Schrei nach Gerechtigkeit

Warum im Judentum die Apokalyptik entstand und wie sich diese im Christentum veränderte
Aleppo am 2. Oktober nach der Bombardierung durch Regierungstruppen. Foto: dpa/Maysun
Aleppo am 2. Oktober nach der Bombardierung durch Regierungstruppen. Foto: dpa/Maysun
"Die verstörenden Bilder der Apokalypse sind uralt und ewig jung", meint Thomas Söding, Professor für Neues Testament an der Katholisch- Theologischen Fakultät der Universität Bochum.

Apokalypse findet in den Elendsgebieten dieser Welt statt: Kriege und Bürgerkriege, Völkermord und Vertreibung, Hungersnöte, Erdbeben und Tsunamis haben nie so viele Opfer gekostet wie heute. Und die Verheerungen der Seelenlandschaften sind nicht geringer als die Verwüstungen der Natur, auch in den Wohlstandsgebieten.

Internet und Fernsehen liefern schreckliche Bilder frei Haus. Meistens werden sie verdrängt, nicht unbedingt aus bösem Willen oder zynischer Gleichgültigkeit, sondern weil niemand aushalten kann, was sie zeigen, das pure Grauen, das abgrundtief Böse, die apokalyptische Katastrophe.

Wer genauer hinsehen will, muss ins Kino gehen oder den Computer starten. Katastrophenfilme ziehen Massen an. Und die meisten Computerspiele simulieren die Apokalypse. Sie spielen mit der Faszination des Terrors, zeigen Bilder der Sintflut und des Weltenbrandes, des Kometensturmes und der Höllenfahrt. Sie erzählen Geschichten von der Bedrohung des Universums, der Zerstörung der Natur und vom Ende des Lebens. Viele setzen auf billige Effekte, so dass die Gefahr der Abstumpfung groß ist.

Die Bilder sind nur ein Schatten der Realität mit ihren echten Qualen, Wunden und Toden. Aber die besten Filme und Spiele öffnen die Augen. Und noch die schlechtesten können denen, die sie kritisch betrachten, Einblicke gewähren: in die Absurdität des Todes, den Mechanismus des Bösen, das Elend der Schuldigen und Unschuldigen.

Wer das Kino verlässt und den Computer ausschaltet, ist nur ein Zuschauer oder Spieler gewesen und hat das wahre Leben vor sich. Aber im besten Fall kann er es mit anderen Augen sehen als vorher.

Verstörende Bilder

Die Theologie hat mit der Apokalyptik immer Schwierigkeiten gehabt. Denn sie fügt sich in kein System. Sie zerstört die Ordnung und zeigt, dass es ganz anders geht. Deshalb verbannten die Gelehrten die apokalyptischen Bücher am liebsten in den Giftschrank des schlechten Geschmacks. Künstler waren dagegen zu allen Zeiten fasziniert. Edvard Munchs "Schrei" oder Pablo Picassos "Guernica" sind zu Ikonen psychischer und sozialer Zerstörung in der Moderne geworden.

Die verstörenden Bilder der Apokalypse sind uralt und ewig jung. "In jenen Tagen, nach dieser Not, wird sich die Sonne verfinstern und der Mond nicht mehr scheinen, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Himmelskräfte werden erschüttert werden", so hört sich die Apokalypse - nach der Überlieferung des Markusevangeliums - im Munde Jesu an. Sie ist keine Wettervorhersage für den Tag X, sondern Ankündigung eines weltbewegenden Endes, in dem nichts mehr sein wird, wie es war.

Und wer nach Worten sucht, um den Einschlag der Flugzeuge in die New Yorker Twin-Towers zu deuten, wird in der Johannesoffenbarung fündig: "Die Heuschrecken waren wie Pferde zur Schlacht gerüstet. Sie hatten Brustschilde wie Eisenpanzer und das Schwirren ihrer Flügel war wie das Rattern der Streitwagen und das Trampeln der Pferde auf dem Weg in die Schlacht."

Verherrlichung oder Entlarvung der Gewalt?

