Auch ein ferner Spiegel

Die Kaiserkrönung Otto des Großen im Jahre 962 und die deutsche Geschichte
Foto: akg-images
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Mit Otto dem Großen begann (vielleicht) die deutsche Geschichte; mit seiner Kirchenpolitik die Auseinandersetzung mit dem Papsttum, womit er (wiederum vielleicht) ein politisches Samenkorn für die Reformation gelegt hat: Geschichte ist immer auch Interpretation.

Johannes XII. war wohl kein besonders würdiger Papst. Unzucht, Ehebruch, Spielleidenschaft, Gotteslästerung, kaum etwas, was ihm spätere Chronisten nicht vorgeworfen hätten. Aber er war auch nicht gerade in einem Alter, dem man nachsagt, übermäßig zu den Tugenden des Maßhaltens und der Würde zu neigen: nämlich so um die zwanzig. Durch das Vermächtnis seines Vaters, der zu seinen Lebzeiten der mächtigste Mann Roms war, war er im Jahre 955 auf den Stuhl Petri gelangt.

Nördlich der Alpen war man in diesem Jahr 955 mit anderem beschäftigt. Das wilde Reitervolk der Ungarn, schon seit Jahrzehnten eine wahre Landplage, war wieder einmal zum Plündern und Morden erschienen - aber wie schon 22 Jahre zuvor sein Vater, errang der ostfränkische König Otto einen Sieg, gar einen noch viel bedeutenderen.

Die Papstwahl und der Waffensieg haben auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun: wenn man nicht als Parallele ansehen will, was damals allen Lebensläufen von Mächtigen gemein war: ein genießendes Ausruhen oder nur ruhiges Wirken gab es für sie nicht. An die Macht zu gelangen, war manchmal leicht, sich dort zu halten nie.

Der Köder des Papsts

Auch der junge lebenslustige Papst sollte das bald erfahren: Ein anderer Mächtiger, Berengar II., seines Zeichens König von Italien (nämlich Norditalien) machte ihm das Leben schwer; dass er sich schließlich an Otto um Hilfe wandte, lag nahe: Dessen Macht befand sich gerade in einem Hoch, und dass er Interesse an Italien hatte, durfte schon deshalb zu vermuten sein, weil seine zweite Frau, Adelheid, von dort stammte und dort sehr begütert war.

Und dann hatte der Papst auch noch einen Köder, von dem er ziemlich sicher sein konnte, dass Otto anbeißen würde: die verwaiste (west-)römische Kaiserwürde, die einst auch der Herrscher des fränkischen Großreiches Karl der Große vom Bischof Roms erhalten hatte, nämlich am ersten Weihnachtstag des Jahres 800. Sich in diese Tradition zu stellen, das war für den Ostfrankenkönig höchst verlockend, versprach dies doch eine Rangerhöhung, die ihn über alle Herrscher des Abendlandes erheben würde: Status und Rang, das war im streng hierarchisch denkenden und auf alles Symbolische erpichte Mittelalter von höchster Bedeutung. Und nebenbei würde der Papst ihm helfen, seinen Lieblingsplan durchzusetzen: Magdeburg zum Erzbistum zu machen.

Am 31. Januar 962 erreichte Otto mit seinem Heer Rom; schon zwei Tage später wurde er in der Peterskirche zum Kaiser gekrönt - und seine Frau Adelheid zur Kaiserin. In den nächsten Tagen tauschten Papst und Kaiser noch einige Urkunden: Otto bestätigte Johannes so ziemlich alle seine italienischen Besitzungen, Johannes widersprach nicht der kaiserlichen Bestätigung der Constitutio Romana, die 824 zwischen Papst und Kaiser (Lothar I., Enkel Karl des Großen) geschlossen worden war: Der gewählte Papst hatte vor seiner Weihe dem Kaiser einen Treueid zu leisten.

Das Unerhörte

Behagt hat das dem Papst wohl wenig, drückte das doch einen höheren Rang des Kaisers aus. Kaum war Otto abgezogen, nahm Johannes Kontakt mit dem Feind auf; während Otto in Norditalien gegen Berengar Krieg führte, ließ der Papst Berengars Sohn zu Verhandlungen in die Heilige Stadt ein. Doch Otto erschien blitzschnell wieder in Rom, der Papst suchte das Weite. Und nun geschah das Unerhörte: Otto machte dem Papst den Prozess und ließ ihn, da der nicht erschien, kurzer Hand absetzen. Die Synode wählte den Mann, den er vorschlug, einen päpstlichen Verwaltungsbeamten, den man im Eilverfahren alle notwendigen Weihen angedeihen ließ: Leo VIII. Otto bestätigte seine Wahl und feierte das Weihnachtsfest in Rom. Sieg auf ganzer Linie, auch Berengar musste sich ergeben.

