Thiu iderman, was du wilt han

Dulden heißt beleidigen? Anmerkungen über Grenzen und Geschichte der Toleranz
Ausdruck repressiver Toleranz? Foto: Lothar Nahler
Ausdruck repressiver Toleranz? Foto: Lothar Nahler
Über Toleranz sprechen, heißt über ihre Grenzen sprechen. Auch wer diese im Grunde zum Teufel wünscht, stößt irgendwann auf sie. Denn ob Toleranz als Tugend, als gesellschaftliches Klima oder als Staatsräson: Letzten Endes bleibt sie ein Projekt auf Gegenseitigkeit.

Vor dem Eingang zu meinem Büro hängt ein kleinformatiges Gemälde aus dem Jahre 1537. Es zeigt das adlige Stifterehepaar der reformatorischen Gemeinde in Marklissa, Schlesien, und trägt in der Mitte die Inschrift: "thiu iderman was du wilt han" (handle gegenüber jedermann, wie es auch dir recht wäre): eine Frühform von Kants kategorischem Imperativ, mitten im Reformationszeitalter, ein kleiner Beweis dafür, dass eine allgemeine Vorstellung von Toleranz nicht ganz unbekannt war.

Aber Maximen zur Toleranz sind das eine. Das andere ist die Praxis, in der sie sich bewähren muss. In ihr erweist sich: Toleranz ist immer relativ. Über sie zu sprechen heißt, über ihre Grenzen sprechen.

Das Wort Toleranz leitet sich aus dem Lateinischen ab, "tolerare" heißt dulden, und mehr als Duldung war ursprünglich nicht gemeint. Erstmals von Bedeutung wurden der Begriff und die Sache in der Geschichte der europäischen christlichen Religionskriege, die sich so verheerend auf Gesellschaft und Staat auswirkten, dass Verträge über Duldungen als einzige Rettung erschienen. Toleranz, das war in den ersten Jahrhunderten nach der Reformation eher Folge allgemeiner Erschöpfung als die einer frommen und menschenfreundlichen Einsicht, wie wir sie bei den auf dem kleinen Gemälde verewigten Stiftern vermuten dürfen. Nein, die Toleranzverträge und -edikte gingen meist nur genau so weit, wie es angesichts von Gegenmacht unvermeidlich war, im Übrigen hatten sie das Ziel, Macht zu erhalten und die gesellschaftlichen Verhältnisse zu stabilisieren. Rückschläge waren eher die Regel: 1598 gewährte der "gute König" Heinrich IV. den französischen Calvinisten im Edikt von Nantes Religionsfreiheit, 1629 schon wurde es abgeschwächt und unter Ludwig XIV. 1685 aufgehoben. In gleichem Maße, wie die Intoleranz der Konfessionen kraftloser wurde, wuchs die des absolutistischen Staates.

Den Furor einhegen

Zunächst aber musste es darum gehen, den Furor der Konfessionen einzuhegen. Der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588-1676) wollte unter dem Einfluss des englischen Bürgerkriegs dem Staat - dem Souverän - alle Macht dazu an die Hand geben, indem er einen fugenlosen monistischen Kontrakt zwischen Gott und Obrigkeit behauptete. Damit überbot er alles, was man Luthers Zwei-Reiche-Lehre an Obrigkeitshörigkeit vorwerfen kann.

Ein Menschenalter später forderte der Aufklärungsdenker John Locke (1634-1704) religiöse Toleranz aus Gründen der Staatsräson. Darüber hinaus formulierte er schon das Recht des Einzelnen, das eigene Leben zu genießen - Aufbruchsignal für ein Freiheitsverständnis, das die Freiheit des Einzelnen einschloss, ja zum Ziel hatte. Es sollte 1776 sinngemäß in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung auftauchen ("Life, liberty and the pursuit of happiness"). Was allerdings die Begründungen für seine Ansichten anging, so bemühte sich Locke immer darum, sie theologisch zu untermauern; auf eine selbstevidente Vernunft wollte er sich nicht verlassen. In diesem Sinne war er Fideist - wenn man unter Fideismus die Überzeugung versteht, dass immer der (oder: ein) Glaube die maßgebliche Kraft ist, die Menschen bewegt und auch deren Vernunft lenkt.