Freilich fragt sich: Verdoppeln die apokalyptischen Bilder das Elend nur oder machen sie es kenntlich, damit es bekämpft werden kann? Und lassen sich Bilder der Gewaltverherrlichung von Bildern der Gewaltentlarvung unterscheiden? Ist die Apokalyptik Ausbruch eines Fundamentalismus, der die Welt in den Abgrund reißt, weil er sie nicht bezwingen kann? Oder ist sie Ausdruck eines Leidens, das nach Worten sucht, und einer Hoffnung, dass es eine Zukunft jenseits des Todes gibt, weil das Böse nicht ewig sein kann?

Die Bilder der Apokalypse spiegeln in den Mythen der Völker die Kämpfe der Götter, die sich auf Erden austoben. Anfang und Ende der Welt entstehen aus Orgien von Blut und Gewalt, in denen eine Götterdynastie die andere entmachtet. Und die Menschen sind dazu da, ihnen Opfer zu bringen. Sie können stolz und froh sein, wenn sie durch Arbeit das Leben meistern und die Götter gnädig stimmen. Aber weil es derer viele gibt, hört die Konkurrenz nicht auf. Bestenfalls herrscht ein Gleichgewicht des Schreckens. Und die Erzählungen, die oft von großer poetischer Kraft sind, sollen den Terror bannen. Ihr originärer Ort ist der Kult, in dem, was der Mythos besagt, durch Rezitation Ereignis wird, die gegenwärtige Apokalypse, der reale Tod, das wirkliche Leben.

Aus dem Kreislauf von Werden und Vergehen gibt es kein Entkommen. Es gibt Überlebenskünstler und Helden, Täter und Opfer, Sieger und Besiegte, aber jedes Jenseits der Gegenwart ist nur die veränderte Wiederkehr des Bekannten. Der Mythos ist tragisch. Er kennt keine endgültige Erlösung, so atemberaubend er die Gesetze dieser Welt, die Grenzen menschlicher Macht und die Herrschaft der Gewalt auch ins Bild setzt.

Verzweifelter Schrei

Die Prophetie der Bibel nimmt die Bilder des Mythos auf. Denn sie erkennt in ihnen eine tiefe Wahrheit: Die Welt besteht nicht in sich selbst, sondern wird von einer göttlichen Macht beherrscht. Auf Erden gibt es weder ewiges Glück noch unendliches Leid, denn alles ist befristet. Aber die Prophetie der Bibel setzt beim Bekenntnis des einen Gottes an. Er ist der Schöpfer des Himmels und der Erde. Er ist Herr der Geschichte, und deshalb kann es keinen Konkurrenzkampf der Götter geben, sondern nur die Herrschaft Gottes.

Dennoch gibt es Leid in dieser Welt, das die Unschuldigen trifft. Und wie sich das mit der Gerechtigkeit Gottes vereinbart, ist die große Frage. Wenn man nicht mehr auf einen irdischen Ausgleich hoffen kann, scheint alles verloren, das Glück des Lebens und die Gerechtigkeit Gottes.

Die biblische Apokalyptik ist der verzweifelte Schrei: "Das darf doch nicht wahr sein!" Sie stellt die Theodizeefrage, wie Gottes Gerechtigkeit mit dem Übel der Welt einhergehen kann. Aber sie stellt diese Frage nicht wie in der Neuzeit, um die Existenz Gottes zu bestreiten oder zu verteidigen. Es geht ihr vielmehr darum, das Böse nicht zu verdrängen und Gott zuzutrauen, dass er alles gut, ja noch unendlich besser macht, als man zu träumen wagt.

Die gewaltigen Bilder, die infernalischen Szenen, die brutalen Worte der Apokalyptik zeigen zweierlei: Auf der einen Seite die tödliche Macht des Bösen und die Katastrophe, in der enden muss, was im Zeichen des Todes steht - und das ewige Leben. Gäbe es diese Aussicht nicht, würden die Täter endgültig über die Opfer triumphieren.