Aber halt, die Geschichte rund um die Krönung ist noch nicht zu Ende. Kaum hatte Otto sein Heer entlassen, meuterten die Römer, Otto konnte den Aufstand gerade noch niederschlagen. Und kaum hatte der Kaiser eine Woche später die Stadt verlassen, verjagten die Römer jenen Leo und holten Johannes zurück. Der nahm Rache an seinen Feinden: Einem Kardinaldiakonen wurden Zunge, Nase und zwei Finger abgeschnitten, einem anderen die rechte Hand abgehauen. Otto konnte nicht gleich reagieren - ein Heer wieder zusammenzurufen, das ging nicht von heute auf morgen, auch gab es an der Ostgrenze wieder Aufstände der immer wieder blutig unterdrückten Slawen.

Tod eines Papstes

964 erst marschierte Otto wieder nach Italien. Kurz vor Rom ereilte ihn eine überraschende und gewiss nicht unwillkommene Nachricht: Den erst 28jährigen Papst hatte ein tödlicher Schlag getroffen, beim Ehebruch, hieß es. Die Römer hatten inzwischen einen weiteren Papst gewählt, Benedikt (V.), doch den ließ Otto gleich wieder abgesetzen, Leo VIII. wurde wieder installiert, Otto kehrte in sein Reich zurück.

Trotz der selbstherrlichen Art, mit der der Kaiser mit den Päpsten umsprang (er sollte nicht der letzte sein), scheint schon im 10. Jahrhundert zumindest einem gelehrten Zeitchronisten der Gedanke unbehaglich gewesen zu sein, aus der Kaiserkrönung ließe sich so etwas wie die Superiorität des Papstes herauslesen: Der Mönch Widukind von Corvey, einer der wichtigen Ottobiographen, behandelt die Kaiserkrönung in seiner Chronik als Nebensache und schildert stattdessen angelegentlich, wie Otto nach dem großen Ungarnsieg auf dem Lechfeld von seinem Heer spontan zum Kaiser gekürt worden sei. Von diesem Zeitpunkt bezeichnet er Otto ostentativ nur als Kaiser.

Er knüpft damit tatsächlich bei einer römischen Tradition an, allerdings eine eher unglückliche: Die Soldatenkaiser stehen für staatliches Chaos. Doch Widukind, eine Art sächsischer Proto-Nationalist, wollte entschieden vermeiden, dass die Kaiserwürde in Zusammenhang mit welschem Treiben gesehen wurde.

Auf dem Gipfel der Macht

Ottos Sorgen waren das nicht. Er hatte es geschafft, er war nun auf dem Gipfel seiner Macht und seines Ruhms. Er war Kaiser. Er war somit nach eigenem Verständnis so etwas wie der König der Könige, der ranghöchste Herrscher des Abendlandes. Nur der oströmische Kaiser in Konstantinopel war seines Ranges (wenn die Oströmer dies auch keineswegs so sahen). Ottos Selbstbewusstsein drückt sich augenfällig in seinem Siegel aus: Das bisherige hatte ihn aus dem Halbprofil mit Schwert und Lanze gezeigt, nun, auf dem neuen, sieht man ihn en face, in den Händen die Reichsinsignien, wie es der altrömischen und auch oströmischen Herrscherikonographie entsprach.

Was aber hat Ottos Reich und seine Kaiserkrönung mit den Deutschen zu tun? "Thiudisk", das war im 10. Jahrhundert nur der Sammelname für bestimmte, eben die "deutschen" Dialekte. Doch sicher ist, dass im 10. Jahrhundert eine bis 1806 reichende Geschichte begann, die im Laufe der Zeit mit der deutschen identifiziert wurde. Für die national bis nationalistisch gesonnenen deutschen Historiker des 19. Jahrhunderts war klar: Wenn schon nicht mit Karl dem Großen, so doch wenigstens mit Otto begann das "Deutsche Reich".

