Ketzerei ist ein geistlich Ding

Über die Glaubensgrundlagen gelebter Toleranz: Schatten und Licht der Reformation
Majestätsbrief Kaiser Rudolfs II. von 1609, in dem er dem Kronland Böhmen Gewissensfreiheit und das Recht zum Bau neuer Kirchen und Schulen zusichert - zum Vorteil der Protestanten. Neun Jahre später begann der Dreißigjährige Krieg. Foto: akg-images
Majestätsbrief Kaiser Rudolfs II. von 1609, in dem er dem Kronland Böhmen Gewissensfreiheit und das Recht zum Bau neuer Kirchen und Schulen zusichert - zum Vorteil der Protestanten. Neun Jahre später begann der Dreißigjährige Krieg. Foto: akg-images
Der Schwerpunkt unserer Aprilausgabe war dem Thema Toleranz gewidmet. Wolfgang Huber nimmt die dort von Thomas Kaufmann geäußerten Gedanken auf und zeigt, weshalb trotz aller zu konstatierenden Schattenseiten die Reformation als ein wichtiger Schritt für die Entwicklung des Toleranzgedankens gewertet werden sollte.

Vielen scheint die Bedeutung der Reformation für die Entwicklung der Toleranz schnell geklärt zu sein. Die Toleranz wird als Errungenschaft der Aufklärung angesehen. Lessings Ringparabel gilt als Ikone aufgeklärter Toleranz, der Ausspruch Friedrichs des Großen, nach welchem "jeder nach seiner Fasson selig werden soll", als deren kürzeste Fassung. Ein Rückgriff auf die Reformation gilt in diesem Zusammenhang als ebenso unnötig wie unangebracht; denn das Reformationszeitalter gilt als Epoche abgründiger Intoleranz. Martin Luthers Äußerungen zu Papisten und Türken, zu aufständischen Bauern und Juden sind als Belege jederzeit zur Hand. Der Ketzertod Michel Servets auf dem Scheiterhaufen in Johannes Calvins Genf im Jahr 1553 gilt als Fanal für die Unvereinbarkeit der Reformation mit dem Gedanken der Toleranz.

In der Vorbereitungsdekade auf das Reformationsjubiläum 2017 steht das Jahr 2013 unter der Überschrift "Reformation und Toleranz". Doch über positive Ansätze zur Toleranz wird in den Verlautbarungen zu diesem Themenjahr nur wenig gesagt. Das offizielle Begleitheft zu diesem Thema trägt den bezeichnenden Titel: "Schatten der Reformation - der lange Weg zur Toleranz". Die vorherrschende Tendenz illustriert folgender Satz: "Toleranz gehört nicht zu den Schmuckstücken reformatorischer Kirchengeschichte, hier gibt es keine Heldengeschichten zu erzählen, sondern intolerante Haltungen einzugestehen, die letztlich erst durch die Aufklärung überwunden wurden." Und ein kirchenamtlicher Grundlagentext zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums hebt im Fettdruck hervor, dass "die kritischen und beschämenden Seiten der Haltungen Luthers gegenüber den Juden, den Bauern, den Türken u.a. nicht ausgeblendet werden" dürfen. Das ist richtig, aber geht nicht weit genug. Denn entscheidend ist doch die Frage, ob den Reformatoren andere Einsichten zugänglich waren, wie sie gegebenenfalls diese anderen Einsichten formuliert haben und warum sie nicht durchgängig diejenigen Folgerungen gezogen haben, auf die wir Nachgeborenen sie im Rückblick nach einem halben Jahrtausend gern verpflichten wollen. Es gilt, die Ambivalenz der Reformation dem Thema Toleranz gegenüber in den Blick zu nehmen. Dazu gehört aber nicht nur Schatten, sondern auch Licht.

Gottes Duldsamkeit

In Luthers Denken finden sich vor allem drei konstruktive Anknüpfungspunkte: die Toleranz Gottes, die Zusammengehörigkeit von Glauben und Liebe, die Grenzen staatlicher Gewalt.

