Gegen Verunsicherung

Die Evangelische Akademikerschaft sucht nach der Jugend
Eberhard Cherdron will Impulse geben. Foto: dpa/Ronald Wittek
Eberhard Cherdron will Impulse geben. Foto: dpa/Ronald Wittek
Gebildete evangelische Christen organisieren sich seit fast sechzig Jahren in der Evangelischen Akademikerschaft. In den letzten Jahren ist der Verein jedoch deutlich geschrumpft und gealtert. Katharina Lübke über Hintergründe und unterschiedliche Strategien der Akademiker.

Vier Menschen stehen auf einer Treppe vor verschlossener Tür. Sie treffen sich zur monatlichen Diskussionsrunde, zum "Politischen Cafe", immer sonntags, pünktlich um 19 Uhr im Gemeindehaus der Paulus-Kirche Zehlendorf. Einlass wird ihnen aber heute nicht gewährt. Wie es scheint, wurde das Schloss ausgetauscht. Kurz diskutieren sie, wie sie weiter verfahren. Weitere Interessierte gesellen sich in der Zwischenzeit dazu. Zwanzig Minuten später sitzen acht Frauen und Männer um zwei Tische versammelt auf der Terrasse eines nahe gelegenen griechischen Restaurants. "Herzlich Willkommen nach der Sommerpause", begrüßt Angelika Obert, Pfarrerin und Rundfunkbeauftragte der Berlin-Brandenburgischen Landeskirche, die Gäste. Sie ist Mitglied im Verein der Evangelischen Akademikerschaft in Deutschland (EA). Gelegentlich übernimmt sie die Moderation der Veranstaltung, verschickt Einladungen oder formuliert kurze Einführungen zum Thema. Heute geht es um den Umgang der Gesellschaft mit Heimkehrern aus militärischen Auslandseinsätzen. Ob es an dem Thema liegt, dass so wenige Leute gekommen sind? Vielleicht. Vielleicht auch am schönen Wetter. "Gewöhnlich kommen fünfzehn bis zwanzig Leute jeden Monat", schätzt Gerlind Lachenicht. Sie engagiert sich seit etwa zehn Jahren bei den EA, insbesondere im "Politischen Cafe". Sie bringt sich nicht nur aktiv in die Diskussion ein. Auch heute hat sie ein ausführliches Diskussionspapier zum Thema ausgearbeitet, das nun verteilt wird. Die Veranstaltungsreihe wird innerhalb des Landesverbandes Berlin-Brandenburg gehalten.

Insgesamt tragen zwölf Landesverbände die Arbeit der EA in den verschiedenen Regionen Deutschlands. Besonders stark ist der Verein im Süden und Westen. Die Landesverbände Bayern, Rheinland, Westfalen und Württemberg zählen zusammen fast 800 Mitglieder. "Das sind schon sehr potente Kreise", sagt Eberhard Cherdron, Landesvorsitzender der Pfalz. Im April dieses Jahres hat der Theologe und Volkswirt, nach über zwanzig Jahren Mitgliedschaft, einen der zwei Sitze im Bundesvorstand übernommen. "Wenn man uns nicht hätte, müsste man uns wahrscheinlich gründen", findet er.

Kein Altherrenverband

Der Verein selbst besteht seit 1953; seine Wurzeln liegen aber weiter zurück, nämlich bei der "Altfreundeschaft der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung", die 1900 gegründet wurde. Als 1938 die "Deutsche Christliche Studentenvereinigung", der die Altfreundeschaft entsprungen war, verboten wurde, war es auch mit der Freundschaft aus. Am 10. August 1947 gründeten ehemalige Mitglieder eine neue "Altfreundeschaft der Evangelischen Studentengemeinde in Deutschland" und benannten sie - um das Image des Altherrenverbandes abzuschütteln - 1954 in "Evangelische Akademikerschaft Deutschland" um. Als Verein von Kirchengeldern völlig losgelöst, finanzieren sich die EA seitdem ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. "Das muss man anerkennen, dass unsere Mitglieder dazu bereit sind, Geld und Zeit zu investieren, sich zu engagieren. Wir wollen ja auch sehr bewusst kirchliche Arbeit machen", so Cherdron. Der Verein, der auch für Nicht-Akademiker offen ist, will christliche Bildungsarbeit leisten, den Dialog zwischen Glaube, Wissenschaft und Kultur stärken und bewusst in die öffentliche Diskussion gehen. Dazu treffen sich die Mitglieder zu Tagungen, Seminaren, Hochschuldialogen und Arbeitskreisen. Cherdron findet dabei besonders den persönlichen Austausch wichtig: "Ich glaube, dass so ein Personenverband, wie wir es sind, doch auch davon lebt, dass man in einer gewissen Nähe und Nachbarschaft Treffen hat. Wir brauchen als gebildete evangelische Christen den persönlichen Austausch."

