Ernte in Designerstiefeln

Wie die solidarische Landwirtschaft Verbraucher und Bauern zusammenbringt
Arbeitseinsatz, Familientreffen und Happening: Die Möhrenernte auf dem Kattendorfer Hof. Foto: Martin Egbert
Arbeitseinsatz, Familientreffen und Happening: Die Möhrenernte auf dem Kattendorfer Hof. Foto: Martin Egbert
Ab auf den Acker zum Möhrenziehen - und das ganz ohne Bezahlung. Denn schließlich gehört demjenigen, der auf dem Kattendorfer Hof einen Ernteanteil kauft, ein Teil dessen, was dort wächst. Das ist das Prinzip der solidarischen Landwirtschaft, nach dem bereits zehn Höfe in Deutschland betrieben werden. Klaus Sieg und Martin Egbert habenden Ernteeinsatz begleitet.

Ein Acker nördlich von Hamburg. Langsam kämpft sich die blasse Sonne durch den Frühnebel und lässt das bunte Herbstlaub leuchten. Matthias von Mirbach sitzt auf dem Trecker. Über seine Schulter blickt er nach hinten, wo der Unterschneider den Boden auflockert, damit die Mohrrüben sich herausziehen lassen.

Soweit ein ganz normaler Erntetag. Wären da nicht die rund 150 Menschen auf dem Acker, unter ihnen viele Kinder. Vornüber gebeugt gehen sie die Reihen entlang, ziehen Mohrrüben aus dem Boden, reißen das Kraut ab und werfen das Gemüse in Kisten. Viele tragen die auch bei Städtern beliebte Outdoor-Kleidung, manche Frauen Designer-Gummistiefel, passend zum Lippenstift. Mit einem Ruck bringt der Landwirtschaftsmeister von Mirbach den Trecker zum Stehen, springt hinunter und wischt sich die Hände an seiner schmuddeligen Arbeitshose ab. "Schön, dass Ihr gekommen seid." Per Handschlag begrüßt er Ankommende, erklärt ihnen die Arbeit, nimmt alte Bekannte in den Arm, fragt nach Kindern und Karriere.

Hände in die Erde

Die Möhrenernte auf dem Kattendorfer Hof ist Arbeitseinsatz, Familientreffen und Happening zugleich. Der Hof bekommt Hilfe, die Verbraucher erleben Landwirtschaft. "Wo kannst du wirklich auf den Acker gehen und die Hände in die Erde stecken?", fragt Matthias von Mirbach. "Für die Mitglieder der Wirtschaftsgemeinschaft ist das eine tolle Wiedererkennung, wenn sie im Winter die Möhren aus ihren Lebensmittel-Depots holen."

Foto: Martin Egbert
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Die Kühe liefern die Milch für den hofeigenen Käse, der ebenfalls unter den Anteilseignern aufgeteilt wird.

Der Kattendorfer Hof wirtschaftet nach dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft, auch "Community Supported Agriculture (CSA)" genannt. Bei diesem Konzept werden die Erträge der Landwirtschaft nicht über den Großhandel vertrieben. Der Kattendorfer Hof betreibt zwei Läden und einige Marktstände im nahen Hamburg. Vor allem aber verkauft er Ernteanteile an eine wachsende Gemeinschaft von Verbrauchern.

Die Ernteanteile sind wie ein Abonnement eines bestimmten Anteils der Hofproduktion. Das entlastet den Hof von der Unsicherheit und der Preisentwicklung auf den Märkten. Denn die Beiträge für die Ernteanteile finanzieren die Landwirtschaft unabhängig von den Produkten. Wer einen Anteil kauft, bekommt dafür preisgünstig Lebensmittel in Bio-Qualität und kann - in gewissen Grenzen - auch beeinflussen, was und wie auf dem Hof produziert wird.

Begonnen in den USA

Das Prinzip einer solidarisch finanzierten Landwirtschaft entstand in den Sechzigerjahren im Camphill Village Copake, New York, einer Gemeinschaft für die Betreuung behinderter Erwachsener mit biologisch-dynamischer Landwirtschaft. Auch in Japan gab es unabhängig davon bereits damals ähnliche Konzepte, ebenso in Europa. Von dort brachten Trauger Groh vom Buschberghof in Norddeutschland und Jan Vander Tuin aus der Schweiz das Konzept zurück in die USA und gründeten in den Achtzigerjahren die ersten beiden CSA-Farmen. Heute sind es dort bereits über 300.