Solche Gründungsdaten sind Setzungen, Interpretationen, die wiederum vom jeweiligen Zeitgeist abhängen. Heute lassen deutsche Historiker eher die Finger davon, und die deutsche politische Öffentlichkeit ist in dieser Hinsicht völlig abstinent. Andere Länder sind da weniger zurückhaltend, Frankreich begnügt sich schon nicht mehr mit Charlemagne als ältestem Ahnherr, sondern geht bis zu den Merowingern zurück.

Eine Ausstellung in Magdeburg

Hierzulande hat die vom Nationalsozialismus verursachte Multikatastrophe nationale Mythen, Legenden und Meistererzählungen weitgehend zum Verstummen gebracht. Die Kaiserzeit des Mittelalters ist weit entrückt, von Zeit zu Zeit wird sie noch einmal beschworen in musealen Events, die oft massenhaft Besucher anlocken - ganz ausgestorben kann das Interesse an der Geschichte also nicht sein. Ein ferner Spiegel, so betitelte Barbara Tuchman 1982 ihr Buch über den Hundertjährigen Krieg - der Titel drückt in unüberbietbarer Prägnanz die Aufgabe aller Geschichtsschreibung aus, die nicht nur für Fachkollegen bestimmt ist: Wer in diesen Spiegel hineinschaut, will sehen, wie es eigentlich gewesen ist (doch auch dieser Spiegel ist zumeist ziemlich dunkel), doch er wird aller Fremdheit zum Trotz auch etwas von sich selbst und der eigenen Gegenwart wiederfinden - Voraussetzung aller Empathie und jedes Verstehens.

Museale Events orientieren sich heute an der Wissenschaft und pflegen deren Erkenntnisse in didaktische Konzepte zu gießen: Der Besucher soll, indem er seine Neugier aufs Alte befriedigt, auch etwas lernen. Dies gilt auch für die Ausstellung "Otto der Große und das Römische Kaiserreich", die zurzeit in Magdeburg läuft - auch in ihr gibt es genug zu schauen und zu lernen. Lernziel ist, zu erkennen, wie sehr sich die frühen fränkisch-deutschen Kaiser, insbesondere die Ottonen, in der Kontinuität zur römischen Kaiserzeit und also der Antike fühlten. Die Ausstellung ist chronologisch angelegt und suggeriert möglicherweise, wenn auch ungewollt, jene Kontinuität als eine ungebrochene - Differenzierungen bekommen nur idealtypische Ausstellungsbesucher mit. Und: Der als Magdeburger Reiter plakatierte Otto verbleibt als Gestalt in der dunkelsten Spiegelecke, er kommt uns keinen Schritt näher - aber das ist wohl auch nicht intendiert.

Dabei hatte Otto zum Zeitpunkt seiner Kaiserkrönung schon einen langen und abenteuerlichen Weg hinter sich. Er war 962 schon fast fünfzig, mit 24 Jahren war er König geworden. Sein Vater Heinrich hatte 911 die Königswürde überraschend erworben, wenn auch nicht ganz so unerwartet, wie es die durch Carl Loewe vertonte Ballade von Johann Nepomuk Vogl suggeriert: "Herr Heinrich sitzt am Vogelherd ..." - wo er von einer fähnleinschwenkenden Reiterschar mit der guten Nachricht überfallen wird: "'s Deutschen Reiches Will!". Auch diese Legende gehörte einmal zur deutschen Mythologie und wurde von den Nazis verschlissen: Heinrich Himmler begründete einen spezifisch nationalsozialistischen Heinrich-Kult, was diesem umsichtigen Herrscher herzlich Unrecht tat. Auch Otto erfreute sich bei den Nazis einiger Beliebtheit, der christliche Glaube all dieser Könige galt ihnen als zeittypischer Aberglaube, mit dem sie aufzuräumen gedachten.Man sieht: Deutsche Geschichte harrt der Wiederentdeckung - oder, um es mit Blick auf die Trümmerlandschaft zu sagen, die die Naziherrschaft auch auf diesem Gebiet zurückgelassenen hat - der Rekonstruktion.

