Die Arbeiterin im Weinberg

Schwester Thekla ist Winzerin und leitet das Weingut der Abtei St. Hildegard
Foto: Stephan Kosch
Foto: Stephan Kosch
Ohne Klöster würde der Weinbau in Europa anders aussehen. Gerade auch in Deutschland sorgten Mönche und Nonnen für viele Fortschritte in der Weinherstellung. Doch Weinberge, die direkt von einem Kloster bearbeitet werden, sind heute selten. In der Rüdesheimer Abtei St. Hildegard pflegen die Benediktinerinnen noch das alte Handwerk und vermarkten ihren Klosterwein mit wachsendem Erfolg.

Wer in den Weinkeller geht, blickt in den Abgrund. Da wo sich gerade ein riesiges Loch im Hof des Klosters auftut und Bauarbeiter Wände mauern, sollen künftig neue Lagerräume für den Klosterladen entstehen. Und ein direkter Zugang von der neuen Halle mit der Weinpresse hinüber zum gut einhundert Jahre alten Klosterkeller, wo bis unter die Decke über ein Dutzend Edelstahltanks blitzen. Nebenan stehen fünf Holzfässer, darin reift der rote Spätburgunder aus dem vergangenen Jahr. Die Edelstahltanks für den Weißwein sind hingegen leer, denn draußen ist Hochsommer und noch reifen die Trauben auf dem Berg der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim. Frühestens in der letzten Septemberwoche wird die Lese beginnen und am Ende werden rund 30.000 Flaschen Wein gefüllt sein - wenn alles gut läuft.

Verantwortlich dafür, dass möglichst alles gut läuft, ist Schwester Thekla. Rundes Gesicht, randlose Brille, eine graue Haarsträhne lugt unter der weiß-schwarzen Haube der Benediktinernonne hervor. Seit 22 Jahren lebt sie in der Ordensgemeinschaft zusammen mit 52 anderen Schwestern. Von Anfang an hat sie im Weinberg mitgearbeitet, seit 1998 leitet sie das klösterliche Weingut. Dabei stammt sie aus Bremen, hatte keine Beziehung zum Weinbau als sie ins Kloster kam, "aber viel Freude an der Arbeit in der Natur", wie sie sagt. Und offenbar Begabung, denn sie absolvierte zur Jahrtausendwende eine zweijährige Ausbildung zur Winzergesellin. Nun kann sie mit dem vom Kloster angestellten Winzermeister Arnulf Steinheimer darüber fachsimpeln, wie stark die Rebe entlaubt werden soll, wann die Lese beginnen kann, welche Lage am Berg welchen Wein hervorbringt, welche Weine am Ende miteinander verschnitten werden sollten und ob noch ein wenig Süßreserve aus dem Traubenmost hinzukommen muss. Die beiden scheinen ein gutes Team zu sein, jährlich werden mehrere ihrer Weine prämiert, der "Gault Millaut" empfiehlt das Gut seinen Lesern und das Bistum Limburg hat den Wein als naturreinen Messwein anerkannt.

Wein war gesünder als Wasser

In der Tat war die notwendige Versorgung der wachsenden Christenheit im frühen Mittelalter mit Abendmahlswein einer der Gründe, warum in den Klöstern Europas der Weinbau eine so wichtige Rolle spielte. Ein weiterer war, dass immer mehr Menschen den Wein auch im Alltag aus hygienischen Gründen dem Wasser vorzogen. Die "Bildungsträger" in den Klöstern kannten dank ihrer Archive die lateinischen Zeugnisse römischer Weinkultur und lebten von den Einnahmen aus dem Weinbau.

Wichtig für die Entwicklung der Weinbaukultur in den Klöstern war Karl der Große. Der Kaiser wollte die Qualität des Weines in seinem Reich verbessern, beschäftigte sich intensiv mit dem Weinbau und gab den Klöstern detaillierte Anweisungen. Doch auch die Mönche und Nonnen selbst erprobten und verfeinerten den Weinbau: Sie unterteilten ihre Berge in Parzellen, um durch unterschiedliche Lagen verschiedene Qualitäten zu erzeugen. Im Kloster Eberbach unweit der Abtei St. Hildegard bauten sie schon 1499 das damals größte Weinfass der Welt mit rund 70.000 Litern Inhalt.