Martin Luther gab dem zu seiner Zeit noch seltenen Wort Toleranz dadurch eine ganz eigene Wendung, dass er von der Toleranz Gottes sprach. Mit diesem Wort erreichen wir die Tiefe von Luthers Glauben und Theologie. Gott erduldet den ihm entfremdeten Menschen. Er reißt ihn aus der Macht der Sünde dank der Erlösungstat Christi am Kreuz, ohne dass der Mensch aus eigenem Verdienst irgendetwas hinzutun könnte. Und er bewahrt ihn vor den schlimmsten Folgen der andauernden Sündhaftigkeit, der nicht nur Ungläubige, sondern auch Glaubende ausgesetzt sind, indem er einer politischen Ordnung Raum gibt, die die Sündenfolgen eindämmt. Gottes Duldsamkeit mit unserer menschlichen "Widerwärtigkeit" zeigt sich also in seinen beiden Regierweisen: darin, dass er geistlich unseren Glauben weckt, ebenso wie darin, dass er weltlich für eine irdische Ordnung Sorge trägt. Das ist der Sinn der Rede von "Gottes Toleranz", wie sie Gerhard Ebeling vor mehr als dreißig Jahren aus einer Thesenreihe Luthers aus dem Jahr 1536 herausgearbeitet hat.

Keine Kompromisse in Wahrheitsfrage

Der Glaube, den Gott durch sein Wort wecken will, hat die Aufgabe, der Toleranz Gottes Raum zu geben und sie anzuerkennen. Deshalb gibt es in Wahrheitsfragen keine Kompromisse. Der Glaube kann der Unwahrheit gegenüber nicht schweigen. Doch er hat gegen sie nur mit dem Wort, nicht mit Gewalt zu kämpfen. Luther, der selbst nach römischem Kirchenrecht zum Ketzer erklärt worden war, sieht die Auseinandersetzung um die rechte Lehre des Evangeliums als eine rein geistliche Angelegenheit an: "Ketzerei ist ein geistlich Ding, das kann man mit keinem Eisen hauen, mit keinem Feuer verbrennen, mit keinem Wasser ertränken" - so heißt es hierzu in Luthers berühmter Schrift "Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei" von 1523. "Ohne Zwang, nur durch das Wort" wurde zum reformatorischen Leitwort für den Streit um den rechten Glauben. Begründet war das in einer Verhältnisbestimmung von Glauben und Liebe, für die Luther die knappe Formulierung findet: "Der Glaube erträgt nichts, die Liebe erträgt alles." Oder anders: Dem Irrtum muss widerstanden, aber der Irrende muss geliebt werden. Unter Luthers Begründungen hierfür ist die tiefste darin zu sehen, dass er niemanden für irrtumsfrei hält. Wir müssen uns wechselseitig in Liebe ertragen, "weil es keinen Menschen gibt, der nicht sündigt und nicht etwas tut, was für andere eine Belastung ist". Unter den 41 Aussagen, deretwegen Papst Leo X. Martin Luther mit dem Bann bedrohte, befand sich auch der Satz: "Dass Häretiker verbrannt werden, ist gegen den Willen des Geistes." Thomas Kaufmann hat dies zu Recht als eine "toleranzgeschichtlich epochale These" bezeichnet.

Die Grenzen der Macht

Damit verbindet sich der Hinweis auf die Grenzen politischer Macht. Wenn Häresie nicht mit den Mitteln der Gewalt verfolgt werden darf, dann gibt es auch kein Recht des Staates, über Glaubensfragen zu urteilen und einen bestimmten Glauben mit den Mitteln staatlicher Gewalt durchzusetzen. Genau hier zieht Luther in seiner Obrigkeitsschrift die Grenze staatlicher Autorität: "Keine menschliche Ordnung kann doch bis in den Himmel reichen und über die Seelen gebieten, sondern betrifft nur den äußerlichen Umgang der Menschen untereinander auf der Erden, wo Menschen sehen, erkennen, urteilen, strafen und erretten können."

