Zu kleine Rolle

Die Marginalität entwicklungspolitischen Handelns ist das Problem
Frauen des indischen Dorfes Sukna lernen Schreiben und Lesen in einem Projekt des Lutherischen Weltbundes. Foto: Brot für die Welt/Jörg Böhling
Frauen des indischen Dorfes Sukna lernen Schreiben und Lesen in einem Projekt des Lutherischen Weltbundes. Foto: Brot für die Welt/Jörg Böhling
Entwicklungspolitische Maßnahmen werden ständig von anderen politischen Interessen konterkariert, meint Cornelia Füllkrug-Weitzel, Direktorin von Brot für die Welt und der Diakonie-Katastrophenhilfe. Dennoch sind die Erwartungen an sie oft völlig unrealistisch.

Das Unbehagen über die "Entwicklungshilfe" ist fünf Jahrzehnte nach ihrem Beginn mehr denn je verbreitet. Die Zunahme des Hungers in der Welt und das drohende Scheitern der Millennium-Entwicklungsziele aus dem Jahr 2000 nähren die Skepsis. "Die Geschichte der Entwicklungspolitik ist eine Geschichte des Scheiterns von Illusionen", sagte in den Siebzigerjahren schon ein Abteilungsleiter im Bundesentwicklungsministerium, Winfried Böll. Schon damals also wurde der Versuch, mittels Entwicklungshilfe die Lage der Armen in Afrika, Asien und Lateinamerika zu verbessern, kritisch begleitet - auch oder gerade von reflektierten Entwicklungspolitikern und -praktikern selbst.

So populär die Skepsis gegenüber der Wirkung von Entwicklungshilfe inzwischen geworden ist, so wenig wissen wir letztlich darüber, wie Projekte der Entwicklungszusammenarbeit wirken. Zumindest dann, wenn wir uns nicht auf technische Messgrößen beschränken (wie die meisten Evaluationen es leider tun) und nur die unmittelbaren Ergebnisse eines Projekts, den "output" ermitteln, sondern wenn uns die beabsichtigten sowie unbeabsichtigten sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Wirkungen interessieren. Entwicklungsprojekte werden noch viel zu selten auf ihre umfassende Wirkung hin untersucht - und geplant.

Zu hohe Erwartungen

Viele Kritiker gingen in den vergangenen Dekaden wohl davon aus, dass die Entwicklungszusammenarbeit ganze Regionen und Kontinente aus der Armut herausführt. Aber kann von dieser erwartet werden, makroökonomische Strukturen aus den Angeln zu heben? "Our dream is a world without poverty" - dieses Motto prangt in der Eingangshalle der Weltbank. Einmal abgesehen davon, dass gerade die neoliberalen politischen Rezepte, denen die Weltbank jahrzehntelang folgte, die Situation der Armen in vielen Ländern eher verschlimmert haben, darf bezweifelt werden, dass entwicklungspolitische Organisationen dazu in der Lage sind, eine Welt ohne Armut zu schaffen. Ein großer Teil der Fundamentalkritik an der Entwicklungszusammenarbeit hängt mit übertriebenen, unrealistischen Erwartungen zusammen.

Doch hat die Unterstützung von Menschen, Organisationen und Projekten in den Ländern des Südens in vielen Bereichen für die betroffene Bevölkerung tatsächlich eine Menge bewirkt - beim Ausbau sozialer Dienste wie Bildung, Gesundheit und Wasserversorgung, bei der Unterstützung benachteiligter Gesellschaftsgruppen oder bei der Stärkung von Menschen- und Frauenrechten.

