Die Schuldfrage

Vom Naziregisseur Harlan
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Veit Harlan war der bedeutendste Nazi-Filmregisseur. In diesem Buch erinnert sich sein Sohn an die gemeinsamen letzten Tage mit seinem Vater.

"Ich hatte wegen Dir Deutschland verlassen. Ich hatte meine Mutter wegen Dir verlassen. Ich hatte meine Schwestern wegen Dir hinter mir gelassen. Ich hatte meine deutsche Sprache vergessen. Ich hatte Dich vergessen. Ich hatte in der französischen Sprache zu schreiben begonnen. Ich hatte mich in der französischen Sprache nicht mehr an Dich erinnert." Und dann kommt dieser Sohn 1964 zu diesem Vater nach Capri, um ihm im Sterben nahe zu sein. Reden können sie nicht mehr miteinander, aber der Vater hält seine Hand "und scheint glücklich zu sein", dass der Sohn sie ihm gegeben hat. Drei Tage dauert das Sterben des Vaters, drei Tage lang erinnert sich der inzwischen 35-jährige Sohn an das Leben mit dem Vater, genauer: an seine Liebe und seinen Hass, an sein Werben um väterliche Liebe und an seine Ablehnung der väterlichen Annäherungsbemühungen. Er arbeitet diese Beziehung nicht auf; er meditiert sie. Und wieder 46 Jahre später erinnert sich der Sohn, inzwischen selbst sterbenskrank, dieser drei Tage und diktiert seine Erinnerung daran. Sie liegen nun als Buch vor und gehören zu den eindrucksvollsten, originellsten und sprachlich lebendigsten Neuerscheinungen der letzten Zeit. Nach einer knappen Einleitung beginnt das Buch mit einer fast zweiseitigen Litanei, in der der Sohn aufzählt, was der Vater für ihn bedeutet. Sie reicht von "Geliebter, Weißhaariger" über "Schönster, von Schuldgebirgen unbezwingbar" bis zu "unglücklicher Vater, Du Unglücklicher". Damit wird der Ton angestimmt, der den Text trägt: zerrissen, hymnisch und vulgär, voller Abscheu und Sehnsucht, voller Erbarmen und Ratlosigkeit. "Veit" heißt das Buch. Veit Harlan war der bedeutendste Nazi-Filmregisseur. Vor allem mit dem antisemitischen Hetzfilm "Jud Süß" (1940) und dem Durchhaltefilm "Kolberg" (1945) stellte er sich in den Dienst der nazistischen Propaganda. Kurz nach der Premiere von "Jud Süß" auf den Filmfestspielen in Venedig erklärte Himmler: "Ich ersuche Vorsorge zu treffen, dass die gesamte SS und Polizei im Laufe des Winters den Film 'Jud Süß' zu sehen bekommt." Mit diesem Film sollte die Judenvernichtung ideologisch unterstützt werden. Harlan war der einzige Künstler des Dritten Reiches, der sich nach dem Krieg vor Gericht verantworten musste. In einer Atmosphäre, da alte Nazis in Justiz und Verwaltung weiterbeschäftigt wurden, kam es zum Freispruch. Der Sohn erlebte den Vater als uneinsichtig und distanzierte sich von ihm. Irgendwann erklärte Veit: "Mein Sohn, es kann sein, dass ich dich verstanden habe und auch deine Kämpfe gegen mich. Es kann sein." Aber der Sohn weiß, dass er ihn nicht verstanden hat. Nun, auf Capri, bittet er den Sterbenden, ihm zu verzeihen, dass er ihn zwanzig Jahre allein gelassen hat. Er dringt darauf, die Verantwortung für die Verbrechen des Vaters zu übernehmen, "Vater, ich bin bereit, Deine Schuld auf mich zu nehmen. Ich wusste bis heute nicht, dass ich bereit bin, in Deiner Schuld bin." Immer eindringlicher wird die Einsicht, dass einer die Schuld tragen und aushalten müsse. Da es der Vater nicht tut, übernimmt es der Sohn. Es geht dem Autor in erster Linie nicht um Verstehen und Verzeihen. Durch das fast gebetsmühlenhafte Wiederholen, durch das Hinzufügen immer wieder neuer Gesichtspunkte und Tatsachen gelangt er in eine Tiefe der eigenen Existenz und damit auch der des Vaters, die das Transzendente streift. Ohne dass die Verbrechen der Nazis relativiert würden, im Gegenteil, ihre Ungeheuerlichkeit wird bedrückend dargestellt, wird etwas von der Schuldverflochtenheit der Menschen erlebbar, in diesem Fall der Generationen.

Thomas Harlan: Veit. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2011. 160 Seiten, Euro 17,95.

Jürgen Israel

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