Unter dem Tamarindenbaum

Indische Kleinbauern wehren sich gegen Ausverkauf
Dicke Luft in Jharia, dem größten Kohleabbaugebiet Indiens. Foto: Jörg Böthling
Dicke Luft in Jharia, dem größten Kohleabbaugebiet Indiens. Foto: Jörg Böthling
Der indische Bundesstaat Jharkhand ist reich an Rohstoffen. Unter deren rücksichtsloser Ausbeutung leiden vor allem Kleinbauern, wie die Journalisten Klaus Sieg und Jörg Böthling bei einem Besuch feststellten.

Eigentlich bereiten die Bewohner von Chhota Guntia Fremden einen freundlichen Empfang: mit Blumengirlanden, Tänzen und selbstvergorenem Reiswein. Doch als die Mittelsmänner des großen Stahlkonzerns in das Dorf im indischen Bundesstaat Jharkhand kamen, schlug die Stimmung um. "Sie wollten unsere Felder am Fluss kaufen und unsere Höfe am besten gleich mit." Narayan Singh Hembrom sitzt auf dem Dorfplatz im Schatten eines Mangobaums und streicht sich über den Schnauzbart. Hinter dem Bürgermeister fegt eine Frau mit einem Reisigbesen Reiskörner zusammen, die auf dem gestampften Lehmboden zum Trocknen ausliegen. Fast alle der 700 Einwohnerinnen und Einwohner von Chhota Guntia leben seit Generationen vom Reisanbau. Doch plötzlich befanden sich diese Reisbauern im Zentrum der strategischen Planung eines multinational tätigen Konzerns. Und sie trafen die richtige Entscheidung: "Wir wollten nicht verkaufen, so fruchtbares Land bekommen wir nie wieder."

Reich an Rohstoffen

Der Bundesstaat Jharkhand im Osten Indiens, der erst im Jahr 2000 aus dem südlichen Teil Bihars gebildet wurde, ist reich an Rohstoffen. Schon seit langem werden diese rücksichtslos ausgebeutet. Im Norden des fast 80.000 Quadratkilometer großen Bundesstaates liegen rund um Dhanbad die bedeutendsten Vorkommen Indiens an Kokskohle. Die Stollen und Schächte der Minen und die Krater des offenen Tagebaus fressen sich durch Felder und Dörfer. Ganze Stadtviertel müssen umgesiedelt werden, weil sich der Boden senkt, wie das Beispiel der untergehenden Stadt Jharia zeigt. Hinzu kommen zahlreiche Flözbrände, deren beißender Rauch die Umwelt, Mensch und Tier vergiftet.

Foto: Jörg Böthling
Foto: Jörg Böthling

Mit Eisenerz beladene LKW sind für die Menschen in Noamundi ein gewohnter Anblick.

Zu den reichen Vorkommen an Kohle gibt es große Mengen Eisenerzes unter der roten Erde Jharkhands. Das hatte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Bau der Stahlstadt Jamshedpur durch die Gründer des Industriekonzerns Tata geführt. Das erste Stahlwerk Indiens gehört noch heute zu den größten des Subkontinentes. Die Menschen und Dörfer, die ihm einst weichen mussten, sind längst vergessen. Nur zwei Stunden Autofahrt von Jamshedpur entfernt, befinden sich die bislang einzigen Uranminen Indiens. Kleinbauern bestellen ihre Felder unmittelbar neben den Absetzbecken der staatlichen Uranium Corporation of India Limited, in denen hochgiftiger und radioaktiver Schlamm lagert, der bei der Gewinnung von Uran anfällt. In der Regenzeit läuft der Schlamm über und in der Trockenzeit weht radioaktiver Staub aus den Absetzbecken über die Felder und Dörfer. Die Lebenserwartung der lokalen Bevölkerung ist gering. Die Menschen leiden unter schweren Krankheiten; viele Kinder kommen mit Behinderungen zur Welt.

Begehrlichkeiten geweckt

Jharkhand zählt zu den ärmsten Bundesstaaten des Landes. Von dem ungeheuren Reichtum des Landes hat der Großteil seiner Bewohner nichts. Im Gegenteil: Die Vorkommen an Kohle, Eisenerz oder Uran lasten wie ein Fluch auf ihrer prekären Existenz. Das hat Folgen: Die militanten, maoistischen Naxaliten - das derzeit drängendste Sicherheitsproblem Indiens - haben genau dort ihre Hochburgen, wo der große Reichtum an Rohstoffen die Begehrlichkeiten von Investoren aus ganz Indien weckt: Ob in Chhattisgarh, Westbengalen, Orissa - oder Jharkhand.

Foto: Jörg Böthling
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Menschen klauben Kohlereste aus den Abraumhalden in Jharia.

