Trotz allem ein Vorbild

Was mir Martin Luther bedeutet
Das 1885 errichtete Lutherdenkmal vor der Dresdner Frauenkirche. Foto: dpa/Matthias Hiekel
Das 1885 errichtete Lutherdenkmal vor der Dresdner Frauenkirche. Foto: dpa/Matthias Hiekel
Margot Käßmann tritt Ende des Monats ihr Amt als "Lutherbotschafterin" der EKD für das große Reformationsjubiläum 2017 an. Aus diesem Anlass gibt sie sich Rechenschaft über ihr ganz persönliches Verhältnis zu Martin Luther, dem Menschen und dem überlebensgroßen Reformator.

Mit Martin Luther bin ich sozusagen aufgewachsen. Lutherische Haltung, Luthers Lieder, der kleine Katechismus - das war Teil des Alltags. Der hohe Respekt vor dem großen Reformator war sicher auch Folge des Jubiläums 1917: Noch hoffte man in Deutschland auf den Sieg im großen Krieg, aber der moralischen Aufrüstung fühlte man sich doch bedürftig, Luther mit seiner Standfestigkeit wurde gewissermaßen zum Felddienst rekrutiert. Dreihundert Jahre zuvor war es ein Jubiläum der konfessionellen Selbstvergewisserung gewesen, 1717 wurde Luther zum frommen Mann der Pietisten stilisiert, 1817 im Überschwang einer religiös-nationalen Feier als Nationalheld inszeniert. 1917 aber feierte man ihn als Retter der Deutschen in Zeiten großer Not. Ein solcher Blick zurück muss sensibel dafür machen, dass Reformationsjubiläen heikle Zeitpunkte sind. Sie sagen möglicherweise mehr über die eigene Zeit aus als über die Reformation und den Reformator.

Wie werden spätere Generationen urteilen über die Akzentsetzung im Jahr 2017? Es kann nicht um einen irgendwie runderneuerten und modernisierten Lutherkult gehen. Vielmehr gilt es, einen zeitgemäßen klaren und das heißt auch: kritischen Blick auf den Menschen, den Reformator und den Politiker Luther zu werfen. Zudem ist wichtig, ihn als Menschen seiner Zeit zu begreifen und Teil eines reformatorischen Geschehens, an dem viele beteiligt waren. Mir selbst war der schier übermächtige Mann mit dem Bibelbuch nach meiner Kindheit und Jugend eher fremd geworden. Dieser scheinbar von männlichem Selbstbewusstsein strotzende Theologe, der "Gut, Ehr, Weib und Kind" dahinfahren lässt für seine Standhaftigkeit im Glauben, hatte, davon war ich überzeugt, mit meiner Suche nach theologischer Verortung wenig zu tun.

Doch das sollte sich ändern. Dafür waren zwei Erfahrungen maßgeblich. Die eine war wissenschaftlicher Natur. Bei Karl-Heinz zur Mühlen schrieb ich in Tübingen eine kirchengeschichtliche Hausarbeit über Luthers reformatorische Entdeckung. Die Arbeit war auch für mich mit der Entdeckung des Theologen Luther verbunden, der um theologische Erkenntnis förmlich rang, ein junger Mann, der die Bibel mit manchmal verzweifelter Intensität las, dem nichts wichtiger war, als sie zu verstehen, und der das, was er verstand, weitergeben wollte - das spiegelte sich in der Psalmenvorlesung nicht weniger als in der Vorlesung zum Römerbrief.

Schwere Anäherung

Die andere Erfahrung war geistlicher oder spiritueller Natur: Jenes Lied von der festen Burg, das ich nicht mehr singen mochte, wurde in Argentinien bei einer Sitzung des Zentralausschusses des Weltkirchenrates 1985 kurz nach dem Ende der Militärdiktatur mit solcher Inbrunst gesungen, dass es für mich völlig neu klang, ein Trutzlied im besten Sinne, ein Lied der Solidarität und der Orientierung in schwerer Zeit. Es verband lutherische Kirchen in Lateinamerika mit anderen lutherischen Kirchen in aller Welt. Es war zu einem Identitätsmerkmal geworden, das half, in schwerer Anfechtung nicht aufzugeben, die eigene Freiheit eines Christenmenschen gegenüber einem repressiven Regime und in einer Situation konfessioneller Minderheit zu bewahren.