Auf 300.000 Hektar Fläche soll im Mittelalter "deutscher Wein" angebaut worden sein, heute sind es 100.000 Hektar. Diese erste Blütezeit des Weinbaus in Deutschland wurde erst durch den Dreißigjährigen Krieg beendet. Nach einer zwischenzeitlichen Erholung des Weinbaus im 18. Jahrhundert wurden durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 viele kirchliche Ländereien an weltliche Herren übertragen. So auch das erwähnte Kloster Eberbach, das zunächst an den Herzog von Nassau fiel, später an Preußen. Seit 1945 ist das Land Hessen Gesellschafter des Weinguts.

Weinberge in kirchlichem Besitz

Dennoch gibt es weiterhin Weinberge in kirchlichem Besitz, auch evangelische Landeskirchen und Kirchengemeinden verfügen über gute Lagen. So gilt zum Beispiel der aus Oppenheim stammende Wein der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) als hervorragend und wird regelmäßig prämiert. Allerdings bewirtschaftet die Kirche ihre Weinberge nicht mehr selbst, die Flächen sind an das Weingut Manz verpachtet. Bis vor zehn Jahren war noch ein Geschäftsführer in kirchlicher Anstellung für das Weingut verantwortlich. Als dieser in den Ruhestand ging, verpachtete man es, sagt Stephan Krebs, der die Öffentlichkeitsarbeit der EKHN verantwortet. Denn es hätte große Investitionen erfordert, um aus den Trauben von guten bis sehr guten Lagen weiterhin einen guten bis sehr guten Wein zu machen. Die wären in der Landeskirche wohl nur schwer vermittelbar gewesen. Das Weingut Manz hat investiert und stellt nun neben eigenen auch den Wein mit dem landeskirchlichen Etikett her. Auch das Weingut der Kirchengemeinde Wolf an der Mosel, wo - wohl einzigartig in Deutschland - die Kirche über einem alten Weinkeller errichtet wurde, wird mittlerweile von einem ortsansässigen Winzer bewirtschaftet.

St. Hildegard ist also eines der wenigen kirchlichen Weingüter, die noch tatsächlich von Mönchen oder Nonnen betrieben werden. Dabei ist die Abtei selbst noch relativ jung. Zwar berufen sich die Schwestern bei ihrer Arbeit auf die Namensgeberin Hildegard von Bingen, die im zwölften Jahrhundert in der Nähe zwei Klöster gründete, in denen auch Wein angebaut und gekeltert wurde. Doch die Abtei oberhalb von Rüdesheim wurde als Nachfolgekloster erst im Jahr 1901 gegründet. Der Weinbau beschränkte sich zunächst auf einen Hektar innerhalb der Klostermauern. Vor dem Hintergrund des Glykol-Skandals Mitte der Achtzigerjahre, als österreichische Winzer ihren Wein mit Frostschutzmittel süßten, wuchs jedoch die Nachfrage nach dem Klosterwein. Schließlich unterlag dieser als Messwein besonderen Reinheitsauflagen. Und gewiss hat auch die in den vergangenen Jahrzehnten zunehmende Popularität Hildegards und ihrer Gesundheitslehre dem Weinverkauf gedient. "Der Wein heilt und erfreut den Menschen mit seiner gesunden Wärme und seiner großen Kraft. Der Wein ist nämlich das Blut der Erde", schrieb Hildegard werbeträchtig schon vor über achthundert Jahren.