Zwischen solchen Fideisten und denen, die auf die Autonomie der Vernunft vertrauen, scheint ein Graben zu verlaufen, über den hinweg es immer wieder zum Streit kommt, bis auf den heutigen Tag. Der polnische Philosoph Leszek Kolakowski (1927-2009) trug den Streit gar in eigener Brust aus. Er mauserte sich vom Marxisten zum freien Denker und befand schließlich, die Welt der Menschen sei unheilbar "mythogen": Überzeugungen über Gott, die Welt und die Menschen könnten nach einem Abschied von der Metaphysik nie zu einer Gewissheit über die Wahrheit ihrer selbst gelangen. Der Mensch stehe immer vor einem entscheidenden Dilemma: Einerseits kann er nicht anders, als seine Überzeugungen als wahr zu empfinden, andererseits weist ihm die Vernunft den Weg zu der Einsicht, dass all diese Überzeugungen unheilbar relativ sind. Wer dieses Dilemma nicht einfach ignoriert (was eher die Regel ist), wird dadurch gewissermaßen zu einer Toleranz aus Demut gedrängt - und die lässt sich auch aus dem christlichen Glauben begründen (siehe Nikolaus Schneider auf Seite 17).

Schwer erträgliche Leichtigkeit

Dennoch verbirgt sich hier eine Klippe für alle Toleranz. Das Bewusstsein, von der Wahrheit ausgeschlossen zu sein, ist keine kleine Sache: Ist denn alles, was der Mensch mit ernstem Sinn so treibt, nur Spiel? Soll man das als willkommene Befreiung vom ständigen Zwang zum Ernst sehen? Doch die damit gewonnene Leichtigkeit des Seins wird ernsthaften Naturen bald unerträglich. Für sie gibt es Sinn nur im Ernst oder gar nicht. Verzweifelte Sinnsuche führt aber leicht in Extremismus - und auf den Gedanken, den Ernstfall, den die gleichgültige Gesellschaft beharrlich verweigert, herbeizuzwingen, herbeizubomben.

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Nebenbei bemerkt: Wo der Ernstfall ganz unvermutet eintritt, gilt ohnehin das Wort Alexander Kluges: "In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod", da wird alle Toleranz suspendiert.

Doch zurück zur Geschichte des Nachdenkens über Toleranz: Auch im 19. Jahrhundert ging man hier in England voran. Insbesondere der große liberale Philosoph John Stuart Mill (1806-1873) buchstabierte die Möglichkeiten der Freiheit des Individuums nach allen Seiten aus und schuf damit das Niveau, auf dem noch heute der Diskurs über das Thema Toleranz gründet.

Mills menschenfreundliches Philosophieren führte bekanntlich nicht stracks in eine schöne neue, humane Welt. Vielmehr zerfiel Europa je länger je mehr in zwei Lager: Das eine hielt mit Mill die Freiheit für den entscheidenden staatsbürgerlichen Wert - im anderen sah man in ihr zunehmend ein lästiges Hindernis für die eigenen Ambitionen, Gegenwart und Zukunft zu gestalten. Spätestens seit den Karlsbader Beschlüssen von 1819, dem Auftakt zur Restaurationszeit, war man gewohnt, die Gegner der Freiheit auf Seiten der Reaktion zu vermuten. Schließlich waren es aber die auf Dynamik, Fortschritt und Veränderung erpichten Kräfte, die "schrankenlose" Freiheit als einen Bremsklotz für ihren Gestaltungswillen betrachteten. Unvermutet wurden damit die Fortschritts- und Veränderungsdenker, ob links, ob rechts, ob Rousseau, Marx oder Nietzsche (die Liste könnte sehr verlängert werden) zu Geburtshelfern für die Monster des 20. Jahrhunderts, nämlich die totalitären Staaten. Deren Machthabern erschien Toleranz im besten Falle als eine Narrheit.