Foto: Martin Egbert
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An der langen Tafel im Hof.

Foto: Martin Egbert
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Singles teilen sich häufig einen Ernteanteil, größere Familien decken den Grundbedarf und kaufen den Rest dazu.

Foto: Martin Egbert
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"Da sieht man mal, wie viele Menschen der Hof ernährt", sagt Landwirtschaftsmeister Matthias von Mirbach.

In Deutschland gibt es zehn Bauernhöfe, die nach diesem Prinzip wirtschaften. Ein Ernteanteil vom Kattendorfer Hof kostet rund 160 Euro im Monat, er entspricht dem, was auf der Basis von 2500 Quadratmetern des 150 Hektar großen Hofes produziert wird: pro Woche 700 Gramm Fleisch und Wurst zum Beispiel, zwei bis drei Kilogramm Gemüse, eine bestimmte Menge Milchprodukte und Getreide. Die Verbraucher schließen sich zu Kooperativen zusammen. Einmal in der Woche kommt der Transporter vom Kattendorfer Hof und liefert ihnen die frischen Lebensmittel ins Depot. Das kann ein Kellerraum sein, ein Platz in einer Tiefgarage oder ein Hinterraum in einem Bioladen.

Strenge Kriterien

"Die Wirtschaftsgemeinschaft ermöglicht mit ihren regelmäßigen Beiträgen, dass Boden, Pflanzen und Tiere so gepflegt werden, dass chemiefreie, gesunde Nahrungsmittel entstehen", erklärt Matthias von Mirbach, der den nach den strengen Demeter-Kriterien zertifizierten Kattendorfer Bio-Hof gemeinsam mit dem Ehepaar Annette und Klaus Tenthoff betreibt. Der Hof hat fünfzehn feste Mitarbeiter in Vollzeit und noch einmal so viele in Teilzeit. Sie arbeiten im Laden, der hofeigenen Käserei, der Buchhaltung, in den Ställen, und natürlich auf dem Feld. Zudem gibt es immer Schülerpraktikanten. Wo ist heute auf einem Bauernhof noch so viel los?

Foto: Martin Egbert
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Die Kühe liefern die Milch für den hofeigenen Käse, der ebenfalls unter den Anteilseignern aufgeteilt wird.

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"Ich fühle mich, wie ein König" - Tim Berger und seine Familie auf dem Kattendorfer Feld ...

"Wir betrachten den Betrieb als einen Organismus, in dem alles ineinander greift und das Gleichgewicht das Maß aller Dinge ist", erklärt Annette Tenthoff. Zum Beispiel wird für den Gemüseanbau als Dünger der Mist von Rindern gebraucht. Die Größe der Herde wird deshalb durch die Anzahl der bebauten Hektar bestimmt - und nicht durch die Gesetze des Marktes. Für die Herstellung von Milchprodukten bedeutet dieses Prinzip: Kein Käse ohne Schinken. Wie das? "Weil in der Käserei große Mengen Molke anfallen, und die geben wir den Schweinen zu fressen, anstatt sie zu entsorgen." Mit zwanzig Litern pro Tag müssen die Kühe nur die Hälfte einer konventionell gehaltenen Milchkuh geben. Dafür brauchen sie weniger Kraftfutter und bleiben gesund.

Großes Interesse

Dass man mit diesen Prinzipien schwer auf dem freien Markt bestehen kann - selbst dem boomenden für Bioprodukte - leuchtet ein. Die 210 Ernteanteile der Mitglieder der Wirtschaftsgemeinschaft sichern ungefähr die Hälfte des Jahresbudgets. Optimal abgesichert wäre der Hof mit seiner besonderen Wirtschaftsweise, wenn achtzig Prozent des Budgets über die Ernteanteile abgedeckt wäre. Das ist möglich, denn das Interesse von Verbrauchern vor allem aus dem vierzig Kilometer entfernten Hamburg ist weiterhin groß. In den Kooperativen organisieren sich Lehrer, Sozialarbeiter, Designer, Werbekaufleute oder Piloten, die das Interesse an einer naturnahen Landwirtschaft eint.

