsitzende, er habe "einsehen müssen, dass die Entwicklung Griechenlands ein Prozess ist, bei dem nicht alles vorhergesagt werden kann".

Kauder geht es eben wie einem anderen Tuttlinger, dem Kannitverstan. Der hat ein fremdes Land auch nicht begriffen. Allerdings ist der Vergleich mit dem Handwerksgesellen, den Johann Peter Hebel unsterblich gemacht hat, unfair. Schließlich ist Kauder gar nicht in Tuttlingen aufgewachsen, sondern im benachbarten Singen am Hohentwiel, das erst 1899 vom Dorf zur Stadt erhoben wurde. Den Ort kennen die meisten nur vom Durchfahren oder vom Umsteigen. Dort, am Standort von Maggi, weht nur der Geruch von Suppenwürze, kein neuer kleinbürgerlicher Mief. Die Grünen stellen nur drei der 42 Gemeinderäte. Aber vielleicht meint Volker Kauder ja auch gar nicht ernst, was er sagt, sondern gibt nur gern "'s Poppele vom Hohenkrähen". Das Burggespenst ist in der Gegend von Singen dafür berüchtigt, dass es die Leute foppt.

Jürgen Wandel

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