Ergreifend

Christlicher Widerstand
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Das Buch regt zum Nachdenken darüber an, wo heute widerständiges christliches Handeln nötig sein könnte. Ein ergreifendes wie lehrreiches Lesebuch.

Das Jahr 2013 erinnert an die "zerstörte Vielfalt" der Menschen und Menschengruppen, die von den Nazis bald nach ihrer Machtübernahme vor achtzig Jahren verfolgt wurden. Wenige haben damals opponiert und etwas zu tun gewagt. Die Einschränkung gilt leider auch für die Kirchen. Einige Ausnahmen aber gab es, die auch für uns heute noch bezeugen, wie glaubwürdiges christliches Handeln ausgesehen hat. Über ihre Motive, ihr Denken und ihr Leiden gibt ein Buch Auskunft, dessen Titel aus der mutigen Dahlemer Bußtagspredigt Helmut Gollwitzers 1938, kurz nach der Reichspogromnacht, übernommen ist: "'Gott will Taten sehen.' Christlicher Widerstand gegen Hitler". Margot Käßmann hat es herausgegeben, und wieder einmal beweist sie, dass sie es versteht, die rechten Themen zur richtigen Zeit anzusprechen. Unter Mitarbeit der Zeithistorikerin Anke Silomon ist ein Lesebuch entstanden, das Quellen - Tagebucheintragungen, Briefe, Predigten und Bekenntnisse - evangelischer und katholischer Christen dokumentiert, die aus ihrem Glauben heraus in der Zeit von 1933 bis 1945 Widerstand zu leisten versuchten.

Dabei wählt das Buch einen weiten Widerstandsbegriff, ähnlich wie die digitale Ausstellung der EKD: "Widerstand!?". Eine kluge Entscheidung, die es ermöglicht, "nicht nur die 'großen' Gestalten zu zeigen, sondern auch den "'kleinen' Widerstand im Alltag durch Menschen wie du und ich", wie es die Einleitung verspricht. Dabei viele Frauen zu Wort kommen zu lassen, ist ebenfalls angemessen, denn die Bekennende Kirche war von ihrer Basis her eine "Frauenbewegung". Und ihre Denkerinnen wie Elisabeth Schmitz, Marga Meusel oder Gertrud Staeven redeten und handelten oft entschlossener als die männlichen Amtsträger.

Die chronologische Aufbereitung der Quellen erweist sich für die Lesenden als hilfreich, weil dabei - wie beabsichtigt - die Texte differenziert aus ihrem politischen und kirchlichen Zeitgeschehen erfasst werden. So kann man die Entwicklung der Widerständigkeit bei Einzelnen oder Gruppen nachvollziehen oder einer Person folgend zwischen den Zeitabschnitten springen. Außerdem hilft die Einordnung der Quellen in kleinere Zeitabschnitte, sie im Kontext des politischen Geschehens und des Mehrheitschristentums zu verstehen.

Die beigefügten Biographien geben Auskunft darüber, wie das Leben der Protagonisten durch Nazidiktatur und -terror bedroht war, zeigen aber auch, dass sie nicht als Helden geboren wurden, sondern in die Rolle des Widerständlers hineinwuchsen. Ein gutes Beispiel dafür ist Martin Niemöller, der deutsch-national geprägt, als ehemaliger U-Bootkommandant zunächst die Nazis wählte, dann aber durch deren Anspruch, in das Recht der Kirche einzugreifen, zu einem entschiedenen Gegner der Nazis wurde. Der schnelle Überblick, den die Kurzbiographien im Buch gewähren, wird allerdings durch einige Ungenauigkeiten getrübt, die sich bei dem Versuch der Beschränkung eingeschlichen haben. Zwei Beispiele: Niemöller sollte nicht hingerichtet werden, sondern die Strategie der Nazis war es, ihn seelisch durch die Haft im KZ zu brechen. Auch zuletzt wurde er von Dachau aus nicht zur geplanten Hinrichtung nach Südtirol gebracht, sondern sollte dort von der SS zusammen mit anderen prominenten Häftlingen als Geisel für die Verhandlungen mit den Kriegsgegnern gebraucht werden. Die Dahlemer Gemeinde hielt übrigens nicht nur nach seiner Verhaftung einen Fürbittgottesdienst, in dem die Namen aller aus politischen Gründen inhaftierten Christen öffentlich gemacht wurden, sondern tat dies täglich bis zum Kriegsende.

Der eingelöste Anspruch der Herausgeberin, dass Lesende das Buch "voraussetzungslos", also ohne große Vorkenntnis verstehen können, macht es auch geeignet für junge Menschen und den Einsatz in Unterricht und Gemeindearbeit. Es regt zum Nachdenken darüber an, wo heute widerständiges christliches Handeln nötig sein könnte. Ein ergreifendes wie lehrreiches Lesebuch, das beweist, wie spannend die Lektüre von originalen Quellen sein kann.

Margot Käßmann: Gott will Taten sehen. C.H. Beck Verlag, München 2013, 479 Seiten, Euro 19,95.

Marion Gardei

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Foto: Sabeth Stickfort

Marion Gardei

Marion Gardei ist Beauftragte für Erinnerungsarbeit der Evangelischen Kirche Berlin-schlesische Oberlausitz. Sie wohnt in Berlin.


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