Realitäts-Check

Neue Konzepte der Migration
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Wer "Multikultur 2.0" liest, wird einen Einblick erhalten in die aktuellen wissenschaftlichen Ansätze der internationalen Forschung.

Diese Buchbesprechung entsteht zu einem Zeitpunkt, als Innenminister Hans-Peter Friedrich seine neue Integrationsstudie vorstellt. Genauer: In der er sie zunächst an ein Boulevard-Medium gibt, das das - angebliche - Ergebnis mit der Schlagzeile betitelt: "Jeder fünfte Muslim in Deutschland will sich nicht integrieren." Dass dies völlig verzerrt, was Wissenschaftler tatsächlich beobachtet haben, ist nicht zuletzt von ihnen selbst öffentlich kritisiert worden.

Friedrich aber sieht die Studie als Bestätigung: Die "Multi-Kulti-Illusion" sei gescheitert. Ein Satz, der die Einwanderer in diesem Land schmerzhaft trifft - und von vielen so kurz nach der Gedenkfeier für die ermordeten Opfer der neonazistischen Terroristen regelrecht unanständig erscheint.

In der Tat bewegen sich die Debatten darüber, wie multikulturell Deutschland heute ist und welche Rolle Einwanderer für unsere Identität bedeuten, immer wieder in überkommenen Reflexen und Abwehrhaltungen und führen selten zu einem tieferen Verständnis dessen, was schon längst Alltagsrealität in unserem Land ist. Da ist ein Buch wie das der Herausgeberin Susanne Stemmler vom Berliner "Haus der Kulturen der Welt" wohltuend differenzierend und vor allem ausgesprochen anregend zu lesen. Ihrem Vorwort hat sie ein Zitat Wilfried N'Sondés' vorangestellt: "Wir müssen uns neue Fragen ausdenken, um an bessere Antworten zu kommen." Eine Aufforderung, der die Autorinnen und Autoren, die in diesem Band versammelt sind, nachkommen: Wer "Multikultur 2.0" liest, wird einen Einblick erhalten in die aktuellen wissenschaftlichen Ansätze der internationalen Forschung.

Zwischenüberschrift

Die Analyse der deutschen Situation wird begleitet vom Vergleich mit anderen Einwanderungsgesellschaften wie Australien oder Brasilien und dem Entwurf adäquater Handlungskonzepte, beispielsweise in Bezug auf Staatsbürgerschaft und politische Partizipation. Der Perspektivwechsel ist hilfreich: Er schärft - und verändert den Blick auf das eigene Land. Die Herangehensweise spiegelt nicht nur den Forschungsstand wider, sondern entspricht der Diversität, die unsere Gesellschaft heute ausmacht.

Auch die Autoren dieses Buches kommen - wenn auch aus anderen Gründen als Friedrich - zum Schluss: Das Konzept "Multikulturalismus" taugt nicht mehr. Die Idee des Multikulturalismus' war in den Achtzigerjahren aus den USA in die deutsche Debatte eingeführt worden, um die Vielfalt der Kulturen in einer Einwanderungsgesellschaft und deren Gleichwertigkeit zu würdigen. Heute wird er von Migrationsforschern kritisiert, weil ihm die Vorstellung homogener Einzelkulturen, die nebeneinander existieren, ohne sich zu beeinflussen und zu verändern, zugrunde liegt: Das Kulturverständnis wird ethnisiert, die Identität von Menschen durch Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur festgeschrieben. Dagegen betonen die Autoren, wie vielschichtig und wandelbar Identitäten im Phänomen globaler Migration sind: Chance und Potenzial nicht nur für Einwanderer, sondern auch für die Gesellschaft, in der sie leben. Ob "Kosmopolitisierung" oder "Diversität", "Interkulturalität" oder "Transnationale Kultur" - die neuen Konzepte versprechen ermutigenden gedanklichen und praktischen Spielraum.

Susanne Stemmler (Hg): Multikultur 2.0. Willkommen im Einwanderungsland Deutschland. Wallstein Verlag, Göttingen 2011, 336 Seiten, Euro 19,90.

Natascha Gillenberg

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Foto: privat

Natascha Gillenberg

Natascha Gillenberg ist Theologin und Journalistin. Sie ist Alumna und Vorstand des Freundes- und Förderkreises der EJS.


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