Ein Familienmensch

Aber zurück zu dem jungen König Otto. Der musste von Anfang an schwer um seine Herrschaft kämpfen. Die Großen des Reiches vermissten die Konzilianz von Ottos Vater, die eigenen Brüder und der eigene älteste Sohn und Thronfolger, Liudolf, fühlten sich zurückgesetzt und machten in Aufständen mit jenen gemeinsame Sache. Otto behielt stets die Oberhand - und verzieh seinem Bruder Heinrich und seinem Sohn Liudolf wiederholte Male. Berühmt wurde die dritte Unterwerfung seines Bruders Heinrich, Weihnachten 941 in der Frankfurter Pfalzkapelle, ganz nach den Ritualen der Zeit: Fußfall des Sünders, Aufheben durch den milden Herrscher, Umarmung, Versöhnung. Auch dieses Ereignis wurde im vorvorigen Jahrhundert balladenverherrlicht (Heinrich von Mühler/Carl Loewe), Aber anders als dort ausgemalt handelte es sich nicht um einen Spontanakt, sondern um eine sorgsame Inszenierung, in denen selbst die Tränen des Herrschers vorgesehen waren.

Aber so viel scheint fest zu stehen: Otto war ein ausgesprochener Familienmensch, mit seiner hartnäckigen Milde hat er wohl auch die Widerspenstigen zu Anhängern bekehrt. Auch mit seinen beiden Frauen hat er offenbar in Harmonie gelebt, beide übten einigen Einfluss auf ihn aus, Adelheid wird in Urkunden gar als Mitregentin bezeichnet. Der Erstgeborene, Liudolf, fiel später im Dienst seines Vaters in Italien - und damit war der Weg frei für Otto (II.), von dem Liudolf befürchtet hatte, er könne ihm vorgezogen werden. Otto II. war ein Sohn Otto des Großen und seiner zweiten Gemahlin, Adelheid; Liudolf entstammte Ottos erster Ehe mit der angelsächsischen Königstochter Editha, die 946 gestorben war.

Noch blieb die Aufgabe, Byzanz endlich dazu zu bringen, den Kaiser aus dem nebligen Norden als gleichrangig anzuerkennen. Das Mittel lag in der Heiratspolitik: Man ersuchte in Konstantinopel um eine Prinzessin aus dem Kaiserhaus als Gattin für den Sohn, Otto II. Es erschien zwar "nur" eine Prinzessin von nicht ganz so hochrangiger Abkunft, aber man war's zufrieden - Theophanu sollte sich als kluge und schließlich auch einflussreiche Frau erweisen. Zusammen mit Adelheid regierte sie nach dem frühen Tod ihres Mannes für ihren unmündigen Sohn (Otto III.) das Reich - eine Zeit des Friedens.

Hin zur Reformation

Otto I. wurde von der Geschichtsschreibung schon bald der Titel "der Große" verliehen. In der Tat hat er sein Reich, in dem man später das embryonale "deutsche Reich" sah, auf einen ersten Machtgipfel gebracht und so der langen und wechselvollen Geschichte des späteren Heiligen Römischen Reiches eine Richtung gegeben.

Mit Otto (und jenem herzlich unbedeutenden Papst Johannes) begann aber auch die jahrhundertelange Auseinandersetzung zwischen Papst und Kaiser. Zunehmend sollte es den Päpsten gelingen, den Gedanken durchzusetzen, sie seien die Stellvertreter Gottes auf Erden, und damit stünden sie über allen irdischen Herrschern, auch über dem Kaiser. Hier endet die Kontinuität zur römischen Antike - niemals wäre es dem Kaiser Konstantin eingefallen, ein Bischof von Rom könne auch nur auf gleicher Stufe mit ihm stehen.

Und da Otto auch als Begründer der Reichskirche gilt, weil er sich gegen die allzu mächtigen Herzöge auf die Erzbischöfe stützte, weil diese später zu Territorialfürsten wurden und es im "Reich" bis 1803 blieben - deshalb stand kein Land Europas für so lange Jahrhunderte in einem so innigen Verhältnis zu Papst und Kirche wie Deutschland. Glückbringend war dieses Verhältnis freilich nicht, und vielleicht hat es dazu beigetragen, dass gerade im Herzen Deutschlands eine Bewegung ihren Ausgang nahm, die die Welt verändern sollte: die Reformation.

Literatur Matthias Becher: Otto der Große. Kaiser und Reich. Eine Biographie. Beck, München 2012, Euro 24,85.

Ausstellung Otto der Große und das Römische Reich. Kaisertum von der Antike zum Mittelalter. Kulturhistorisches Museum Magdeburg. Bis 9. Dezember 2012, täglich 10-18 Uhr.

Helmut Kremers

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