Soviel habe ich gelernt: Sich Luther anzunähern, ist gar nicht so leicht. Wer ihn sich nach dem Bilde der eigenen Zeit schnitzen oder in Bronze gießen will, wird ihn verfehlen. Luther hat viele Facetten. Das bestätigt sich immer wieder in seinen Texten, von denen wir einige gerade in einem kleinen Lesebuch zusammengestellt haben. Luther war nach Thies Gundlach, dem Vizepräsidenten des EKD-Kirchenamtes, weniger Kirchengründer als Evangeliumsfinder. Er war einer, der immer unter Spannung stand, der diese aber auch nie verbergen wollte, sie vielmehr im Leben, in seinen Schriften und auf der Kanzel zeigte und austrug. Gerade das machte den Menschen und den Theologen Luther aus, und einen Großteil seiner Wirkungskraft dazu - und es macht ihn mir sympathisch. Im Folgenden will ich in Zustimmung und Abgrenzung einige entscheidende Punkte nennen:

Mutig gekämpft

Ich bewundere Luthers Mut! Aus Glaubensüberzeugung gegen die ganze Welt - zu seiner Zeit symbolisiert durch Kaiser und Papst - anzutreten, ist und bleibt eine ungeheuerliche Leistung. Für ihn ging es vor dem Reichstag in Worms um all seine Erkenntnis und auch, das ist nicht zu vergessen, um sein eigenes Leben. Selbst wenn es in den befriedeten Ländern dieser Erde nicht ganz so gefährlich zugeht: Auch wer es heute wagt, gegen den Mainstream anzutreten, kritische Fragen zu stellen und unbequem zu argumentieren, wird Widerstand ernten. "Ich stehe hier, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen" - das ist eine Haltung, die Respekt verdient. Sich an sie zu erinnern, das hat viele gestärkt, die sich mit ihrer Überzeugung irgendwann in ihrem Leben plötzlich einsam gefühlt haben mit der eigenen, abweichenden Position.

Mich belastet Luthers Verhältnis zum Judentum. Er konnte Jüdinnen und Juden nicht als Geschwister im Glauben sehen, sondern hoffte, sie würden mit seiner Reformation zum Christentum finden. Als das nicht gelang, hat er abgrundtiefe Verachtung, ja Hass gesät. Eine Saat, die unsere evangelischen Kirchen auf entsetzliche Abwege geführt hat, vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus.

Ich schätze den Familienvater Luther. Er hat Sexualität und Ehe aus dem Makel des Minderwertigen gegenüber dem zölibatären Leben gelöst. Wenn Ehelosigkeit und Kinderlosigkeit in Deutschland heute eher als Makel gesehen werden, würde er gewiss andersherum argumentieren. Verschiedene Lebensformen als vor Gott gleichrangig anzusehen, das ist sein Verdienst. Und die Wertschätzung seiner Frau und seiner Kinder, die Liebe auch, die er für sie empfand, ist durch die schriftlichen Zeugnisse bis auf den heutigen Tag spürbar.

Ungezügelte Sprache

Mich befremdet, wie Luther ohne Schranken die Gewalt der Fürsten gegenüber den Bauern bejaht. Wo bleibt da die Seligpreisung der Friedenstiftenden, wo ein nachvollziehbarer Bezug zur Bibel? Seine Sprache ist allzu oft von einer ungezügelten, ja maßlosen Gewalthaltigkeit. Damit säte er Eskalation, nicht Mediation. Das muss beunruhigen.

Eindrücklich ist Luther als Seelsorger. Etwa, wenn er die Trauer über sein Kind mit anderen Trauernden teilt, einen Suizidgefährdeten aufrichten will und Mitleid zeigt. Oder wenn er seinen Barbier Beten lehrt, indem er sagt, der solle nicht viel Brimborium machen, sondern schlicht täglich das Vaterunser beten und mit einem kräftigen "Amen" abschließen, gegen allen Zweifel.

Aber seine Haltung gegenüber Frauen! Über die tradierte Vorstellung, der Mann sei Gottes Willen nach und der Natur entsprechend der Vormund der Frau, ist er nicht hinausgelangt. Das Priestertum aller Getauften hat er in revolutionärer Weise theologisch gedacht und dabei den Weg gebahnt für die Befreiung des Menschen aus klerikalen Fesseln und letzten Endes auch aus weltlichen - aber die Vorstellung, es könne Priesterinnen und Bischöfinnen geben, lag ihm ferne.