Foto: Martin Egbert
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... im Hamburger Depot ...

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... und mit vollen Taschen auf dem Heimweg.

"Ich fühle mich wie ein König mit einem Bauernhof, der extra für ihn produziert." Tim Berger grinst. Nur wenige Minuten Fußweg brauchen er, seine Frau Moogan und der zehn Monate alten Anoush von ihrer Wohnung am Rande eines quirligen Hamburger Szenequartiers in das Depot ihrer Kooperative.

Über die Tiefgarageneinfahrt schieben sie die Kinderkarre in den Kellerraum des Neubaus. Leuchtstoffröhren springen flackernd an. Vor einer Reihe Kühlschränke und Tiefkühltruhen stehen Kisten mit Kohl, Kartoffeln, Feldsalat, Kürbis, Sellerie oder Porree auf dem Betonfußboden. Tomaten, Gurken oder Paprika gibt es nicht. Es ist Ende Oktober. Der Hof bietet nur das, was saisonal wächst und gedeiht. "Wir kochen nicht mehr nach Kochbuch, sondern lassen uns davon leiten, was die Jahreszeiten bieten", erklärt Tim Berger.

Bohnen im Depot

Vor einem Jahr ist der Künstler mit seiner Frau der Kooperative beigetreten. "Das war im November, da gab es sehr viel Kohl." Moogan Berger zieht die Schultern hoch. "Wir mussten uns daran schon ein bisschen gewöhnen." Andererseits bietet der Ernteanteil immer wieder Anregungen. "Da liegen auf einmal dicke Bohnen im Depot, die du noch nie zubereitet hast - und siehe da: sie schmecken klasse!" Die junge Familie ernährt sich fast ausschließlich von ihrem Ernteanteil. Aber es geht auch anders: Singles teilen sich häufig einen Ernteanteil. Größere Familien decken mit nur einem Ernteanteil einen Grundbedarf ab und kaufen den Rest dazu.

Foto: Martin Egbert
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Nach der Arbeit wird gemeinsam gegessen, wie hier direkt auf dem Feld.

"Wir wollen uns aus der Region ernähren, das schmeckt besser und belastet weniger die Umwelt", erklärt Tim Berger. Aber kann man das nicht auch mit einer Gemüsekiste tun, die immer mehr Biohöfe ins Haus liefern? "Bio hat sich zu sehr auf giftfrei reduziert", sagt der junge Familienvater. Es gebe Gemüsekisten, in denen nur noch ein sehr kleiner Teil der Lebensmittel vom Hof kommt, der sie liefert. "Für uns dagegen haben alle Produkte ein Geschichte, bei der Wurst zum Beispiel denke ich an den Schweinestall vom Kattendorfer Hof", sagt er. "Meine Wertschätzung für die Lebensmittel ist sehr gestiegen und wir schmeißen viel weniger weg."

Obstgarten geplant

Die Begeisterung für den Hof ist bei Tim Berger so groß, dass er dort sogar mitgestalten will. Mit einigen anderen Interessenten aus verschiedenen Kooperativen will er auf einem Stück Land des Kattendorfer Hofes einen Obstgarten aufbauen. Bei einem Hof, der sogar seinen Budgetplan mit jeder einzelnen Kooperative bespricht, rennt er damit offene Türen ein. "Wir finden das prima, es gibt das Land, aber nicht genügend Arbeitskräfte auf dem Hof, um einen Obstgarten zu betreiben", sagt Matthias von Mirbach. Hinter ihm tobt eine Herde Kinder hinter dem Trecker her. Eine stillende Mutter sitzt auf einer Gemüsekiste. Ein großer Teil der Mohrrüben ist geerntet. Erde klebt an den Schuhen der Erntehelfer aus der Stadt - selbst an den Designer-Gummistiefeln.

Die Betreiber vom Kattendorfer Hof sind überwältigt von der großen Resonanz. "Da sieht man mal, wie viele Menschen der Hof ernährt." Matthias von Mirbach blickt über den Acker und lächelt. Gleich gibt es Suppe für alle.

Text: Klaus Sieg / Fotos: Martin Egbert

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