"Offene Gesellschaft"

Im Jahr von Hitlers Tod, acht Jahre vor dem Stalins, erschien in England Karl Poppers "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde". Vieles von Poppers Ausführungen wirkt wie ein Update des Werkes von John Stuart Mill auf den Stand von 1945, der Zeit, die noch unter dem Schock des Krieges stand.

Hier die freie Gesellschaft, dort ihre Feinde: Das klingt allerdings verdächtig nach einem dualistischen Weltbild. Doch dahinter steckt wohl eher die durch leidvolle Erfahrung realistisch eingetrübte Anthropologie desjenigen, der als in Wien geborener österreichischer Jude Hobbes' krudes Diktum, der Mensch sei des Menschen Wolf, nicht von der Hand zu weisen vermochte. Sechzehn von Poppers Angehörigen wurden von den Nazis ermordet.

Erstes Kriterium für die offene Gesellschaft ist, dass in ihr ein unblutiger Regierungswechsel stattfinden kann. Die dazu passende Staatsform ist die Demokratie, wobei Popper eher wenig von der Mehrheitsmeinung hielt, dazu war er wiederum zu elitär veranlagt. Wichtig war ihm aber, dass der Staat hinsichtlich der Religion und allen Weltanschauungen (die eigene liberale ausgenommen) strenge Neutralität wahrt. Auf jeden Fall aber müsse sich ein solcher Staat gegen jedes von Einheitswahn geprägte Denken schützen, das, wo es Oberhand gewinnt, unweigerlich in den Totalitarismus führe.

"Repressive Toleranz"

Popper gehört damit auf die Seite jener, die in der Freiheit des Einzelnen die entscheidende Bedingung für eine "geglückte" Gesellschaft sehen. Seine Gegner fand er auf dem linken Flügel der Denker, die die Welt zum Besseren führen oder gar zwingen wollten. Da war zum Beispiel Herbert Marcuse (1898-1979), der dem kapitalistischen Westen "repressive Toleranz" vorwarf. Die sei nichts anderes als ein perfides Herrschaftsinstrument, mit ihrer Hilfe würden westliche Gesellschaften zu so etwas wie große Gummizellen, aus denen man nur ausbrechen kann, indem man jeden Toleranzanspruch zurückweist, der einer "progressiven" Veränderung der Welt im Wege steht.

Einer, der von diesem Argument beeindruckt war, war der junge Jürgen Habermas (geb. 1929). Er war neben dem Alt- und Großmeister der Linken, Theodor W. Adorno (1903-1969), Konterpart Karl Poppers in einer legendären Diskussion 1961 in Frankfurt am Main. Die Linken beharrten auf dem Prinzip der "Totalität": Die Gesellschaft könne tiefgreifend und nachhaltig nur als Ganzes verändert werden. Dagegen setzte Popper darauf, die gesellschaftlichen Probleme einzeln anzugehen und womöglich zu lösen. Dass die Frankfurter auch ohne die unguten Assoziationen, die der Begriff der "Totalität" auslösen kann, mit der Freiheit des Einzelnen auf Kriegsfuß standen, ist offensichtlich. Der Zeitgeist war allerdings auf ihrer Seite: Es galt den großen Wurf zu tun, was sollte dagegen die Poppersche Flickschusterei an einem maroden System? - Die 1961 ausgelöste Debatte ging unter dem Begriff "Positivismusstreit in der deutschen Soziologie" in die Annalen ein - den Titel "Positivist" hatten die Deutschen Popper unsinnigerweise angehängt. Jürgen Habermas entwickelte später die Diskurstheorie wohl auch, um das von ihm erkannte potenzentiell Freiheitsfeindliche aller Vorstellungen von totaler Veränderung durch seine Diskurstheorie auszugleichen.

Das Problem ist: Ohne Toleranz ist weder eine offene noch eine freie, noch auch eine auf Gerechtigkeitsvorstellungen basierende Gesellschaft zu haben. Aber die Bereitschaft zur Toleranz kann nicht einfach dekretiert werden, sie muss in der Gesellschaft wachsen. Der Rechtsphilosoph und ehemalige Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde (geb. 1930) hat das einmal in das lapidare, aber offenbar keineswegs selbstverständliche Axiom gegossen: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann." Für die Toleranz bedeutet das: Sie muss in einem Überzeugungsgrund wurzeln.

