Wellenmusik

Wieder da: Bulgariens Frauen
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Wie aus dem Nichts meldet sich der Chor "Angelite" zurück, um nahtlos da anzuknüpfen, wo man sich zuletzt begegnet war.

In den Neunzigerjahren waren die Mysterien der Stimmen Bulgariens eine der großen musikalischen Überraschungen. Wer den Frauenchor mit dem kehligen Timbre und den fremdartigen Harmonien - irgendwo zwischen Folklore und Avantgarde - live erlebte, bekam den Klang nicht mehr aus dem Kopf. Das waren Musik gewordene Wellenbewegungen, die eine Schleuse in eine andere Welt öffneten.

Mit der Zeit verlor sich der Reiz des Unbekannten, und wie jeder Hype flachte auch dieser ab. Wie aus dem Nichts meldet sich nun der Chor "Angelite" zurück, um nahtlos da anzuknüpfen, wo man sich zuletzt begegnet war. Eine einsame Stimme eröffnet "Angelina", die erste CD seit zehn Jahren, kraftvoll, klar, mit den typischen Phrasierungen, Kieksern, sich überschlagenden Tönen. Bald setzt ein wirbelndes Folklore-Ensemble ein - auch das ein Element, das man von früher kennt.

Für alte Fans gibt es manches Vertraute, manches Wiederhören. Und doch ist "Angelina" kein Aufguss eines alten Erfolgsrezepts, sondern schlicht die Fortschreibung einer unverwechselbaren musikalischen Tradition. Die Rhythmik ist oft asymmetrisch, die Melodien erkunden diatonische, pentatonische und chromatische Skalen, die zum Teil aus dem mittelalterlichen Orient stammen. Im Unterschied zur westeuropäischen Musik sind unter anderem auch Vierteltonschritte möglich.

Möglich ist immer vieles, aber das Faszinierende an "Angelite" ist die pralle Leichtigkeit, mit der die 24 Frauen diese komplexe Musik singen. Mal sparsam begleitet von einer einzelnen Kavalflöte oder Trommel, mal mit größerer Instrumentalgruppe und - zum Glück, weil dies die schönsten Momente sind - immer wieder a cappella. Unbeschwert, dann verhalten-melancholisch, träumerisch oder mit ungebremster Power. Mitunter, in Stücken wie "Dva Tapana Biyat" ("Zwei Trommeln schlagen"), gehen noch die letzten Orientierungspunkte verloren und der Chor schichtet Cluster auf Cluster. Schwindelerregend.

Dem Chorleiter Georgi Petkov gebührt das Verdienst, dem Comeback des Ensembles nicht zwanghaft einen anderen Stempel aufgedrückt zu haben. Vielmehr hat er die Grenzen des Möglichen erneut behutsam geweitet. Die CD klingt toll und kann letztlich doch nur ein Appetitmacher sein: Diese Frauen muss man im Original, unverstärkt, in einer großen Kirche erleben.

The Bulgarian Voices Angelite - Angelina. Jaro 4310-2.

Ralf Neite

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