Strahlende Zuversicht

Posaunenchöre als Diener des 150. Psalms
Foto: pixelio / Dietmar Meinert
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Gewiss, auch in katholischen Gottesdiensten kommen Trompeten und Posaunen zum Einsatz. Doch eine feste Institution ist das kirchliche "Blech" allein im evangelischen Milieu: Mehr als jede dritte evangelische Gemeinde hat einen Posaunenchor.

Das "Jahr der Kirchenmusik 2012" geht zur Neige. Es kann daher nicht schaden, nochmals daran zu erinnern, wie stark "Gottesklang" und "tönend Erz" einander verbunden sind. Nach dem Buch Josua genügte die Lärmemission von sieben Trompeten, um die seinerzeit mächtigste Stadtmauer westlich des Jordans zum Einsturz zu bringen. Ob jene "Posaunisten von Jericho" nun wirklich zur Chasosera - der altjüdischen Silbertrompete - gegriffen haben, ist indes ungeklärt. Die Landnahme Kanaans könnte sich ebenso gut unter den Klängen des Schofars vollzogen haben - einer rituellen Naturtrompete, gefertigt aus Schaf- oder Antilopenhorn. Der Schofar wird auch als "Hallposaune" bezeichnet, was Martin Luther bei seiner Bibelübersetzung dazu inspiriert haben mag, die Posaune ins Heilige Land einzuführen. Der Reformator ersetzte das antike Lobpreisinstrumentarium schlanker Hand durch das klangmächtigste Instrument seiner Zeit. Seither heißt es im 150. Psalm: "Lobet den Herrn mit Posaunen!"

Für Luther war die Musik "ein himmlisch Werk" - "weil die lieben Engelein selber Musikanten sein". Es zeugt von lutherischem Geist, dass sich die irdischen Bläserheerscharen seit nunmehr eineinhalb Jahrhunderten so freudig in den Dienst des 150. Psalms stellen. Gewiss, auch in katholischen Gottesdiensten kommen Trompeten und Posaunen zum Einsatz. Doch eine feste Institution ist das kirchliche "Blech" allein im evangelischen Milieu: Mehr als jede dritte evangelische Gemeinde hat einen Posaunenchor. Der musikalische Schwerpunkt liegt auf der Pflege des geistlichen Liedes - vom Reformations-Choral bis hin zum amerikanischen Spiritual. Gespielt wird nicht nur zu liturgischen, sondern auch zu missionarischen, diakonischen oder sozialen Anlässen - und zwar unentgeltlich.

Das "Copyright" für den Begriff, unter dem sich heute das gesamte evangelische Blech versammelt, liegt bei der Herrnhuter "Brüdergemeine" in der Oberlausitz. Bereits 1764 taucht dort in einem Synodalbeschluss offiziell der Begriff "Posaunenchor" auf. Dennoch ist die evangelische Posaunenarbeit - so wie wir sie heute kennen - ein Kind der Erweckungsbewegung Mitte des 19. Jahrhunderts. Es gibt zwei große, selbstständige Entstehungszentren der Posaunenbewegung: Zum einen die evangelischen "Jünglingsvereine" in Ostwestfalen-Lippe - die Vorläufer des CVJM, zum anderen die Hermannsburger Missionare in Niedersachsen.

Sowohl die westfälischen "Posaunenchöre" als auch die niedersächsischen "Posaunenvereine" werden zum Modell für das übrige Deutschland. 1880 gibt es im Deutschen Reich bereits rund 160 Posaunenchöre mit insgesamt 2.000 Bläsern. Und 1933 kann "Posaunengeneral" Johannes Kuhlo voller Stolz feststellen: "Gott hat die Posaunenmission mit einem freundlichen Krescendo gesegnet. An die 30.000 Bläser verkünden in den christlichen Posaunenchören sein Lob." Heutzutage vertritt der "Evangelische Posaunendienst in Deutschland" (EPiD e.V.) - als gemeinsame Dachorganisation von 29 eigenständigen Werken und Verbänden - knapp 7000 Posaunenchöre mit insgesamt über 120?000 Bläserinnen und Bläsern. Die Posaunenchorbewegung ist damit eine der größten Laienbewegungen innerhalb des deutschen Protestantismus.

Die ursprüngliche hebräische Bezeichnung für den Schofar lautet "Jobal". Und dass sich von "Jobal" das deutsche Wort "Jubel" ableitet, ist nun ein bemerkenswert klarer Hinweis auf die eigentliche Bestimmung der evangelischen Posaunenchorbewegung: Sie steht für strahlende evangelische Zuversicht.

Literatur

Reinhard Lassek: "Wir sind das Blech! Die wunderbare Welt der Blechbläser". Kreuz-Verlag, Freiburg i.Brsg. 2012, 140 Seiten, Euro 14,99.

Reinhard Lassek

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