Es ist nicht zu bestreiten, dass eine partnerschaftliche Zusammenarbeit vielfältige Verbesserungen für Millionen Menschen an vielen Orten der Welt bewirken konnte und damit vielen Einzelnen ein menschenwürdiges Leben ermöglicht wurde. Das gilt besonders dann, wenn die Menschen selber Erfinder, Planer und Akteure dieser Projekte waren und sie nicht von internationalen Organisationen, Regierungen oder gutwilligen Helfern aus dem Norden aufgedrängt oder übergestülpt wurden. Zu den anerkannten Erfolgsfaktoren der Entwicklungshilfe gehört: Nicht wir, sondern politisch Verantwortliche und die Zivilgesellschaft im Süden definieren und beschreiten ihre Wege aus der Armut und Rechtlosigkeit - mit finanzieller Starthilfe unsererseits.

Untergeordnete Rolle

Aber natürlich sind Armut und Hunger in der Welt trotz aller Bemühungen in den vergangenen fünfzig Jahren nicht aus der Welt geschafft. Woran liegt das? Diese Frage darf, sie muss sogar gestellt werden, um sich über die Ursachen von Armut und Hunger klar zu werden und zu verstehen, welchen Beitrag zu einer anderen und gerechteren Welt die Entwicklungszusammenarbeit überhaupt leisten kann.

Meine zentrale These lautet: Dass in unserer reichen Welt noch immer über 900 Millionen Menschen an Hunger leiden, liegt nicht daran, dass die Entwicklungspolitik schlecht gedacht oder gemacht wäre. Es liegt vielmehr daran, dass die Entwicklungspolitik im Gesamtzusammenhang der nationalen und internationalen Politiken nur eine untergeordnete Rolle spielt. Die Marginalität entwicklungspolitischen Handelns im Vergleich zu anderen Politikfeldern, die Bedeutungslosigkeit der globalen Armutsbekämpfung als durchgängiges Interesse aller Politik - das ist das Problem!

Dabei geht es natürlich auch ums Geld: Die öffentlichen Mittel, die in den letzten fünfzig Jahren in Entwicklungszusammenarbeit investiert wurden, belaufen sich, je nach Berechnungsgrundlage, auf 1,3 bis 2,5 Billionen US-Dollar. Wer kann erwarten, mit dieser Summe Armut in der Welt tatsächlich umfassend abschaffen zu können? Bund und Länder in Deutschland haben seit der Wiedervereinigung jährlich zwischen 130 und 160 Milliarden Euro - und damit mehr als das Doppelte der damaligen weltweiten Entwicklungsleistungen - für die Infrastruktur und den wirtschaftlichen Aufbau Ostdeutschlands bereitgestellt - ohne dass sich für 14 Millionen Ostdeutsche die versprochenen "blühenden Landschaften" realisiert haben. Wie kann man dann erwarten, dass nur ein Teil dieser jährlichen Transfersumme die Lebenssituation von insgesamt mehr als drei Milliarden Armen auf diesem Planeten nachhaltig verbessern könnte?

Und während 2007 die weltweite öffentliche Entwicklungshilfe gegenüber dem Vorjahr um mehr als 8 Prozent auf 103 Milliarden US-Dollar gesunken ist, sind die weltweiten Rüstungsausgaben um 6 Prozent auf nunmehr 1340 Milliarden US-Dollar im Jahr gestiegen - ohne lebensdienlich zu sein und mit verheerenden Wirkungen auf Entwicklungserfolge in Spannungs- und Konfliktgebieten.

Konterkariert

Entwicklungspolitische Maßnahmen werden kontinuierlich von anderen Politikbereichen konterkariert, der Finanz-, Handels-, Außenwirtschafts- oder Sicherheitspolitik. Entwicklungsfördernde Kohärenz aller Politikfelder lautet daher das Gebot der Stunde! Denn die Wirksamkeit der Entwicklungspolitik hängt entscheidend von der Entwicklungsfreundlichkeit anderer Politikfelder ab. Kirchliche und zivilgesellschaftliche Organisationen weisen seit Jahren mit Nachdruck darauf hin, wie sehr zum Beispiel die Agrarexportpolitik der EU und die Rüstungsgeschäfte des Nordens entwicklungspolitische Intentionen konterkarieren.