Auch das "Politische Cafe" bietet diese Möglichkeit. Die acht schon älteren Teilnehmenden auf der noch sonnigen Terrasse diskutieren mittlerweile angeregt und respektvoll. Hundegebell, Kinderschreien und den Straßenlärm ignorieren sie routiniert. Lachenicht schätzt diese sehr offene Diskussionsatmosphäre und den Raum für Eigeninitiative. In solch einer Vielfalt, Offenheit und Beweglichkeit sei ihr das sonst nicht bekannt. "Mir war wichtig, dass ich in einem Kontext diskutieren kann, wo Wertvorstellungen, die aus dem christlichen Glauben heraus kommen, eine Rolle spielen." Trotz dieser gemeinsamen Basis sei die Gruppe sehr unterschiedlich, in politischen wie auch in theologischen Standpunkten. Auch beim philosophischen Abend, der einmal im Monat im "Schleiermacher-Haus" in Berlin Mitte stattfindet, nimmt sie gelegentlich teil. Hier geht es um den Dialog zwischen Natur- und Geisteswissenschaft.

Allzu oft kann Lachenicht aber nicht dabei sein, da die intensive Vorbereitung an der Grenze dessen sei, was man neben der Berufstätigkeit schafft. Die EA leben durch das aktive Engagement ihrer Basismitglieder. Damit benennt sie ein Kernproblem der Akademikerschaft. Viele gebildete evangelische Christen seien offensichtlich "beruflich oder durch ihre sonstigen Tätigkeiten in der Kirche so gefordert, dass sie keine Kapazität für weiteres Engagement haben", schätzt Cherdron. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren sei ein viel stärkeres Bedürfnis vorhanden gewesen, sich im Kreis ähnlicher Erfahrungshorizonte miteinander auszutauschen. Er mutmaßt, dass die Medien dieses Bedürfnis inzwischen abdecken. Es habe teilweise sehr resignative Stimmen bei einem Landesverband gegeben, dessen Mitgliederzahl im Laufe der Jahre stark gesunken ist und der mit einer deutlichen Überalterung zu kämpfen hat.

Unheilvolles Zeichen

So auch im Landesverband Hamburg/Schleswig Holstein: Hier sind hier etwa achtzig Mitglieder organisiert. Die meisten sind älter als siebzig Jahre. Ein reges Vereinsleben ist zumindest von außen nicht zu erkennen. Regelmäßige Veranstaltungsreihen, wie im Berliner Verband, gibt es nicht. Lediglich drei Veranstaltungen und eine Reise pro Jahr. Die würden faktisch nur von den Mitgliedern des Vorstands und des Beirats besucht, so der Landesvorsitzende Friedrich Eckert Marwedel. Bei vielen älteren Mitgliedern fehle einfach die nötige Mobilität. "Das größte Problem ist eben, dass der Nachwuchs fehlt". "Natürliche Abgänge, fehlende Neuzugänge", so würden die EA im Nordwesten Deutschlands immer mehr zu einem "closed shop", einem geschlossenen Zirkel, sagt der Landesvorsitzende.

Cherdron sieht den Rückgang in der Mitgliedschaft als ein "unheilvolles Zeichen". Die Entwicklung stehe auch für den Verlust an intellektueller Potenz in der Kirche. Zurzeit hat der Verein knapp 1400 Mitglieder. 2005 zählte er noch 1900. Noch dramatischer ist die Langzeitperspektive: 1968 waren noch etwa 8000 Mitglieder im Verein organisiert - damals nur in der Bonner Republik, in der DDR gab es sie nicht. Seit 1990 konnten die EA in den Neuen Bundesländern jedoch kaum Fuß fassen. Daher sucht Cherdron nach Wegen, dort präsenter zu werden. Zentrale Aufgabe des Bundesvorstandes sei es, die Verunsicherung der letzten Jahre aufzulösen. "Wir wollen die Landesverbände unterstützen. Sie sind die eigentlichen Träger. Wir wollen präsent bleiben und in Zukunft noch präsenter werden." So will er einer Ausweitung der Resignation zuvorkommen.

Resignation konnte auch Lachenicht zeitweise im Kreis des "Politischen Cafe" ausmachen. "Die Älteren dachten: Mensch, was machen wir hier? Wir erreichen ja die jüngere Generation nicht." Dann hätten sie aber den Wert jedes einzelnen Abends für sich selbst entdeckt. Außerdem seien in letzter Zeit regelmäßig drei jüngere Leute gekommen. Warum es nicht mehr sind? Dabei spiele wohl auch die Entfernung vom Stadtzentrum eine Rolle. Durch die Lage im Südwesten hätten sie Interessenten aus dem Ostteil der Stadt verloren und damit auch die Perspektive von manchen, die in der DDR aufgewachsen sind. Jüngere Menschen würden eher zum philosophischen Abend in Berlin Mitte gehen. Zudem sei auch die faktisch nicht vorhandene Öffentlichkeitsarbeit ein Grund dafür, dass sich der Kreis nicht erweitert. Die würde aber einen enormen Zeit- und Arbeitsaufwand bedeuten, den die meisten Mitglieder nicht leisten könnten.

