Außenblicke

Lesebuch zur Ringparabel
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Spannend ist diese aktuelle Textesammlung vor allem wegen mehrerer Außenblicke auch anderer Religionen auf die Ringparabel.

Vor 230 Jahren wurde das Schauspiel zum ersten Mal in Berlin aufgeführt, unzählige weitere Inszenierung folgten. Gotthold Ephraim Lessings "Nathan der Weise" gehört zum Kanon der deutschen Dramen, durch dessen altertümliche Sprache sich noch heute Schüler und Schülerinnen in ihrem Deutschunterricht kämpfen müssen. Zu Recht - denn an kaum einem anderen Werk der deutschen Bühnenkunst lassen sich deutlicher die Gedankenwelt der Aufklärung und ihre Folgen für die Religionen nachvollziehen. Die Begegnung der Vertreter der drei monotheistischen Religionen während eines Waffenstillstandes im vermeintlich mittelalterlichen Jerusalem der Kreuzzüge, die statt im Gemetzel in gegenseitiger Umarmung endet, bleibt nicht nur angesichts des unlösbar scheinenden Nahost-Konfliktes von bedrückender Aktualität. Auch in Lessings Heimat wird zwar das Ideal eines friedlichen Miteinanders der Religionen hochgehalten, doch noch immer wird darum gestritten, ob der Islam zu Deutschland gehört, ob jüdische Jungen beschnitten werden dürfen oder Feiertage heilig sind.

Vor diesem Hintergrund erschien nun in der Evangelischen Verlagsanstalt anlässlich des Themenjahres "Reformation und Toleranz" ein aktuelles "Lesebuch", das sich dem Kern von Lessings Drama, der Ringparabel, aus unterschiedlichsten Perspektiven nähert. Denn es ging den Herausgebern Christoph Bultmann, Professor für Bibelwissenschaften, und der Germanistin Birka Siwcyk nicht darum, eine weitere Text- und Quellensammlung für den Deutschunterricht zu editieren. Wobei es ja durchaus interessant ist, sich noch einmal den von Lessing genutzten Ursprungstext aus Giovanni Boccaccios "Decamerone" aus dem 14. Jahrhundert zu vergegenwärtigen. Gleiches gilt für den Streit Lessings mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze, der das Stück sozusagen negativ mitgeprägt hat - und geradezu überraschend ist das breite Wissen Lessings über islamische Quellen, das seine dramatische Arbeit stärker beeinflusst hat als lange Zeit angenommen wurde.

Doch spannend ist die Textsammlung vor allem wegen mehrerer Außenblicke auf die Ringparabel. So setzt sich Schmuel Feiner, Leiter des Jerusalemer Leo-Baeck-Instituts, kritisch mit Lessings deistischem Gedankengut auseinander, das am Ende die Identität der jeweiligen Religionen bedrohe. Und Erdal Toprakyaran, Direktor des Zentrums für Islamische Theologie Tübingen, betrachtet skeptisch den von Lessing ausgerufenen Wettstreit der Religionen, nicht nur, weil Muslime in einer christlichen Mehrheitsgesellschaft theologisch noch lange nicht in einen Wettkampf auf Augenhöhe treten könnten. Vielmehr zweifelt er das Konzept des Wettkampfes an, das möglicherweise in die Lebenswelt eines Kaufmannes passe, aber weniger zu religiösen Handlungen. Als Alternative formuliert er eine spannende Ringparabel aus Sicht der islamischen Mystik, wie sie der Derwisch in Lessings Drama vielleicht hätte formulieren können.

Auch die moderne christliche Theologie kommt vor, etwa in Dirk Ansorges "Lessing und die katholische Theologie", Reinhold Bernhardts Verweise auf das Johannes-Evangelium oder Anne Käfers Vergleich der Religionskonzepte in der Ringparabel und bei Friedrich Schleiermacher. Dass einer der zentralen Beiträge, nämlich der des Erziehungswissenschaftlers Micha Brumlik, nahezu ohne expliziten Bezug auf Lessings Werk auskommt, ist nur folgerichtig und nimmt der Lektüre nicht ihren Reiz. Denn er fragt vor dem Hintergrund moderner Konzepte der Toleranz, wie sie in der Frankfurter Schule zuletzt von Rainer Forst entwickelt wurden, nach Wahrheitskonzepten im interreligiösen Dialog. Und darum geht es in Lessings "Nathan der Weise" und dessen Ringparabel - seit 230 Jahren.

Christoph Bultmann/Birka Siwczyk (Hg.): Tolerant mit Lessing. Ein Lesebuch zur Ringparabel. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2013, 344 Seiten, Euro 14,80.

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Stephan Kosch

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