System der Abgrenzung

Aber kann Toleranz wirklich nicht dekretiert werden? Gegenwärtig scheint sich die gegenteilige Vorstellung in Europa auszubreiten - man setzt auf demokratisch abgesicherte staatliche Erziehung der eigenen Bürger oder gleich auf Toleranz oktroyierende Gesetze. Wieder einmal zeigt sich der nie ganz aufzulösende Widerspruch zwischen dem Anspruch auf aktive Gestaltung der Gesellschaft und der Freiheit der Individuen. Um letztere einzuschränken, genügt es, sich auf jenen Klassiker aller Toleranz-Grenzbestimmung zu berufen, dass nämlich verboten gehört, was anderen schadet. Ein weiches Kriterium: Was anderen schadet, ist interpretierbar.

John Stuart Mill war noch der Ansicht, weder der Staat noch die Gesellschaft hätten das Recht, den Einzelnen zu seinem Glück zu zwingen, mit welchen guten Absichten auch immer. Jeder sei Souverän "über sich selbst, über seinen eigenen Körper und Geist". Doch dieser Vorbehalt hat sich nicht durchgesetzt; jemanden vor sich selbst zu schützen, gilt als legitimes Anliegen, ja als Gebot staatlicher Fürsorglichkeit.

Wer als liberaler Geist in der westlichen Welt stolz auf seine Aufgeklärtheit ist, der kann nur schwer die Überzeugung unterdrücken, nur er und seine Gesinnungsgenossen seien dazu prädestiniert, zu definieren, was zu tolerieren ist. Jede explizite Toleranz ist auch ein System der Abgrenzung. Demnach verdient derjenige, der nicht das toleriert, was wir für wichtig halten, der sich gar an gesellschaftlichen Tabus vergreift (etwa der Holocaustleugner, mag er auch ein Spinner sein) keine Toleranz. Die Optimisten unter den Aufgeklärten der westlichen Welt halten es zudem für ausgemacht, dass der Export ihres Lebensstils die Ausbreitung der Toleranz garantieren könne. Hindernisse lägen nur noch im unaufgeklärt-zurückgebliebenen Bewusstsein vieler Menschen und natürlich in den Machtverhältnissen.

Eine Verheißung

Doch es gibt ein Sprichwort, das da lautet: Es kann niemand in Frieden leben, wenn es dem Nachbarn nicht gefällt. Das gilt leider bis auf weiteres am Gartenzaun, zwischen gesellschaftlichen Gruppierungen, für Völker und Staaten. Noch kann Goethes schöne Maxime leider nur die Beschreibung einer immerwährenden Aufgabe sein: "Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen."

Aber was heißt leider? Lässt sich ein Zustand vorstellen, in dem es für die Menschen nichts mehr gibt, wofür sie kämpfen müssten? Alles was gerecht ist, verwirklicht? Jeder jeden und alles toleriert? Die Ausnahmen davon von allen anerkannt sind? Der Löwe bei dem Lamm liegt?

Gewiss, das ist Verheißung, jenseits unserer Erfahrung und Lebenszeit. Die Themen, für die wir uns einsetzen können, werden uns nicht ausgehen, nicht die Probleme, die es anzugehen gilt. Die Bösen, das Böse in der Welt werden so leicht nicht aussterben. Und weil Toleranz letzten Endes ein Projekt auf Gegenseitigkeit bleibt, ist es gut, dass es nie an Menschen mangeln wird, die nach der Devise handeln: Thiu iderman, was du wilt han.

Übrigens hält jenes kleine Doppelporträt noch eine Pointe bereit: Für das reformatorische Ehepaar wurzelte das Toleranzgebot (wie weit oder eng sie immer es zu ihren Lebzeiten ausgelegt haben mögen) selbstverständlich im Glauben: Befill dich got / so wirt dir rodt: Vertraue auf Gott, so wirst du blühen.

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Helmut Kremers

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