Profil liegt brach

Ähnlich sieht die Situation auf der Bundesebene aus. Beim Blick ins Internet wird deutlich, dass die EA durchaus schon einmal präsenter waren. Seit Oktober 2009 ist der Verein Mitglied bei dem sozialen Netzwerk Facebook. Er hielt sein Profil in regelmäßigen kurzen Abständen aktuell. Ansprechend, lebendig, überraschend innovativ für einen Verein, der vornehmlich aus Rentnern besteht. Im Dezember 2010 brach das ab. Seitdem passiert hier nichts mehr. Keine Veranstaltungen werden ankündigt, keine Empfehlungen gegeben, keine "Freunde" gewonnen. "Da ist in den letzen Jahren wenig getan worden", so der Vorsitzende.

Cherdron hat die Öffentlichkeitsarbeit zu einem Kernanliegen für seine Amtszeit erklärt. In erster Linie geht es ihm um die innerkirchliche Öffentlichkeit, um Christen, die an einer Plattform zum Austausch unter dem großen Motto "Glauben, Denken und Handeln" interessiert sind. Er hält es für wichtig, mit Landesverbänden, Landeskirchen, aber auch mit Vertretern der EKD in Kontakt zu kommen. Solche Dinge müssten in Zukunft verstärkt werden, auch um eine Plattform zu haben zum Austausch von Publikationen, wie der Vierteljahreszeitschrift Evangelische Aspekte, die einen verhältnismäßig jungen Redaktionskreis hat.

Cherdron geht davon aus, dass der größte Teil der Mitglieder bundesweit im Rentenalter ist. Der Wunsch, den Kreis um jüngere Menschen zu erweitern, sei deshalb präsent, sowohl im Bundesvorsitz, als auch in den lokalen Gruppen. "Natürlich ist es so, wenn ein Verein wie die EA stark unter dem Eindruck dieser Überalterung steht, braucht man einfach jüngere Leute." Insbesondere in diesem Punkt erwarte man vom Vorstand Impulse, die der Vorsitzende in den nächsten zweieinhalb Jahren geben will, bevor er den Vorsitz an jemand jüngeren weitergibt, so die Planung. Die jüngeren akademisch gebildeten Menschen müssten aufmerksam gemacht werden, dem müsse man sich in den Landesverbänden und auch im Bundesverband widmen.

Anknüpfen an die ESG

Anknüpfungspunkte sieht er in den Evangelischen Studierendengemeinden (ESG) und in den Evangelischen Akademien. Hier seien Kooperationen erforderlich und feste Kontakte der einzelnen Landesverbände durchaus schon vorhanden. So säßen an vielen Orten in den Hochschulgemeinden, selbst in den Beiräten, auch Vertreter der Akademikerschaft. Ebenfalls bei der Evangelischen Studierenden-Konferenz sei man mit einem Stand präsent. Darüber hinaus versucht der Verein, über sogenannte Hochschuldialoge generationsübergreifend zu agieren. Es habe aber auch kritische Rückmeldungen auf diese eher anspruchsvollen Veranstaltungen der EA mit Professoren und ESG gegeben, die zeigten, dass die Studierenden mit den Anforderungen eines Studiums genug gefordert und stattdessen für gelegentliche leichte Unterhaltung dankbar seien.

Cherdron will trotzdem an Hochschulgemeinden als Ansatzpunkt festhalten. Man will Studierenden zeigen, dass es möglich ist, auch nach dem Studium in einem Verbund von akademisch gebildeten und interessierten evangelischen Menschen Verbindung zu halten. "Wenn ich in den Beruf gehe, wird ja auch die Frage immer wieder sein, was ich als evangelischer Christ bewusst in meinem Beruf tun kann", so Cherdron. Gerade unter den Anstrengungen eines solchen Berufsbeginns, verbunden mit Ortswechseln, mit finanziellen sowie zeitlichen Restriktionen, brauchen Menschen flexible Lösungen. Auf diese Dinge will er Rücksicht nehmen. Er ist überzeugt davon, dass das gelingt und der Verein trotz der derzeitigen Überalterung bestehen bleibt. Friedrich Eckert Marwedel in Hamburg ist sich da nicht ganz so sicher. Wo der Landesverband in zehn Jahren steht, hänge davon ab, wie es ihm gelinge, jüngere Leute zu aktivieren.

Die acht Berliner und Berlinerinnen sitzen noch einige Stunden bei Kerzenflackern auf der Terrasse und diskutieren über ihre Ansichten zum Veteranentag. Nach Abschluss des Abends wird beschlossen, das Thema in den Landesverband einzubringen, der dazu eine Stellungnahme formulieren soll. In der nächsten Sitzung im Oktober wird es um die Frage des "rechten Glaubens" in einer individualisierten Gesellschaft und die Rolle der Kirchen dabei gehen. Vielleicht kommen ja auch wieder die drei jüngeren Leute.

Katharina Lübke

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