Foto: Jörg Böthling
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Selbst Kinder müssen beim Kohlesammeln mit ran.

Besonders die Ureinwohner sind von Vertreibung betroffen. Die so genannten Adivasi stellten in Jharkhand einmal 70 Prozent der Bevölkerung. Heute machen sie nur noch ein Viertel aus. Auch Chhota Guntia ist ein Adivasi-Dorf. Seine Bewohner waren durch den Besuch der Mittelsmänner des Stahlkonzerns aufgeschreckt. Die Pläne des Stahlkonzerns bedrohten die Existenz von über zehntausend Menschen in insgesamt sechzehn Dörfern. Die Kleinbauern begannen, ihren Widerstand zu organisieren. Informationsveranstaltungen und Versammlungen wurden abgehalten, Petitionen geschrieben, lokale Politiker aufgesucht und schließlich eine große Demonstration abgehalten. Der Stahlkonzern ließ daraufhin von seinem Vorhaben ab. So etwas ist in der größten Demokratie der Welt möglich - kommt aber selten vor.

Drohende Slums

"Die meisten Adivasi auf den Dörfern sind Analphabeten, sie glauben, die Regierung und die Konzerne dürfen alles", sagt Chandra Bhushan Deogam, Direktor eines Menschenrechtszentrums, das von Brot für die Welt aus Deutschland unterstützt wird. "Haben diese Menschen erst einmal ihr Land verloren, finden sie sich oft in den Slums der Großstädte wieder."

Chandra Bhushan Deogam sitzt in seinem Büro in Chaibasa. Der rote Staub der Eisenerz-Minen ist in Chaibasa und Umgebung allgegenwärtig: Er liegt auf den Straßen, tanzt im Licht der Straßenlaternen, verschmutzt Felder und Bäche, dringt durch die Ritzen der Häuser und brennt in den Augen. Fast die ganze Nacht lang quälen sich mit Eisenerz beladene Lastwagen durch die Kleinstadt. Am Tage würden sie in Chaibasa einen Verkehrsinfarkt verursachen. So warten sie in einer etliche Kilometer langen Schlange auf der kleinen Straße mit den großen Schlaglöchern, die aus dem Abbaugebiet Noamundi kommt.

Rund um die Stadt, im Distrikt West Singhbhum, wird neben Eisenerz auch intensiv Kalkstein abgebaut.

Foto: Jörg Böthling
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Die von Brot für die Welt unterstützte Menschenrechtsorganisation BIRSA organisiert Proteste ...

Foto: Jörg Böthling
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... und betreibt ein Beratungszentrum.

Bis heute verseucht zudem der Staub einer stillgelegten Asbestmine das Land. Hinzu kommen große Staudammprojekte, für die Tausende ihr Land verloren haben. Mitarbeiter des Zentrums halten den Kontakt in die Dörfer, tragen Informationen zusammen oder geben Kurse zur Rechtslage. In dem Zentrum der Organisation gibt es Sprechstunden, eine Bibliothek und eine Dokumentation zu Landaneignung, Widerstand, Gerichtsverfahren oder Menschenrechten.

"Wir Adivasi haben in der Verfassung verankerte Rechte auf unser Land", so der Direktor weiter. So müssen zum Beispiel der Bürgermeister und der Dorfrat zustimmen, bevor ein Adivasi sein Land veräußern darf. Zwar kann die Regierung Land auch enteignen, wenn seine Umnutzung von öffentlichem Interesse ist. Ausgenommen davon aber ist solches, auf dem Tote begraben liegen oder auf dem sich Gebetsplätze der Adivasi befinden.

Heilige Orte

Die Ureinwohner haben ein spirituelles Verhältnis zu ihrem Land. Für Adivasi manifestieren sich die Götter in der Natur. Dort befinden sich auch viele ihrer Kultstätten. Viele Adivasi glauben, dass die Seelen ihrer Ahnen nach dem Tod in die Küche wandern. Deshalb ist ihr Haus mit der Küche ein heiliger Ort für sie. Damit die Seelen der Ahnen einen nicht zu weiten Weg haben, bestatten viele Adivasi sie auf ihrem Hof oder zumindest im Dorf. Große Steinplatten markieren die Grabstätten. Die Dorfbewohner nutzen diese Plätze für Versammlungen oder Feiern, erledigen dort aber auch alltägliche Tätigkeiten. In viele Steinplatten sind Mulden gemeißelt, in denen sie mit großen Mörsern Reismehl stampfen. Auch ritzen sie rechteckige Muster in die Platten, die als Feld zum Kartenspielen dienen. Sie brauchen diese alltägliche Nähe zu den Ahnen.