In den vergangenen Jahren traten zudem die verheerenden Folgen unseres immer noch zu wenig gebremsten Kohlendioxidausstoßes auf das Klima und damit auf die landwirtschaftliche Produktivität großer Regionen im Süden ins Blickfeld. Und neuerlich beobachten wir, wie immer mehr Kleinbauernfamilien, die das Rückgrat der Welternährung darstellen, im Wortsinne der Boden unter den Füßen entzogen wird, mit dem sie die Landbevölkerung zum Beispiel in Afrika ernähren. Investoren kaufen das Land, um dort noch mehr Nahrungsmittel für unsere Mülltonnen oder Energiepflanzen für Agrarsprit zu produzieren. Die eine Hand gibt Almosen, mit der anderen verweigern wir einen fairen Zugang zu Märkten und Handelschancen, plündern die Ressourcen der armen Regionen und Menschen und heizen Gewalt und klimabedingte Naturkatastrophen an.

Die Zukunftsaufgabe der Armutsbekämpfung kann nicht alleine der Entwicklungspolitik aufgebürdet werden. In der öffentlichen Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit wird die Frage, wie die Länder des Südens Armut und Abhängigkeit überwinden können, oftmals mit der Frage verwechselt, was die Entwicklungszusammenarbeit leisten kann und soll.

Diese beiden Fragen auseinander zu halten, wäre ein erster nötiger Schritt, um die unglückliche Gemengelage der Fundamentalkritik an der Entwicklungspolitik zu entwirren.

Menschliche Entwicklung

Als Direktorin des von den Landes- und Freikirchen getragenen Hilfswerks "Brot für die Welt" möchte ich darauf hinweisen: Bei der Beurteilung von Sinn oder Unsinn von Entwicklungszusammenarbeit hängt alles davon ab, an welchen Kriterien wir Erfolg oder Misserfolg der Entwicklungshilfe überhaupt messen. Die Wirkungen der Arbeit von "Brot für die Welt" möchten wir nicht an volkswirtschaftlichen Wachstumsraten messen lassen, weil wir das für ein falsches, ja gefährliches Kriterium halten. Die Sinnhaftigkeit unserer Arbeit zeigt sich vielmehr daran, inwieweit sie menschliche Entwicklung befördert. Dabei verstehen wir unter Entwicklung einen Prozess, der es Menschen ermöglicht, ihre Fähigkeiten zu entfalten und ihre Rechte zu verwirklichen, und der sie in die Lage versetzt, nachhaltig und gemeinschaftlich ein erfülltes und menschenwürdiges Leben zu führen. Entwicklung sollte somit nicht als Beseitigung eines Mangels begriffen werden, den die reichen Länder mithilfe von bereitgestellten Gütern, Geld oder Know-How bewerkstelligen.

Im Mittelpunkt kirchlicher Solidarität mit den Armen - die von ihren Motiven, Handlungsweisen und Trägerschaft ganz und gar nichts mit "Hilfsindustrie" zu tun hat - stehen die Menschen, jede/r Einzelne, und die Stärkung ihrer Würde und eigenen Handlungspotenziale. Für mich ist es überhaupt keine Frage: Auch in Zukunft gehört es zu unserer Verantwortung als Christen und Kirchen, im Zusammenhang der weltweiten Ökumene zu denken und zu handeln und unsere Partner bei ihrem Einsatz für bessere Lebensbedingungen zu unterstützen, indem wir geschwisterlich teilen, so wie nach dem Krieg Menschen und Kirchen weltweit mit uns geteilt haben. Mit einem "Abhängigmachen" aus Eigeninteresse hat die Arbeit der von den Kirchen getragenen Entwicklungswerke in Deutschland und ganz Europa absolut nichts zu tun!

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Cornelia Füllkrug-Weitzel

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Cornelia Füllkrug-Weitzel

Cornelia Füllkrug-Weitzel war bis 2021 Präsidentin von "Brot für die Welt" und der "Diakonie Katastrophenhilfe" in Berlin.


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