Gut gemacht!

Warum man auf kirchliche Flüchtlingsarbeit stolz sein darf
Es geht weniger um Realpolitik als um reale, also tatkräftige wie seelsorgerliche, Unterstützung von Menschen in einer extremen Lebenssituation.

Stolz ist kein klassisch protestantisches Gefühl, zumindest wird er nur mit Vorsicht nach außen getragen. Schließlich weiß man ja, dass letztendlich alles von Gaben und Segen abhängt, der Mensch mit seinen Werken vor Gott nicht bestehen kann, und Bescheidenheit eine Zier ist. Und wenn sich der Stolz gar auf die eigene Kirche richtet, hebt so mancher zweifelnd seine Augenbrauen. So viel Fehlverhalten in der Geschichte, so viel Flickwerk in der Gegenwart und so viel Unsicherheit mit Blick auf die Zukunft ... Und doch gibt es immer wieder Gründe, stolz auf das zu sein, was unter den Dächern der Evangelischen Kirche und ihrer Diakonie geleistet wird, von ehrenamtlichen wie von professionellen Mitarbeitern. Die Arbeit mit und für Flüchtlinge ist dafür ein aktuelles Beispiel. In Hamburg finden Flüchtlinge Platz in der St. Pauli-Kirche, mitten auf dem Kiez und werden dort über viele Monate hinweg von engagierten Hamburgern unterstützt, von der schützenden Wache vor der Tür bis zur professionellen Rechtsberatung und Vermittlung im Streit mit den Behörden. In Berlin- Hellersdorf, wo Nazis die Ängste der Bevölkerung gegen ein Flüchtlingsheim schürren, gründet der Pfarrer der dortigen Gemeinde ein Netzwerk um die Lage zu beruhigen und Gräben zu überwinden. In einer Kreuzberger Kirchengemeinde finden ebenfalls protestierende Flüchtlinge Zuflucht, die zuvor von hohen Amtsträgern der Kirche während eines Hungerstreiks besucht wurden.

Dies sind nur einige Beispiele der vergangenen Wochen. Seit Jahrzehnten gibt es ein dichtes Netz hochprofessionelles Flüchtlingsberater in Kirchenkreisen und Landeskirchen die, oft unterstützt von Laien, immer wieder an den Grenzen der eigenen Belastbarkeit arbeiten, gegen zu pauschale Urteile Einspruch erheben, vermeintlich abgeschlossene Verfahren wieder in Gang bringen. Und es gibt eine Lobbyarbeit auf höchster fachlicher und politischer Ebene in Brüssel und Berlin, die klar Stellung bezieht gegen eine oft menschenfeindliche Flüchtlingspolitik und die international ein hohes Renommee genießt. Und dann sind da noch Institutionen wie etwa die Diakonie Katastrophenhilfe und der Lutherische Weltbund, die weit weg von Deutschland Flüchtlingslager unter oft dramatischen Umständen betreiben.

Diese Liste, so lang sie bereits ist, ist gewiss nicht vollständig. Aber sie zeigt, auf wie vielen Ebenen evangelische (oft in Zusammenarbeit mit der katholischen) Kirche aktiv ist, um denjenigen zu helfen, die aus wirtschaftlicher oder politischer Not geflohen sind und häufig unter Deutschlands Kälte leiden müssen. Selbstverständlich gibt es darunter auch die, die das System missbrauchen, es gibt Schlepper und Kriminelle. Aber alle Erfahrungsberichte aus der Flüchtlingsarbeit zeigen, dass dies nur eine Minderheit ist.

Natürlich können in den Gemeinden, die Kirchenasyl geben, nicht die welt- oder zumindest europapolitischen Konzepte entstehen, die umfassende Lösungen für das wahrhaft komplexe Problem beinhalten. Es geht aber auch weniger um Realpolitik als um reale, also tatkräftige wie seelsorgerliche Unterstützung, von Menschen in einer extremen Lebenssituation. Und darum, die oft zu perfekt laufende Maschinerie der Abschottung, die nur schwer zu stoppen ist, hin und wieder zu bremsen. Dass dies immer wieder unter kirchlichen Dächern geschieht, darauf darf man stolz sein.

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Stephan Kosch

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