Materialreich

Glaube in Deutschland nach 1945
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Ohne Frage beschreibt das Buch klar und anregend den Loslösungsprozesses von tradierten religiösen und sozialen Formen. Gleichzeitig drängen sich aber kritische Anfragen auf.

Vom tiefgreifenden Wandel der öffentlichen Präsenz und des Selbstverständnisses der beiden großen Konfessionen Deutschlands seit 1945, der römisch-katholischen und der evangelischen, ist in diesem Buch die Rede.

Das Phänomen wird unter drei Gesichtspunkten erläutert. Zunächst "Erwartungen und Enttäuschungen bis zum Ende der 50er Jahre": Vielfach behandelt und insofern bekannt sind die Bemühungen beider Kirchen um die Rechristianisierung nach 1945, sowie das umfassende Scheitern dieser Anstrengungen. Nach außen wirkten beide Konfessionen stabil und übten einen beträchtlichen gesellschaftspolitischen Einfluss aus. Groß war infolgedessen ihr Selbstbewusstsein. Dabei fehlte es nicht an beträchtlichen Spannungen zwischen den Konfessionen. Von wem die katholische Kirche stärker als die evangelischen Landeskirchen als "Vorbild wahrgenommen wurde", erfährt der Leser nicht.

Die gesellschaftlichen Veränderungen in sexuellen Fragen, im Blick auf Ehe, Familie sowie die Rolle der Frau führten in den Fünfzigerjahren dazu, dass die Menschen begannen, sich stärker an ihnen zu orientieren, als an den kirchlichen Weisungen. Das ist sicherlich richtig. Doch die Belege für diesen Wandel stammen nahezu ausnahmslos aus dem Katholizismus. Die entsprechende Entwicklung im Protestantismus setzte aufgrund von dessen Orientierung am und seiner Verflechtung mit dem Bürgertum früher ein und vollzog sich erheblich differenzierter. Unbestreitbar ist allerdings, dass, trotz mancherlei Bemühungen um Reformen in beiden Konfessionen, nach 1945 kein "geistlich-religiöser Neustart" stattfand.

Punkt zwei: Über das religiöse Feld in den Sechziger- und Siebzigerjahren erfahren wir, dass die Kirchen zwar in die rasanten Umbrüche mit hineingerissen wurden, jedoch keineswegs nur Objekte der Entwicklung waren. Doch unverkennbar sind die Fakten: Entkirchlichung, Erosion der Kirchengemeinden, umfassende Traditionsabbrüche. Nun trat unübersehbar zutage, dass die Vorstellungen der Gesellschaft herrschten und nicht mehr die der Kirchen. In einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß zählten zudem die Überzeugungen und Zielsetzungen des Individuums. Ob sich der Bruch mit der kirchlichen Tradition primär konfrontativ vollzog oder eher im Sinn einer langsamen Loslösung, sei dahingestellt. Beispiele hierfür von jungen österreichischen Katholiken dürften für die bundesrepublikanische Gesellschaft kaum schlüssig sein! Lautstark äußerte sich katholischer Protest dann gegen die Enzyklika "Humanae Vitae" (1968). Trotz verschiedener Analogien zur repressiven katholischen Sexualauffassung in manchen kirchlichen Kreisen reagierte die Mehrheit der Protestanten anders und zögerte nicht, diesem Dissens deutlich Ausdruck zu verleihen.

Mit alledem vollzog sich eine diesseitige Ausrichtung des Christentums, zu der eine Politisierung gehörte. Extreme Ausprägungen dieser Einstellung boten einerseits die Studentengemeinden und andererseits die Bekenntnisbewegung "Kein anderes Evangelium".