In diesen drei Hinsichten wies die Reformation deutlich über die mittelalterliche Toleranzverweigerung hinaus. Aber warum hat sich dieser neue Ansatz nicht durchgehalten? Warum war er so schweren Rückschlägen ausgesetzt, wie wir sie auf dem Weg zu den Konfessionskriegen der frühen Neuzeit beobachten können? Die grundlegende Antwort auf diese Frage hat damit zu tun, dass weder Fürsten noch Theologen sich in dieser Zeit vorstellen konnten, dass ein Land mit religiöser Pluralität regierbar sei. Religiöse Einheitlichkeit galt vielmehr als Voraussetzung für politische Einheit. Daraus erklärt sich der Satz, der die konfessionspolitischen Friedensschlüsse jener Zeit bestimmte: cuius regio eius religio - wer regiert, bestimmt über die Religion. Deren Einheitlichkeit zu gewährleisten wurde damit zur Aufgabe der staatlichen Macht. Religiöse Pluralität musste sich auf verschiedene Territorien aufteilen. So blieb es, bis das Zutrauen der Herrscher in die Integrationskraft der Gesellschaft Schritt für Schritt wuchs.

Gelebte Toleranz und menschenfeindliche Ausbrüche

Auch Luther selbst hatte sich je länger desto mehr dem Gedanken gefügt, dass die politische Ordnung auf religiöse Homogenität angewiesen sei. Enttäuschungen und Verbitterungen waren hinzugetreten; die Konsequenz, mit welcher der junge Luther alle Gewalt von Auseinandersetzungen über die Wahrheit ferngehalten hatte, verblasste, wie seine späten Äußerungen über die Juden besonders erschreckend zeigen. Nicht nur Spuren des Mittelalters und auch nicht nur politischer Realismus, sondern ebenso die Verbindung zwischen Ernüchterung und aufbrausendem Temperament standen Pate bei Luthers bisweilen menschenfeindlichen Ausbrüchen. Doch das kann nicht den Blick dafür verdunkeln, dass er die Glaubensgrundlagen gelebter Toleranz in einer Weise aufgedeckt hat, für die es in seiner Umwelt kein Vorbild gab.

Das ist deswegen von so großer Bedeutung, weil die Toleranz zwischen den Religionen auch heute nur eine Zukunft haben kann, wenn die Religionen aus eigenen Gründen einen positiven Zugang zur Toleranz finden. Dies kann freilich keine Toleranz aus Indifferenz sein; es muss vielmehr eine Toleranz aus Überzeugung sein.

Der christliche Glaube schließt die Überzeugung ein, dass alle Menschen als Ebenbild Gottes geschaffen sind und ihnen, wie man seit der Renaissance sagt, deshalb die gleiche Würde zukommt. Diese Überzeugung begründet eine Achtung gegenüber jedem Menschen, die von Glaubensunterschieden unabhängig ist. Darüber hinaus gilt nach christlichem Verständnis für den Glauben, dass er nicht durch menschliches Handeln hervorgebracht wird; es handelt sich vielmehr um eine Gewissheit, die sich dem Menschen erschließt, ohne dass er selbst darüber verfügt. "Aus menschlicher Perspektive gilt: Glaube wird geschenkt, nicht gemacht." (Christoph Schwöbel)

Positioneller Pluralismus

Das gilt nach christlicher Überzeugung nicht nur für die christliche Glaubensgewissheit, sondern für alle Gewissheiten. Grundlegende Überzeugungen haben ihren Ort im Gewissen des Einzelnen. Gewissensentscheidungen anderer sind auch dann zu achten, wenn man davon überzeugt ist, dass es sich dabei um ein irrendes Gewissen handelt.

Toleranz hat ihre Grundlage in einer unbedingten Wahrheitsgewissheit, mit der sich eine unbedingte Achtung für fremde Wahrheitsansprüche verbindet (Wilfried Härle). In einem solchen "positionellen Pluralismus" wird der Mitmensch als Nächster geachtet und in seiner abweichenden Glaubensweise respektiert. Die Verbindung des Toleranzgedankens mit dem christlichen Glauben ist so eng, dass der Intoleranz, wo immer sie im Christentum auftritt, aus Gründen des christlichen Glaubens selbst widersprochen und widerstanden werden muss.

Der französische Philosoph Voltaire, der sich selbst nicht als einen glaubenden Christen betrachtete, hatte deshalb gute Gründe dafür, den Christen ihren eigenen Glauben vorzuhalten; aus ihm leitete er ab, dass die Christen nicht nur einander zu dulden, sondern alle Menschen als Geschwister anzusehen hätten. Heute ist es an der Zeit, aus dieser Einsicht die nötigen Konsequenzen zu ziehen - dankbar dafür, dass schon das Licht der Reformation in diese Richtung leuchtet, allen Schatten zum Trotz.

Wolfgang Huber

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