Stiller Held

Leben im Dritten Reich
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Heinz Drossel war ein "stiller Held". Er unterstützte deutsche Juden, so dass es ihnen gelang, der Verfolgung durch die Nazis zu entgehen. Dafür wurde dem gebürtigen Berliner im Jahr 2000 die israelische Ehrung als "Gerechter unter den Völkern" zuteil.

Ein Held war er nach gängiger Definition nicht. Einer, der über sich selbst hinausgewachsen wäre, einer, der Übermenschliches geleistet und sich so einen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert hätte. Nein, Heinz Drossel (1916-2008) war ein "stiller Held", wie es in Anlehnung an einen Satz von Johannes Rau ("Es gibt mehr stille Helden, als wir wissen, und viel weniger, als wir gebraucht hätten.") im Untertitel des Buches von Katharina Stegelmann heißt: Er unterstützte deutsche Juden, so dass es ihnen gelang, der Verfolgung durch die Nazis zu entgehen. Dafür wurde dem gebürtigen Berliner im Jahr 2000 die israelische Ehrung als "Gerechter unter den Völkern" zuteil. Auch als Soldat folgte Drossel seinen eigenen Werten: Dank seines Einsatzes kamen gefangene Rotarmisten mit dem Leben davon, und als Gerichtsoffizier im Zweiten Weltkrieg erwirkte er für Kameraden, denen Vergehen wie "Feigheit vor dem Feind" vorgeworfen wurden, milde Urteile. Das alles geschah, wenn man der Autorin, die über Jahre hinweg Gespräche mit Drossel geführt und Dokumente aus der Familiengeschichte gesichtet hat, glauben darf, ohne viel Aufhebens um seine Person - eben "im Stillen". Es war eine nahezu selbstverständliche Konsequenz aus den Idealen, mit denen Drossel aufgewachsen war und die in den Worten zusammengefasst sind, die ihm sein Vater zur Kommunion mit auf den Weg gegeben hatte: "Bleib immer ein Mensch."

Ein Mensch ist Drossel geblieben, auch in seinen Schwächen, denn es gab mehr als eine Situation während seiner Zeit als Wehrmachtsoffizier, in der er nicht mutig war, sondern zugesehen hat: bei der Misshandlung eines russischen Juden zum Beispiel oder bei der Erschießung deutscher Soldaten durch ein deutsches "Sonderkommando". Anders aber als viele seiner Landsleute hatte Drossel schon früh die eigene Schuld, die Schuld der Deutschen gesehen und Mitverantwortung eingestanden für die Verbrechen, die zwischen 1933 und 1945 geschehen sind.

Kein Neuanfang

Umso härter traf ihn, dass das Jahr 1945 nicht wirklich einen Neuanfang darstellte. Juristen, die bei den Nazis in Amt und Würden gestanden waren, konnten ihre Karrieren fortsetzen. Jungen, kritischen Geistern hingegen, wie Drossel einer war, wurden Steine in den Weg gelegt. Dazu kam der entwürdigende Kampf um Entschädigung, den seine jüdische Frau Marianne, geborene Hirschfeld, ausfocht: Ihr hatte Drossel das Leben gerettet. Nach dem Krieg heirateten die beiden.

Auch Mariannes Geschichte erzählt Katharina Stegelmann in ihrem Buch: Jugend, Verfolgung und später die Ehe mit Heinz Drossel, die nicht nur glückselig war. Im Gegenteil: "Heinz und Marianne", so schreibt die Autorin, "hatten sich unter dramatischen Umständen lieben gelernt. Als sie den Bund fürs Leben schlossen, kannten sie sich kaum. Sie blieben 35 Jahre verheiratet. Die Vergangenheit lastete auf beiden; gesprochen haben sie darüber offenbar nicht."

Verdrängung der Vergangenheit: Was politisch für Heinz Drossel nicht in Frage kam - im Privaten haben er und seine Frau es offenbar nicht verhindern können. Schade, dass Katharina Stegelmann ihren Gesprächspartner an diesem Punkt nicht intensiver befragt, nicht tiefer gebohrt hat. Die ersten Nachkriegsjahrzehnte mit ihren politischen Kontinuitäten und ihren psychologischen Mechanismen bei Opfern, Tätern und Mitläufern des Nazi-Regimes - gern hätte man darüber aus dem Mund eines Zeitzeugen mehr erfahren. So verdienstvoll es auch ist, dass nach der Benennung der Schuld der Deutschen mit Veröffentlichungen wie der von Katharina Stegelmann nun auch der Taten der "stillen Helden" gedacht wird.

Katharina Stegelmann: Bleib immer ein Mensch. Heinz Drossel. Ein stiller Held. 1916-2008. Aufbau Verlag, Berlin 2013, 256 Seiten, Euro 19,99.

Annemarie Heibrock

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