Stadt-Versprechen

Ein Punktum
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Ein weltberühmtes Gemüse das Ortseingangsschild der brandenburgischen Stadt Teltow zieren: Rübchenstadt Teltow. Doch die Kommune rast...

Nun wird es amtlich: Frankfurt (Oder) darf sich auf dem gelben Ortsschild "Kleist-Stadt" nennen, Neuruppin heißt fortan "Fontane-Stadt" und aus Linum wird das "Storchendorf". Der brandenburgische Landtag hat im Osten den Weg bereitet, andere Bundesländer ziehen vielleicht nach. Das Stadt-Marketing schmückt Städte mit phantasievollen Beinamen, "die auf die Historie, die Eigenart oder die Bedeutung der Gemeinde" - so die Kategorien in Brandenburg - hinweisen.

Bisher war das "Bad" der Zusatz im Namen für einen entdeckungswürdigen Raum. Wie mein heimatliches Bad Eilsen. Dieses Bad vor dem Namen: Für ein kleines, heranwachsendes Kind bedeuteten die drei Buchstaben Langeweile pur. Dagegen für die Kommune Wohlstand und Lebensqualität. Weiter zur zwanzig Kilometer entfernten "Rattenfängerstadt". Beim Besuch in Hameln schaudert es dem Kind, eingedenk der oft erzählten Sage der Brüder Grimm. Hatte doch ein Fremder die Stadt im Jahr 1284 mit Hilfe einer Pfeife von einer Rattenplage befreit. Heute kennt man die Stadt Hameln, aber noch mehr ihren Rattenfänger.

Und jetzt kommt die Stadt Eisleben ins Spiel. Aus Verhandlungsniederschriften ist bekannt, dass am 24. Januar 1946 Pfarrer Weiske als Vorsitzender des Lutherausschusses, die Stadtverwaltung bat, aus Anlass des 400. Todestages von Martin Luther sich an "zuständiger Stellen darum zu bemühen, dass die Stadt Eisleben den Beinamen Lutherstadt in ihrer amtlichen Bezeichnung führen darf".

In Eisleben war man sich schnell einig: Zehn Tage vor dem großen Jubiläum wurde aus Eisleben die Lutherstadt Eisleben. Nur Wittenberg kam dem zuvor: Die offizielle Anerkennung zur Lutherstadt galt seit 1938. Fortan feiern die Orts-Zusätze fröhliche Urständ. Da gibt es Osnabrück - die Friedensstadt. Kassel, die documenta-Stadt, oder die Wissenschaftsstadt Darmstadt.

Im Konzert der Einzigartigen wollen nun auch die Teltower Rübchen mitspielen. Sie zählen zu den edlen Rübensorten, sind bei Feinschmeckern beliebt, klein, rund und spitz zulaufend. Und sie haben es weit gebracht: Schon der Dichterfürst Goethe lobte ihr zartes Fleisch. Jetzt soll das weltberühmte Gemüse das Ortseingangsschild der brandenburgischen Stadt Teltow zieren: Rübchenstadt Teltow. Doch die Kommune rast: "Maßgebliche Kräfte der Teltower Zivilgesellschaft haben sich gegen die Verleihung des Namenszusatzes 'Rübchenstadt' ausgesprochen", heißt in der örtlichen Presse. Die Leiter bedeutender Teltower Forschungseinrichtungen finden den Zusatz "Rübchenstadt" unpassend für einen ernstzunehmenden Industrie-, Wissenschafts- und Verwaltungsstandort. Sucht der Stadt Bestes und entscheiden Sie selbst, was Appetit macht: der forschende Blick der Verwaltung oder ein Biss ins Rübchen.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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