Der Geist weht, wo er will

Dem Mysterium des Lebens nachdenken, ohne es aufzulösen
Die Thora Foto: Pixelio/Dieter Schuetz
Die Thora Foto: Pixelio/Dieter Schuetz
Die Kirche hat zum Schutz vor Überfremdung und zur Wahrung der eigenen Identität im Laufe ihrer Geschichte einen Zaun um das Evangelium errichtet, in Form von Ritualen, Lehren und Dogmen. Diese haben ihr Recht, aber sie sind nicht Gegenstand des Glaubens, meint Wilhelm Sievers, Alt-Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg.

Das Reformationsjubiläum wirft seine Schatten voraus. Die Feiern zum 500. Jahrestag sollten sich aber nicht nur in historischen Erinnerungen erschöpfen, sondern auch der Frage nachgehen, wie die Reformation weiterzuführen ist. Ich denke vor allem an Luthers Bekenntnis zu der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments als alleiniger Grundlage des christlichen Glaubens. Nachdem die historisch-kritische Forschung erwiesen hat, dass schon das Neue Testament unter dem Einfluss des hellenistischen Denkens Jesu Werk gedeutet hat, muss das zur Folge haben, zu den Quellen zurückzugehen, die die Verkündigung Jesu geprägt haben, das heißt, ihn im Zusammenhang seiner jüdischen Tradition zu verstehen.

Der Glaube Israels hat seine eigene Geschichte durch neue Offenbarungen und Abschiede, an die Jesus anknüpft. Ausgangspunkt ist die Befreiung aus Ägypten und der Bundesschluss am Sinai mit den Zehn Geboten als einer Friedensordnung für ein Leben in Freiheit. Jahwe war noch der Volksgott, der wie bei anderen Völkern als Kriegs- und Rachegott für sein Volk eintrat und dem das Volk durch Opfer diente.

Es waren die Propheten, die in ihrem Gott den einen und einzigen Gott aller Völker erkannten. Israel verstand sich nun in einem erweiterten Sinn als das auserwählte Volk, das allen Völkern die Thora zu bringen hatte. Die Erwählung war zugleich eine Verpflichtung. Der Gott des Krieges gehörte damit grundsätzlich der Geschichte an, wenn auch die archaischen Elemente immer wieder durchdrangen.

Scharfe Kritik

Der Opferkult wurde als ein Relikt aus den Anfängen noch weiter praktiziert. Aber schon die Propheten übten scharfe Kritik an dieser Praxis. Erst die Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n. Chr. beendete den Opferkult. Leo Baeck sieht darin eine Befreiung von einer überholten Epoche der Geschichte, die der Erziehung des Volkes diente. "An dem Tage, da der Tempel zerstört ward, ist eine Mauer gefallen, die sich zwischen Israel und dem Vater im Himmel erhoben hatte." (Das Wesen des Judentums)

In dieser Tradition steht Jesus, und zugleich geht er über sie hinaus. "Ich bin nicht gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen." (Matthäus 5, 17) Der bedeutende jüdische Gelehrte Jacob Neusner untersucht in seinem Buch "Ein Rabbi spricht mit Jesus" vor allem die Stellung Jesu zur Thora, die den Juden von Gott durch Mose gegeben ist. Sie gilt für alle Zeiten. Sie kann und muss ausgelegt werden, aber sie darf nicht verändert werden. Auch wenn Jesus sich zur Thora bekennt, so geht er nach Neusner einen entscheidenden Schritt über die bisherige Tradition hinaus. Die Thora ist an das Volk in seiner Gesamtheit gerichtet, Jesus aber spricht seine Jünger als Gruppe an. "In der Wendung vom Wir vom Berge Sinai zum Ich in der Thora des galiläischen Weisen vollzieht Jesus einen bedeutenden Schritt - in die falsche Richtung."

Falsche Richtung?

In die falsche Richtung? Dieser Punkt wäre zu klären. Jesus sieht seine Mission zunächst darin, "die verlorenen Schafe des Hauses Israel" (Matthäus 15, 24) einzuladen, die er als Gruppe anspricht. Mit jenem Wechsel des Ansprechpartners schafft er die Voraussetzung, dass auch Menschen außerhalb des Gottesvolkes zu Gott eingeladen werden können, wie es im Heilandsruf angelegt ist: "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid." (Matthäus 11, 28)

So ebnet er den Menschen aus allen Völkern einen eigenen unmittelbaren Weg zu dem einen Gott, ohne Vermittlung durch das Judentum. Es kann sich nun ein neues Gottesvolk sammeln. Wie Israel sich zu Mose bekennt als seinem größten Propheten, so bekennt sich das neue Volk zu Jesus als seinem Heiland und Sohn Gottes, der nach jüdischem Verständnis der Fromme ist, der sich Gott ganz hingibt, oder auch als Mittler zwischen Gott und den Völkern, wie Mose der Mittler zwischen Gott und Israel ist.

Mit dem Bekenntnis zu Jesus als dem Christus wird die jüdische Messiaserwartung zwar aufgenommen, aber im Zusammenhang mit der Botschaft Jesu vom Reich Gottes inhaltlich entscheidend verändert. Nach orthodoxem jüdischem Verständnis ist der Messias ein leibhaftiger Mensch, der das Friedensreich am Ende dieser Zeit aufrichten wird. Für Jesus bricht das Reich Gottes mit ihm schon jetzt und hier zeichenhaft an, wo Menschen mit ihm und nach ihm in Liebe und Gerechtigkeit miteinander leben. In diesem Sinne ist er der Christus, der Friedensfürst.

