Mehr als Moral

Ernsthafte atheistische Kritik lässt den Glauben zu seinem Wesen finden
Prozess gegen jugendliche U-Bahn-Schläger in Berlin. Gerichte setzen in der Regel die Willensfreiheit von Tätern voraus.Foto: dpa/Robert Schlesinger
Prozess gegen jugendliche U-Bahn-Schläger in Berlin. Gerichte setzen in der Regel die Willensfreiheit von Tätern voraus.Foto: dpa/Robert Schlesinger
Neue Atheisten kennen das Christentum meist wenig, hat der Bonner Theologieprofessor Michael Roth beobachtet. Nur so sei zu erklären, dass Erkenntnisse als Neuentdeckung ausgegeben werden, die schon Martin Luther hatte. Für eine verzerrte Wahrnehmung des Christentums seien aber auch Kirche und Theologie verantwortlich.

In "Jenseits von Gut und Böse", das kürzlich als Taschenbuch erschien, behauptet Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, dass wir "ohne Moral die besseren Menschen sind". Für die (verkehrte) Moral macht er vor allem religiöse Deutungsmuster verantwortlich, von denen es sich zu befreien gilt. Hat es der von der Last religiöser Tradition befreite Atheist also leichter, ein guter Mensch zu sein? Und wenn das so ist, geht der Kirche mit der Moral der letzte Exportschlager verloren? Schließlich verstehen sich die beiden großen Kirchen in Deutschland, wie der Münchner Professor für Systematische Theologe Friedrich Wilhelm Graf schreibt, "als die zentralen Institutionen für gesellschaftliche Wertbildung und Propagierung moralischer Normen".

Und wo bleibt ihr Platz in der Gesellschaft, wenn es keine Nachfrage nach Moral mehr gibt? Ist das überhaupt die angemessene Frage oder verstellt die Angst vor dem Verlust der gesellschaftlichen Position der Kirche bereits eine ernste Auseinandersetzung mit dem Atheismus? Wer die Religion als Mittel der Machterhaltung gebraucht, kann sich der atheistischen Kritik nicht ernsthaft öffnen. Eine Auseinandersetzung mit dem Atheismus, die dagegen nicht an äußerlichem Machterhalt interessiert ist, sondern um die Wahrheit des Wortes vom Kreuz ringt und sich aufs Spiel setzt, wird behutsam zwischen verzerrten Darstellungen des Glaubens und berechtigten Einwänden unterscheiden und sich durch letztere in ihren Ansichten und Praktiken korrigieren lassen. Ja, man kann sogar einen Schritt weiter gehen: Eine ernstzunehmende atheistische Kritik, die nicht mit Verzerrungen des Glaubens arbeitet, bietet eine Chance dazu, dass der Glaube zu seinem eigenen Wesen findet.

"Menschenfreundliche Ethik"

In "Jenseits von Gut und Böse" will Schmidt-Salomon, den Der Spiegel als "Deutschlands Chef-Atheisten" bezeichnet, eine "menschenfreundliche Ethik" skizzieren. Sie will von "religiösen Welterklärungsmodellen" und dem damit verbundenen Dreigestirn "Schuld - Sühne - Strafe" konsequent Abstand nehmen und stattdessen die "Kraft der Wissenschaft" nutzen. Um zu einer solchen humanen Ethik zu gelangen, muss man nach Schmidt-Salomon "Abschied von der Willensfreiheit" nehmen. Sein zentraler Satz lautet: Wir alle können nichts dafür, wie wir sind. Und daher führt die Rede von der Schuld in die Irre; macht sie doch die Person für etwas verantwortlich, für das sie nichts kann. Die Lösung von der Willensfreiheit hingegen setzt eine positive Sicht der Welt frei, weil man sich nicht mehr mit Minderwertigkeits-, Scham- und Schuldgefühlen herumplagen muss. "Schließlich", erklärt Schmidt-Salomon, "weiß ich: Ich kann definitiv nicht mehr können, als ich zu einem bestimmten Zeitpunkt meines Lebens vor dem Hintergrund der mich bestimmenden, ja mein Ich erst erzeugenden Determinanten, können kann".

Gerade die Verabschiedung von der Willensfreiheit führe zu einer "neuen Leichtigkeit des Seins", der heiteren Gelassenheit, sich selbst verzeihen zu können. "Wer von sich selbst lassen kann, der entwickelt ein gelassenes Selbst." Diese Aussage Schmidt-Salomons macht hellhörig. Ist sie nicht die Pointe der christlichen Ethik? Natürlich ist Schmidt-Salomons Ethik von starken Verzerrungen des christlichen Glaubens geprägt. Um zwei besonders gravierende Punkte hervorzuheben: Zum einen sieht er im christlichen Glauben ein bestimmtes Welterklärungsmodell. Dies ist aber ein szientistisches Missverständnis, das einem übrigens auch bei Richard Dawkins, einem Hauptvertreter des "neuen Atheismus", begegnet. Denn der christliche Glaube ist weder eine bestimmte Welterklärungstheorie, noch auch eine Weltanschauung, die feste Vorstellungen von der Welt enthält. Er ist kein Für-wahr-Halten von Aussagesätzen, sondern in erster Linie eine "bestimmte Art zu leben" (Matthias Petzoldt), ein "Lebensvollzug" (Notger Slenczka).