Unterdrückung durch fremde Mächte

Die Geburtsstunde der Apokalyptik im alten Israel ist die Unterdrückung durch fremde Mächte, die durch Kollaboration, aber auch durch kriegerischen Widerstand nur noch ärger wird. Die Forschung verweist auf Nachfolger Alexander des Großen, die im zweiten Jahrhundert vor Christus über Leichen gehen, um die jüdische Kultur zurückzudrängen und den griechischen way of life vorzuschreiben. Die Makkabäer proben den Aufstand, aber in ihrer Militanz sehen sie den Feinden zum Verwechseln ähnlich. Und viele Priester in Jerusalem machen sich mit den Heiden gemein. Die Situation ist vollkommen verfahren: Die Ehrlichen sind die Dummen, die Frommen die Verlierer, die Gerechten die Opfer. Die Hoffnung kann nur darin bestehen, dass bald alles zu Ende geht und dann nicht das Nichts herrscht, sondern Gott. Er schenkt denen, die Nein gesagt haben, eine Zukunft unter einem neuen Himmel und auf einer neuen Erde.

Das älteste Dokument der Apokalyptik, das in die Bibel Eingang gefunden hat, ist das Danielbuch. Es spielt in der babylonischen Gefangenschaft, weil die bis dahin größte Niederlage in der Geschichte des Volkes Israel am besten die gegenwärtige Krise zu spiegeln scheint. Der Held des Buches ist ein jüdischer Gefangener am Hof des Königs Nebukadnezar. Daniel kann Träume deuten und Gesichte sehen. Er deutet den Alptraum des Herrschers, der eine Reihe von Monstern gesehen hat, auf der Folie des Mythos von den Weltzeitaltern. Danach geht aus der goldenen Ära die silberne, bronzene und eiserne her. Es wird alles immer schlechter, aber "der Gott des Himmels wird ein Reich errichten, das in Ewigkeit nicht untergeht". Die Gottesherrschaft wird zur Zuflucht der Gerechten, nicht in dieser, aber in jener Welt.

Nach späteren Visionen wird es "einer wie ein Menschensohn" sein, der dieses Reich errichtet, und diejenigen, die darin leben sollen, werden von den Toten auferstehen. Damit sind wesentliche Eckpfeiler der Apokalyptik errichtet: die Hoffnung auf das zukünftige Reich Gottes, den kommenden Menschensohn und die Auferstehung der Toten.

Eckpfeiler der Apokalyptik

In jüdischen Apokalypsen des Altertums, die nicht in die Bibel aufgenommen wurden, kommt als weiteres Element das Jüngste Gericht hinzu, die Stunde der Wahrheit, die zwischen Gerechten und Ungerechten unterscheidet.

Das Danielbuch ist aus der Opposition heraus geschrieben worden - im Untergrund. Und das ist typisch. Denn die Apokalyptik sammelt verbotene Worte, verstohlene Blicke, verbannte Bilder. Sie ist ein Zeugnis des Widerstandes gegen die Macht des Bösen. Aber sie ist mehr noch ein Zeugnis der Hoffnung - auf den gerechten Gott, der allem Unheil ein Ende setzt, um den Seinen eine himmlische Freude zu bereiten.

Die starken Bilder der Apokalyptik machen den Untergang sichtbar und das kommende Heil. Aber dies geschieht nicht im Fotorealismus, sondern in surrealen Formen, kühnen Metaphern, dunklen Bildern, wüsten Gleichnissen. Die Bildersprache der Apokalyptik führt an eine Grenze, die niemand überschreiten kann. Sie macht die Grenzerfahrung sichtbar, die einigen wenigen Propheten vermittelt wird.

Deck- und Klarnamen

Entgegen einer weitverbreiteten Deutung fertigen die jüdischen und christlichen Apokalyptiker der Bibel keinen Kalender an, mit dem man ausrechnen kann, wie lange es noch dauert, bis dies oder das eintritt und das apokalyptische Endspiel angepfiffen wird. Sie gehen vielmehr weit in die Vergangenheit zurück und vergegenwärtigen die Geschichte Israels mit prophetischem Scharfsinn, damit sie die Zeichen der Zeit erkennen und die Zukunft vorhersagen können. Es geht nicht unbedingt um das, was in ein paar Jahren eintritt, sondern dass der Tod von Gott besiegt werden wird.