Herzenssache

Gott ist für die Juden in der Thora gegenwärtig. Darum gehört das Studium der Thora, das schon in früher Kindheit beginnt, für fromme Juden zu ihrem ganzen Leben. Dadurch leben sie mit Gott und lassen sich von seinem Geist führen.

Aber natürlich besteht auch die Gefahr, dass ein Leben nach der Thora in Werkgerechtigkeit erstarrt. Hier setzt der Prophet Jeremia ein, der diese Zusammenhänge von Wort und Geist mit der Verheißung aufdeckt: "Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund machen" (Kap. 31, 31), und: "Das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben." (Kap. 31, 33) "In Herz und Sinn schreiben": das heißt doch, das Gesetz nicht als etwas Fremdes und Auferlegtes zu betrachten, sondern es zur eigenen Sache, zur Herzenssache zu machen, in der Kraft des Geistes Gottes.

Auch Jesus war von diesem Geist Gottes erfüllt. Er gab ihm die Vollmacht seiner Rede im freien Umgang mit der Tradition seiner Zeit. Der Bruch mit der Tradition, den Neusner im Wirken des galiläischen Weisen sieht, ist in Wahrheit ein Durchbruch und die Erfüllung der alten prophetischen Tradition, den universalen Anspruch des Gottes Israels zur Geltung zu bringen. Jeder Mensch konnte nun direkt von Gott angesprochen werden, in Verantwortung vor ihm aus dem Geist der Liebe seinen Geboten und Weisungen zu folgen nach dem Wort des Paulus: "Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig." (2. Korinther 3, 6)

Gelebte Liebe

Die gelebte Liebe steht im Zentrum des Lebens Jesu, der er bis zu seinem Tod am Kreuz treu geblieben ist. Vor seiner Verhaftung feierte er mit seinen Jüngern ein letztes Abendmahl nach der jüdischen Sitte des Passahfestes, aber wiederum mit grundlegenden Veränderungen. An die Stelle der jüdischen Familie tritt die Glaubensfamilie. Und an die Stelle der Erinnerung an den Auszug aus Ägypten tritt die Erinnerung an Jesus und sein Martyrium als Opfer der Liebe. Das Sühneopfer gehört damit einer vergangenen Epoche an.

Es ist der Geist Gottes, der Jesus gegeben war und ihm die große Ausstrahlungskraft verlieh, die über seinen Tod hinauswirkte, durch die Offenbarung Gottes als Heiliger Geist, die am Pfingstfest der Welt bezeugt wurde. So kann der Evangelist Johannes später sagen: "Gott ist Geist, und die ihn anbeten, beten ihn im Geist und in der Wahrheit an." (Kap. 4, 24)

Die Gemeinschaft mit Gott im Geist führt über die Grenzen von Raum und Zeit hinaus in das ewige Leben. In diesem Sinne hat der Evangelist Johannes Jesus wohl zutreffend verstanden, wenn er ihn sagen lässt: "Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen." (Johannes 17, 3)

Ein Mysterium

Entsprechend schließt der Evangelist Lukas mit dem Kreuzeswort Jesu: "Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände." (Lukas 23, 46). Im Geist findet das Leben seine Transzendenz. Das Leben bleibt dennoch ein Mysterium, dem wir nur nachdenken können, ohne es aufzulösen. Aber der Geist weitet den Horizont und öffnet Perspektiven, die einem rein rationalen Denken verschlossen bleiben - so werden wir in eine umfassende Wirklichkeit hineingenommen. Eine solche Begegnung mit dem Juden Jesus relativiert manche späteren systematischen Entfaltungen des Glaubens. Im Judentum wird unterschieden zwischen der Thora und dem "Zaun um die Lehre", zu dem die Ritualgesetze zählen, als Schutz vor Überfremdung und als Hilfe, die eigene Identität zu wahren.

Die Ritualgesetze haben nicht den Rang der Thora. Mit der Heidenmission entfielen die Ritualgesetze. Aber für das Leben der jungen Gemeinde war es nun zwingend, sozusagen einen eigenen Zaun um das Evangelium Jesu zu errichten. Von Jesus hatte sie das Abendmahl übernommen. Sie feierte statt des Sabbats den ersten Tag der Woche als Tag der Auferstehung des Herrn.

Die spätere Kirche hat dann diesen Zaun um das Evangelium durch Rituale, Lehren und Dogmen zum Schutz vor Überfremdung und zur Wahrung der eigenen Identität erweitert. In diesem Zusammenhang haben sie ihr Recht, aber sie sind nicht Gegenstand des Glaubens. Der Geist weht, wo er will. Darin liegt eine große Befreiung, dass Glaube und Zweifel sich allein auf ein Leben mit Gott richten und nicht auf die kirchlichen Rituale, Lehren und Dogmen.

Das biblische Wort will bedacht sein im Zusammenhang der Glaubenszeugnisse aus der Geschichte und der eigenen Lebenserfahrung. Auf dieser Erfahrungsebene können sich nicht nur Christen aller Konfessionen treffen, sondern auch Menschen fremder Religionen und Freidenker.

Wilhelm Sievers

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