Fünfhundert Jahre zu spät

Das hat besonders Martin Luther deutlich gemacht, indem er den Glauben als Vertrauensbewegung, fiducia, bestimmte. Natürlich bringt sich dieser Lebensvollzug auch zu einer sprachlichen Darstellung, die weltanschauliche Aspekte aufweist. Aber die zeit-, situations- und kontextbedingte Darstellung des Glaubens ist nicht mit dem Glauben selbst zu verwechseln.

Gerade daher muss er immer neu, den jeweiligen Herausforderungen der Zeit entsprechend, zur Darstellung gebracht werden. Und gerade deshalb ist dem Glauben auch eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Atheismus möglich, die mehr ist als eine verbissene und rechthaberische Konfrontation unterschiedlicher Weltanschauungen oder Welterklärungstheorien.Der Glaube ist in seiner Selbstdarstellung entwicklungs- und lernfähig. Und daher wird er sich nicht jenseits, sondern in Aufnahme berechtigter Momente atheistischer Kritik zur Darstellung bringen.

Der zweite Punkt betrifft Schmidt-Salomons Abschied von der Willensfreiheit: Wenn er meint, damit die (Philosophen-) Welt schocken und ihr einen "ungeheuerlichen Gedanken" zumuten zu können, kommt er damit um fast fünfhundert Jahre zu spät. Offenkundig ist ihm verborgen geblieben, dass bereits Luther die Willensfreiheit bestritt. Seine Schrift "Vom unfreien Willen" enthält, wie es der atheistische Philosoph Herbert Schnädelbach ausdrückt, der freilich die Tradition des Christentums kennt, "die denkbar schärfste Abgrenzung von jedem Humanismus". Allerdings hat die Bestreitung der Willensfreiheit Luther nicht dazu geführt, die Rede von der Schuld zu verabschieden. Genau hierin liegt der eigentliche Punkt der Auseinandersetzung.

Menschliche Selbstgerechtigkeit

Zuzustimmen ist Schmidt-Salomon, wie Friedrich Nietzsche, dem er sein Buch gewidmet hat, dass sich das Theorem der Willensfreiheit menschlicher Selbstgerechtigkeit verdankt. Dieses erlaubt uns, uns durch Urteile von dem anderen zu distanzieren, statt seine Taten emphatisch nachzuvollziehen und in ihnen uns selbst zu erkennen, die wir nur durch günstige Umstände davor bewahrt worden sind, das zu tun, was er getan hat.

Gerade weil wir unseren Willen nicht ändern können, hat Schmidt-Salomon mit seiner Moralkritik Recht, die auf die Impotenz der moralischen Forderung verweist. Allerdings, so schmerzlich es für einen Menschen des 21. Jahrhunderts und seine Entdeckerfreude ist, dies hat die Reformation vor fünfhundert Jahren bereits unüberbietbar scharf zur Geltung gebracht, indem sie zwischen Gesetz und Evangelium unterschied. Das "Du Sollst" der moralischen Forderung trifft den Menschen, der nicht einfach wollen kann, was er wollen soll. Und gerade deshalb muss der Mensch nach Luther "von außen" aufgebrochen werden, denn er kann sich nicht selbst befreien.

Können wir uns aber von der Schuld so ohne Weiteres verabschieden, wie Schmidt-Salomon vorschlägt? Mit dem Wort "Schuld" setzen wir eine Tat in Beziehung zu den Motiven und Intentionen des Täters. Ganz offensichtlich ist die Schuldzuschreibung ein wesentliches Element, wenn wir einen Menschen als Jemanden und nicht als Etwas behandeln. Von hier aus wird man dem Mainzer Philosophen Stephan Grätzel zustimmen können, der als "menschenverachtend" beurteilt, "die Schuld zu verachten" und als ebenso "menschenverachtend, den Menschen frei von Schuld (...) zu denken". Die Verabschiedung der Rede von der Schuld führt dazu, dass wir einem anderen die gleiche Augenhöhe verweigern und mit ihm wie mit einem Etwas umgehen.

Befreiung von Schuld

Natürlich kann ich mir klar machen, dass mein Wille durch Umstände und Bedingungen verursacht ist. Aber dennoch kann ich mich nicht von dem Willen distanzieren, eben weil ich will. Der Wille trägt mein Ich-Vorzeichen: Ich bin der, der dieses oder jenes will, für das ich mich schäme. Gerade die tiefe Verwobenheit mit meinem (problematischen) Wollen bringt die christliche Tradition mit dem Begriff "Sünde" zur Sprache, der in Willensfreiheit und Schuld zwei Seiten derselben Medaille sieht. Und damit kommen wir zu der entscheidenden Frage: Wie kann es Befreiung von dieser Schuld geben? Schmidt-Salomons Antwort lautet: durch Aufklärung darüber, dass Schuld ein falsches Konzept ist, weil ich "nichts dafür kann", wie ich bin. Aber befreit mich diese Einsicht von der Schuld?