Foto: Jörg Böthling
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Die Menschen in den Dörfern am Fluss können sich nicht in Sicherheit wiegen.

Foto: Jörg Böthling
Foto: Jörg Böthling

Die rücksichtslose Ausbeutung der Rohstoffe verdrängt die Kleinbauern.

Erst wer das weiß, versteht das volle Ausmaß der Katastrophe, wenn ein Adivasi sein Land verliert. In der indischen Gesetzgebung ist das zwar berücksichtigt. Doch Gesetze sind nutzlos, wenn niemand sie durchsetzt. Jairam Deogam kennt sich mittlerweile mit Landrechten aus. Der Priester aus dem Dorf Surjabasa steht am Rande eines Kraters. Unten schiebt ein Bagger eine Geröllhalde zusammen. Männer und Frauen tragen Kalksandsteinbrocken von der Größe eines Medizinballs auf dem Kopf und werfen sie auf die Ladefläche eines Lastwagens. Andere hocken auf dem Boden, klauben Steine aus dem Abraum, um sie zu zerkleinern. Das Klackern ihrer Hämmer erfüllt die Luft. Niemand trägt Helm, Brille oder feste Schuhe.

Schnelles Geld

"Dort unten war unser Gebetsplatz, neben einem Flussbett, das sie ausgetrocknet haben", sagt der Priester. "Mein Vater hat vergeblich versucht, die Mine zu verhindern", erzählt der 48-Jährige weiter. Seine Worte überschlagen sich fast vor Aufregung. "Sie haben einfach ein paar Leute bestochen und angefangen zu graben, ohne die gesetzlich vorgeschriebene Einwilligung des Dorfrates."

Investoren wittern in Jharkhand das schnelle Geld. Kalksandstein wird von der boomenden Bauindustrie Indiens nachgefragt. Zunächst war die Mine noch relativ klein. Doch sie wird immer tiefer und weiter in das Land der 250 Einwohner des Dorfes hineingetrieben. Seitdem sinkt der Grundwasserspiegel. "Die Ernten fallen immer magerer aus, und unsere Leute müssen häufiger als Tagelöhner arbeiten als früher." Dann erscheint plötzlich der Vorarbeiter. Er wirkt nervös und gereizt. Mit harschen Worten verscheucht er den Priester vom Gelände.

Foto: Jörg Böthling
Foto: Jörg Böthling

Bedrohte Identität: Die indischen Ureinwohner haben ein spirituelles Verhältnis zu ihrem Land.

Die Dorfbewohner haben unzählige Anfragen und Petitionen gestellt, bis hin zu den höchsten Stellen im Bundesstaat und dem Ministerium für Bergbau. Gibt es eine Genehmigung für den Steinbruch? Wer hat sie bekommen? Ist es bekannt, dass sich auf dem Gelände ein Gebetsplatz befand? Auf keines dieser Schreiben gibt es bisher eine Antwort, obwohl der "Right of Information Act" seit fünf Jahren eine Auskunftspflicht dieser Stellen vorschreibt.

"Das zeigt doch, dass viele an dem Steinbruch mitverdienen." Jairam Deogams Augen funkeln. Nicht immer führt also der Widerstand wie in Chhota Guntia zum Erfolg. "Wir haben uns organisiert, das gibt mir Vertrauen in die Zukunft", sagt der Bürgermeister auf dem Dorfplatz. Doch auch die Menschen in den sechzehn Dörfern am Fluss können sich nicht in Sicherheit wiegen. Mit Geld kann man in der korrupten Verwaltung viel erreichen. Manche Investoren heuern sogar Schlägertrupps an, um ihre Pläne durchzusetzen. "Nicht weit von hier haben sie Bauern zusammengeprügelt, die gegen ein anderes Industrieprojekt protestiert haben."

Gräber unter dem Baum

Kuni Kui Hembrom hockt auf den Stufen zu ihrem Lehmhaus. Mit einer Steinwalze zerkleinert sie Koriander aus ihrem Garten, in dem neben Gewürzen allerhand Gemüse gedeiht. Ein angenehmer Duft steigt in die Nase. Die 65-Jährige hat an allen Dorfversammlungen teilgenommen. So wie ihr Sohn, der auch zu den Protestaufmärschen gegangen ist.

Kuni Kui Hembrom lächelt. "Zwar mache ich mir oft Sorgen, doch er tut das Richtige." Die alte Frau richtet sich auf und blickt mit klaren Augen über den Hof mit dem knorrigen Tamarindenbaum, unter dem sich die Gräber ihres Mannes und ihres zweiten Sohnes befinden. "Wo und wovon sollen wir ohne unser Land leben?"

Text: Klaus Sieg / Fotos: Jörg Böthling

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