Camus redivivus

Ein Wiederaufnahmeverfahren für den Mann in der Revolte
Foto: pixelio / Dietmar Meinert
Der in Frankreich jahrzehntelang als Autor non grata geschmähte Camus wird nicht nur rehabilitiert - wie es scheint, steht ihm eine glanzvolle Auferstehung bevor.

Die vier Tugenden eines Journalisten heißen Klarsicht, Verweigerung, Ironie und Hartnäckigkeit. So bündig hat das schon lange niemand mehr formuliert. Die Zeiten sind unübersichtlich und die Mittel der Ironie scheinen ausgereizt. Aber, der dies gesagt hat, spricht aus einer anderen Zeit zu uns. Sein Name: Albert Camus.

Sein kurzes Manifest ist zu Beginn des Zweiten Weltkriegs entstanden und damals der Zensur zum Opfer gefallen. Anfang 2012 zufällig in einem Archiv in Aix-en-Provence entdeckt, wird es als Sensation gefeiert - diesseits und (was in diesem Fall vielleicht noch erstaunlicher ist) vor allem jenseits des Rheins.

Der in Frankreich jahrzehntelang als Autor non grata geschmähte Camus wird nicht nur rehabilitiert - wie es scheint, steht ihm eine glanzvolle Auferstehung bevor. Das begeisterte Medienecho auf den nie veröffentlichten Text des 26-jährigen Journalisten aus Algier bildet da nur einen vorläufigen Glanzpunkt. Wenn sich im nächsten Jahr sein Geburtstag zum 100. Mal jährt, wird er überall im Land mit Konferenzen, Tagungen und großen Festivals gefeiert werden. Ob es so weit kommt, dass sein Leichnam aus dem südfranzösischen Lourmarin ins Pantheon überführt wird, wie es Nicolas Sarkozy kurz vor seiner Abwahl noch rasch anordnen wollte, ist noch offen.

Der Verfasser der Romane Der Fremde und Die Pest sowie der Essays Der Mythos von Sisyphos und Der Mensch in der Revolte kann auch mehr als fünfzig Jahre nach den großen Debatten um Existenzialismus und Engagement noch einen politisch motivierten Streit auslösen. Das zeigt das Scharmützel um die große Ausstellung zu seinen Ehren in Aix-en-Provence, die im November 2013 eröffnet werden soll. Nach dem Machtwechsel im Elysée-Palast wurde der Kurator geschasst, wohl weil er der falschen Partei angehört. Davon unberührt stehen plötzlich auch Camus' lang vernachlässigte Theaterstücke auf den Spielplänen ganz unterschiedlicher Bühnen - allen voran "Caligula" und "Das Missverständnis". Dazu sind in Frankreich, aber auch in den USA fast zeitgleich neue Biografien erschienen. Zum Beispiel Elements of a Life von Robert Zaretsky und der biografische Essay "L'Ordre Libertaire" des Philosophen Michel Onfray.

Onfray bietet auch Erklärungen für die erstaunliche Erweckung des lang nur noch als Autor für die Schule verspotteten Camus. Etwa wenn er darauf verweist, dass dieser schon auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges erkannt hat, dass rechte wie linke Ideologien menschenverachtend sind, dass ihm aber erst nach dem Ende des West-Ost-Konflikts Gerechtigkeit widerfahren konnte. "Die Geschichte hat Camus Recht gegeben", meint Onfray. Während sie dessen einstigen Freund und größten Gegenspieler Jean-Paul Sartre, der den Stalinismus rechtfertigte, für immer ins Unrecht gesetzt hat.

Als Camus den Nobelpreis erhielt, sagte er: "Wenn ich mich zwischen dem Terrorismus und meiner Mutter entscheiden soll, dann entscheide ich mich für meine Mutter." Damit war er bei den Pariser Intellektuellen endgültig in Ungnade gefallen. Man kann den posthum 1994 veröffentlichten autobiographischen Roman Der erste Mensch auch als eine dreihunder Seiten lange Präzisierung dieses Statements lesen: Als eine im Elend von Algier aufgewachsene Halbwaise fühlte er sich nicht wie ein Kolonisierter, der Terror hatte für ihn nichts Heroisches. Er war nicht bereit, die Literatur dem Engagement, ebenso wenig die Freiheit der Ideologie zu unterwerfen.

In dieser Hinsicht ist er sich selbst und dem jungen Redakteur einer Widerstandszeitung, der er 1939 war, treu geblieben: Klarsicht und Verweigerung gehörten für ihn zu den journalistischen Tugenden.

Ludwig Laibacher

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