Mystisches Erlebnis

Ein aufwühlendes Debüt
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"Vielleicht ist Gott ein Sadist. Vielleicht ist hinter der Grenze, die wir nur mit unserem Inneren passieren können, ein großes Kind, das schlecht erzogen wurde und sich nicht kümmert."

Um es gleich vorweg zu sagen: Das Debüt der 32-jährigen Esther Maria Magnis ist in vielerlei Hinsicht ein Ereignis. Dieser autobiographische Text handelt vom zutiefst existenziellen Verlust des Glaubens, von einer Gottesferne und Leere, von einer geradezu hiobsmäßigen Verzweiflung und Anklage, dass Gott sich nicht zeigt, dass er schweigt und dass er das Leid und das Zerbrechen am Leiden zulässt, ohne sich zu kümmern, ohne auf Gebete zu hören.

Als die 14-jährige Esther und ihre Geschwister erfahren, dass ihr Vater an einem unheilbaren Krebs erkrankt ist, bricht für sie ihre heile Kinderwelt zusammen. Obwohl die Familie eine gängige Glaubenspraxis übt, rebelliert Esther vor allem gegen das, was ihr in Predigten oder im Unterricht über Gott erzählt wurde, denn es unterscheidet sich nicht von dem, über das auch in Talkshows unentwegt palavert wird. So stellt sie sich Gott nicht vor, so spießig, so moralisch. "Ich hatte zwar keine Ahnung, was er wollte, aber er interessierte mich einfach, irgendetwas band mich an ihn. Sein Gottsein. Seine Wirklichkeit."

"Ich brauchte als Vierzehnjährige nicht noch einen Unsichtbaren und schon gar keinen orientalischen Pazifisten mit Schlappen und Vollbart." Denn: "So niedrigschwellig Jesus auch angeboten wurde, so wenig konnten meine Freunde und ich etwas mit ihm anfangen."

Und dann, mit der grauenhaften Ankündigung des baldigen Todes, bricht sich etwas in ihr Bahn, das diesen Wunsch zu einem Gebet werden lässt, einem Gebet, das ihr ganzes Sein erfasst. Plötzlich gab es kein Wenn und Aber, keine Vernunft, die beschwichtigt, sondern nur noch einen unbeirrbaren Glauben an ein Wunder, das den Vater retten würde. Plötzlich war wieder da, was Esther als kleines Kind von fünf Jahren am Meer einmal erlebt hatte, was man als mystisches Erlebnis bezeichnen könnte. Und jetzt war es wieder so. Das Gebet für den Vater "unterschied sich von allen anderen Hinwendungen, die ich bis dahin zu Gott getan hatte. Ich war das Gebet. Ganz".

Und doch, trotz des schier unglaublichen Vertrauens auf eine Erhörung der Gebete, stirbt der Vater. Wie nun weiterleben? Alles Fragen, alles Denken, alles Philosophieren ist für die Ich-Erzählerin plötzlich ohne Sinn. "Vielleicht ist Gott ein Sadist. Vielleicht ist hinter der Grenze, die wir nur mit unserem Inneren passieren können, ein großes Kind, das schlecht erzogen wurde und sich nicht kümmert. Wenn Gott, wie die Christen behaupten, Liebe ist, dann verstehe ich diese Liebe nicht. Dann ist sie irrer und strenger als meine." Das mag salopp oder kokett klingen in manchen Ohren. Aber der Autorin geht es nicht um sprachliche Spielereien. Sie ist um Wahrheit bemüht und versucht, sie mit Sprache einzufangen. Das ist schwer genug. Sie erzählt nur von sich selbst. Und mit dem Risiko, sich lächerlich zu machen bei denen, die ihr nicht folgen können. Mit so einem ersten Buch vor die Öffentlichkeit zu treten, ist ein Wagnis. Es gibt nicht viele, die so unverstellt von Gott zu sprechen wagen: "Ich glaube, Gott fehlt uns. Ich glaube, wir vermissen Gott. Und wir sind verletzt. Nicht alle. (...) Aber manchmal denke ich, die meisten Menschen sind einfach nur traurig, dass er nicht da ist. Dass er schweigt."

Esther Maria Magnis hat erlebt, dass Gott wirklicher ist als alles andere. Davon gibt sie in ihrem Buch eindringlich Zeugnis.

Esther Maria Magnis: Gott braucht uns nicht. Rowohlt Verlag, Reinbek 2012; 238 Seiten, Euro 16,95.

Ilka Scheidgen

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