Zu Recht wird dem Zweiten Vatikanischen Konzil in diesem Buch breiter Raum gewidmet. In beiden Konfessionen dominierte nun ein veränderter Typ des Christen: Er war sozial veranlagt, spirituell ausgerichtet, dabei kommunikativ aufgeschlossen, jedoch ohne eine engere Bindung an eine Kirchengemeinde. Die kirchlichen Akademien sowie die Kirchen- und Katholikentage öffneten sich diesem Trend und förderten ihn. Für beide Konfessionen galt dann: "Nicht mehr Schuld und Vergebung, Sündenfall und Erlösung, sondern persönliches Leid und Heilung waren nun die Stichworte." Das besagt zugleich: Der Hauptakzent "verlagerte sich (und liegt vermutlich bis heute) auf der Betonung der Freiheit des Individuums, seinen Weg zu gehen, Erfahrungen zu machen und sich zu korrigieren".

Zum dritten Gesichtspunkt: Die Jahrzehnte seit den Achtzigerjahren haben hinsichtlich der tiefgreifenden Veränderungen in beiden Konfessionen keinen Wandel gebracht. Die Kirchen sind nun ein Religionsanbieter neben anderen. Hierzu gehören - abgesehen von der wachsenden Zahl der Nicht-Religiösen - auch Muslime und Juden. Ein lockerer Überblick über Evangelische und römische Katholiken in der DDR schließt sich an.

Verliert das kirchliche Amt seine herausgehobene Bedeutung? Auch an diesem Punkt unterscheiden sich beide Konfessionen beträchtlich. In beiden bilden die Kirchen das Dach, "unter dem unterschiedliche Grade von Kirchennähe und eine ganze Reihe von Frömmigkeitsstilen zugelassen sind".

Ohne Frage handelt es sich bei dieser Arbeit um eine ebenso materialreiche wie klare und anregende Darstellung des Loslösungsprozesses in beiden großen Konfessionen von den tradierten religiösen und sozialen Formen. Gleichzeitig drängen sich aber kritische Anfragen auf. Mit der Selbstgewissheit des Allgemeinhistorikers gegenüber dem Kirchenhistoriker erklärt der Autor eingangs, er werde "nicht mehr den bekannten kirchen- und konfessionsgeschichtlichen Einbahnstraßen" folgen. Faktisch basiert seine Darstellung jedoch weitgehend auf der additiven Zusammenstellung von Ergebnissen kirchenhistorischer Studien! Dabei bildet die Entwicklung des römischen Katholizismus in der alten Bundesrepublik die Grundlage. Die Veränderungen im evangelischen Bereich werden den zentralen Problemfeldern dieses Katholizismus eher pauschal und sehr viel weniger klar begründet zugeordnet. Zudem begegnen dem Leser hier mehrfach Ungenauigkeiten und Fehler: Luthers Obrigkeitsschrift erschien 1523, nicht 1532; Bonhoeffer gehörte keineswegs zu den Gründern des Pfarrernotbundes. Auf der Synode der EKD 1948 trat eine Gruppe der Delegierten nicht für den "Einsatz" der Atombombe ein, sondern für deren Beibehaltung zum Zwecke der Abschreckung; in Stuttgart fand 1945 keine "Versammlung der Evangelischen Kirche" statt, sondern ein Treffen von elf Mitgliedern des wenige Monate zuvor gegründeten Rates der EKD. So ließe sich fortfahren.

Problematischer erscheint, dass jene Orientierung am römischen Katholizismus wesentliche protestantische Phänomene übersieht. Dazu gehören besonders die evangelikalen und pfingstlerischen Gruppen. Für sie galt und gilt die Feststellung gerade nicht, dass die "Normalfrömmigkeit im Christentum nicht auf die unmittelbare [...] Gottesbegegnung" ziele. Hier begegnet uns eine zunehmend mächtige religiöse Richtung, die allerdings auf ihre Weise den Prozess der Individualisierung des Christentums vorantreibt.

Solche Anfragen und Einwände wollen die Bedeutung dieser Studie nicht schmälern. Sie belegt freilich auch, wie groß der Forschungsbedarf noch ist, dem sich Vertreter der Kirchengeschichte wie auch der allgemeinen Geschichtswissenschaft über die konfessionellen Zäune hinweg gemeinsam zuwenden sollten.

Thomas Großbölting: Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, 320 Seiten, Euro 29,99.

Martin Greschat

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