Beten und arbeiten und verkaufen

Wer nun aber nach einem besonderen Maß an Mystik und Spiritualität im Weinbau der Nonnen sucht, den bremst Schwester Thekla. "Zunächst einmal geht es darum, dass wir gemäß den Regeln des heiligen Benedikts von der Arbeit unserer Hände leben und von dem, was der Boden rund um unser Kloster gibt." Wer so in und mit der Natur arbeitet, sei eingebunden in die Schöpfung Gottes, sagt sie. Beten und arbeiten lautet der Grundsatz des Benedikt von Nursia - welche Frucht dabei angebaut und verarbeitet wird, ist nicht entscheidend. Wobei die Rebe dann doch besonders inspirierend sein kann für treffende Metaphern und Gleichnisse, davon zeugen nicht nur die Texte der Bibel. Auch Schwester Thekla kann mit einem Beispiel dienen, wenn sie über junge Weinstöcke spricht und gleichzeitig über das moderne Postulat einer ständigen Mobilität. "Es ist doch so wie bei den Menschen - erst müssen sie sich an einem Ort fest verwurzeln, dann können sie Frucht tragen."

In St. Hildegard brachte die Arbeit Erfolg, die Nachfrage wuchs und die Schwestern reagierten darauf mit dem Zukauf weiterer Flächen. Schwester Thekla steht an der Mauer des Kirchhofes auf einem kleinen Steinabsatz. Sie zeigt auf die unterschiedlichen Stellen am Hang oberhalb des Rheins, an dem auch die anderen Winzer aus Rüdesheim und Umgebung ihren Wein anbauen. Sieben Hektar sind es mittlerweile, das ist noch immer keine Großproduktion, sondern entspricht eher der Größe eines kleineren Familienbetriebes, sagt sie. Aber etwa ein Drittel der klösterlichen Jahreseinnahmen stammen mittlerweile aus dem Weingut. Auf gut 80 Prozent der Flächen gedeihen Rieslingtrauben, auf den restlichen Flächen Spätburgunder. Das alles wird den Regeln des Rheingauer Weinbauverbandes entsprechend umweltschonend bearbeitet. Auf Pflanzenschutzmittel verzichten Schwester Thekla und Winzermeister Steinheimer aber nicht, schließlich gehe es darum, die Rebe zu bewahren.

Klimawandel und Weinanbau

Es ist erst halb elf, doch schon jetzt brennt die Sonne. Ein paar hundert Meter entfernt fährt der Winzermeister mit seinem kleinen roten Traktor durch den Weinberg und besprüht die noch kleinen Trauben. Morgen soll Gewitterregen niederprasseln, möglicherweise auch Hagel - durchaus eine Gefahr für die Weinreben. "Das hat es immer gegeben", sagt Schwester Thekla. "Aber die extremen Wetterwechsel nehmen zu." Der Klimawandel ist spürbar, und die Winzer müssen sich darauf einstellen. Möglicherweise werden auf diesem Weinberg in einigen Jahrzehnten andere Rebsorten stehen. Das ist möglich, weil die Pflanzen sowieso nach rund zwanzig Jahren durch jüngere ersetzt werden.

Doch noch wächst vor allem der Riesling im Rheingau. Die verschiedenen Lagen auf dem Weinberg mit ihren unterschiedlichen Böden sorgen für Geschmacksvariationen. Aus ihnen komponieren Schwester Thekla und Arnulf Steinheimer trockene, halbtrockene und fruchtige Weine unterschiedlicher Qualität, die alle im Klosterladen gekostet werden können. Die meisten sind für rund zehn Euro pro Flasche zu haben. Die besonderen Klostereditionen mit so klangvollen Namen wie "Mons Sanctus", "Hildegardis Scivias" oder "Harmonia Caelestis", sind zum Teil deutlich teurer, stoßen aber auf großes Interesse. Nur die Sorte "Benedictus" verwirrte die Kundschaft, denn sie kam just zu dem Zeitpunkt ins Angebot, als der frühere Kardinal Ratzinger zum Papst Benedikt XVI. wurde. Der deutsche Wein zum deutschen Papst? Schwester Thekla schüttelt lächelnd den Kopf, die Parallele sei nicht beabsichtigt gewesen, sagt sie. Und ein Franziskus-Wein sei gewiss auch nicht in Planung.

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Stephan Kosch

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