Nein, denn es geht nicht um die Frage, ob ich etwas für meine Taten kann, sondern darum, wer ich bin. Das wird übrigens bestens an einem Beispiel jenseits der Schuldproblematik deutlich, das Schmidt-Salomon selbst gibt. Wir erfahren von ihm, dass er unter seinem dünner werdenden Haar und zunehmenden Doppelkinn nicht leidet, weil er weiß, dass er "nichts dafür kann".Doch das ist ganz und gar nicht nachvollziehbar.

Trotzdem geliebt

Wenn Menschen unter dünner werdendem Haar und einem Ansatz zum Doppelkinn leiden, dann in der Regel nicht deshalb, weil sie glauben, etwas dafür zu können, sondern weil sie so aussehen, wie sie nicht aussehen wollen. Und sie wollen das nicht, weil sie denken, dass sie dann für andere unattraktiv sind. Aber für ihr ästhetisches Empfinden ist es auch unerheblich, ob jemand für sein dünnes Haar und sein Doppelkinn etwas kann oder nicht. Befreit werden wir vom Leiden an äußeren Unzulänglichkeiten in der Regel nicht, wenn wir einsehen, dass wir nichts dafür können, sondern wenn wir einem Menschen begegnen, der uns trotz unserer Unzulänglichkeiten liebt.

Ganz ähnlich lautet die Antwort der christlichen Tradition auf die Frage der Schuld: sie lautet nicht Leugnung und Überhören der Schuld, weil wir für sie nichts können, sondern Annahme des schuldigen Menschen. Gerade dadurch wird der Mensch befähigt, von sich selbst zu lassen und ein gelassenes Selbst zu entwickeln.

Schmidt-Salomon gehört zu den Atheisten, die sich - anders als Ludwig Feuerbach, Friedrich Nietzsche und Herbert Schnädelbach - in der christlichen Tradition nicht auskennen. Doch einige seiner Anliegen, die er gegen den Glauben vorbringt, sind wesentliche Implikationen des Glaubens. Es gibt schon zu bedenken, dass die Moralkritik, zu der gerade die christliche Tradition befähigt, von einem bekennenden Atheisten vorgetragen und sogar gegen das Christentum geltend gemacht wird. Offenkundig wird in der Öffentlichkeit also zu einseitig die Kirche als "Institution, die Moral predigt" präsentiert. Natürlich ist es leichter, sich in der Öffentlichkeit an der moralischen Rede zu beteiligen, statt dieses beliebte Spiel kritisch zu entlarven.

Die Befreiung zum Leben wird damit aber in den Hintergrund gedrängt, wenn nicht gar verstellt. Nach wie vor gehört die angemessene Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium zu den wichtigsten theologischen Kompetenzen - gerade für die Verantwortung des Glaubens in der Öffentlichkeit.

Schmidt-Salomons Kritik am Christentum zeigt: In der Auseinandersetzung mit dem Atheismus geht es um unterschiedliche Lebensorientierungen und nicht um die Frage, ob die Hypothese der Existenz eines allmächtigen, allweisen und allguten Wesens die Welterfahrung und ihre Phänomene besser erklärt als die Hypothese seiner Nicht-Existenz. Natürlich sieht sich die Lebensorientierung des Glaubens bei ihrem Versuch, diesen zur Darstellung zu bringen, dazu genötigt, von Gott zu reden.

Befreiung zum Leben

Doch ist ihre Verwendungsweise des Begriffs Gott nicht von dem zu lösen, was mit diesem Begriff zur Sprache gebracht wird: die zum Leben befreiende Zusage in der Begegnung mit der Person Jesus von Nazareth - wie immer diese Begegnung geschieht. Der Begriff Gott fungiert dazu, die Unvergleichbarkeit, Unverfügbarkeit und Unüberholbarkeit dieses Geschehens für mein Leben zu bezeichnen.

Daher ist die Frage nach der Existenz Gottes keineswegs grundlegender als die nach der Befreiung zum Leben und damit die Frage nach Gnade und Vergebung. Deshalb ist es auch eine Fehleinschätzung, man müsse sich mit Atheisten auseinandersetzen, indem man mit Argumenten für die Existenz Gottes oder der Suche nach einem religiösen Apriori die Basis für den Glauben schafft. Vielmehr ist es die Aufgabe in der Öffentlichkeit von der Befreiung zum Leben zu sprechen.

Nachdenklich stimmt die Beobachtung des Bonner Praktischen Theologen Reinhard Schmidt-Rost, dass von theologischen Mitarbeitern der Kirche nicht mehr primär die Kompetenz erwartet wird, "die spezifische Vorstellungswelt des christlichen Glaubens (...) zur Darstellung zu bringen", sondern Fähigkeiten erwartet werden, "die die Organisation zu ihrer Stabilisierung zu brauchen meint". Wenn diese Tendenz sich durchsetzt, wird in Zukunft das ansteckende Feuer wohl eher von Atheisten ausgehen.

Michael Roth

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