Im Judentum fungieren deshalb immer wieder große Gestalten der Vergangenheit als ideale Autoren apokalyptischer Bücher, Daniel, Esra, Baruch und Henoch. Sie haben verschlüsselte Botschaften, geheime Zahlen, verhüllte Visionen. Sie bieten einerseits Schutz vor Verfolgung und andererseits Raum zu kreativen Deutungen und für immer neue Entdeckungen.

Im Neuen Testament werden dagegen keine Deck-, sondern Klarnamen verwendet. Und es gibt auch keine großen Rückblicke auf die Geschichte, weil die des Alten Testamentes genügen. Das Interesse gilt vielmehr der Gegenwart, der Herrschaft Gottes, die nahegekommen ist und alle Zukunft in sich trägt. Bevor er von der schwarzen Sonne und den fallenden Sternen spricht, hat Jesus in einer langen Rede die Zerstörung des Jerusalemer Heiligtums, einen grausamen Krieg, Erdbeben und Hungersnöte vorhergesagt, aber auch Verfolgung um des Glaubens willen, Zerbrechen von Familien, Vertreibung und Flucht, Blasphemie und Verrat. Aber er hat auch vorausgesagt, dass Untergangspropheten jede dieser Katastrophen als Stunde des Jüngsten Gerichts ausrufen werden. Und Jesus warnt: Keine davon bedeutet schon das Ende, aber das Vorzeichen jener endgültigen Zerstörung, die Himmel und Erde erschüttert.

Finale furioso

"Apokalypse" wird mit "Offenbarung" übersetzt. Doch das griechische Wort ist vielschichtiger. Es rechnet mit einem Geheimnis, das gelüftet wird, damit es als solches entdeckt werden kann. Das ist der Plan, den Gott verfolgt, wenn er in dieser Welt sinnloses Leid zulässt, um in jener vollkommenes Glück zu gewähren. Und dieser Plan ist nicht durch eine Theorie des Bösen zu erfassen, sondern nur durch die Erfahrung von Menschen, die zu Opfern gemacht werden, aber ihren Glauben nicht verlieren. Die biblischen Apokalyptiker haben die Kraft, biblische Plagen zu beschreiben, weil sie von himmlischen Freuden wissen. Die Propheten lassen nicht ihrem Ressentiment freien Lauf, wenn sie Unglücksserien vorhersagen. Vielmehr widersprechen sie dem Bösen, indem sie seine Fratze zeigen. Sie reden mit ihren eigenen Worten, aber auf göttliche Eingebung hin, weil es den menschlichen Verstand übersteigt, was sinnloses Leid bedeutet und was Gott ganz neu und schön machen wird.

Das Finale furioso ist in der apokalyptischen Vision Jesu, wie im Alten Testament vorgezeichnet, der Auftakt für das, was beginnt, wenn alles vorbei ist: "Dann werden sie den Menschensohn voller Kraft und Herrlichkeit in Wolken kommen sehen, und dann wird er seine Engel aussenden und aus allen vier Himmelsrichtungen die Erwählten sammeln, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels". Wer die Erwählten sind, ergibt sich aus dem Evangelium: alle, für die Jesus gelebt hat und gestorben ist.

Die Bibel endet mit einem strahlenden Bild des Heiles, das in der neutestamentlichen Apokalypse steht und sich, wie eine Collage, aus alttestamentlichen Bildern zusammensetzt. Es ist das Bild des himmlischen Jerusalem, das ein neues Paradies in seinen Mauern birgt und einer unüberschaubar großen Schar Menschen aus allen Völkern dieser Erde Platz bietet: "Es wird keine Nacht mehr werden, und sie werden keine Lampe brauchen noch das Licht der Sonne; denn Gott, der Herr, wird sie erleuchten, und sie werden herrschen von Ewigkeit zu Ewigkeit."

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Thomas Söding

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