Luthers Lebenslust steht in fröhlichem Gegensatz zu aller vermeintlich protestantischen Kargheit. Wie häufig zeigt er sich als fröhlicher Christenmensch, mitreißend und humorvoll. Bei manchen seiner Tischreden ist er geradezu spürbar präsent. Du siehst ihn im großen Kreis der Familie, Katharina in der Nähe, die Studierenden dabei, und er genießt es, sich auszulassen über Gott und die Welt. Ein für mich sympathisches, menschliches Bild.

Kein Teamplayer

Ein Teamplayer war Luther gewiss nicht. Schon der Gang ins Kloster zeigt ihn als Vereinzelten, der sich Vater und Mutter wenig rechenschaftspflichtig fühlt und das eigene Gewissen in den Mittelpunkt setzt. Da gibt es einen Grundzug von Egomanie, den auchPhilipp Melanchthon und andere Mitstreiter zu spüren bekamen. Wie weitsichtig war Luther in Bildungsfragen! Als er dem christlichen Adel deutscher Nation nahelegte, Schulen für alle Jungen und Mädchen (!) zu schaffen, hat er die Grundlage zur Volksschule gelegt. Das prägt evangelische Bildungspolitik bis heute. Und mit dem Kleinen Katechismus hat er eine Art Kurzdogmatik für den Hausgebrauch geschaffen, hat großartig zusammengefasst, was ein Christ und eine Christin wissen sollten über den Glauben: Vaterunser, Glaubensbekenntnis, Zehn Gebote, Taufe und Abendmahl. Generationen von Menschen lernten diese Grundlagen auswendig und fanden Orientierung und Halt.

Dass mit dem Schwert bestrafen und "rechtmäßig Krieg führen" ein geordnetes Regiment ausmachen, dass "alle Obrigkeit" "von Gott geschaffen und eingesetzt" und "gute Ordnung" sei - das hat manche Last und Verirrung mit sich gebracht bis hinein in aktuelle Debatten um Widerstand gegen Diktatur und Kriegsdienstverweigerung. Da hätte ich mir von Luther mehr Klarheit erwartet von seinem Bibelbezug her. Luther, der Liederdichter, ist mir nahe. Wie sensibel konnte dieser Mann texten und vertonen! Nehmen wir allein "Vom Himmel hoch, da komm ich her". Bis heute wird dieses Lied gern im Weihnachtsgottesdienst gesungen. Als "Weihnachtschrist" hat sich Luther ja selbst einmal bezeichnet. Und wie Recht hatte er, als er das Singen im Gottesdienst als Verkündigung angesehen hat. Damit hat er einen Weg geebnet, der zu Bach, für viele Menschen der "fünfte Evangelist", führte und der sich bis heute noch nicht verlaufen hat, wie Dieter Falks Oratorium Die Zehn Gebote zeigt. Mit unseren heutigen Worten gesagt: Luther war der Vorreiter für lebendige evangelische Spiritualität.

Die Freiheit

Gegenüber den Türken zu seiner Zeit zeigte Luther keinerlei Verständnis, Neugier, Entgegenkommen, Respekt. Natürlich ist dies aus dem Zeitgeist heraus verständlich: Seit Jahrhunderten schon standen sich die christliche und die muslimische Welt unversöhnlich gegenüber. Aber daran, dass er hier Kind seiner Zeit war, erkennen wir, dass wir Luther nicht zum unfehlbaren Kirchenvater stilisieren dürfen. Für einen Dialog der Religionen, wie wir ihn heute suchen, hilft er uns hier noch weniger als beim jüdisch-christlichen Gespräch.

Und die Freiheit eines Christenmenschen: O ja, zuallererst Freiheit in Glaubensfragen. Es geht nicht um den Libertinismus unserer Zeit, nicht um das Motto: Tu was du willst. Es geht um die tiefe Freiheit, eigene Grundüberzeugungen zu formulieren und zu ihnen zu stehen. Diese Freiheit gründet in der Lebenszusage Gottes, die ich mir durch nichts, aber auch gar nichts verdienen oder erwirtschaften kann. Doch es ist zugleich die Freiheit zur Verantwortung! Niemandem und zugleich jedermann untertan, das bedeutet, ins Heutige übersetzt: Kein Mensch lebt für sich selbst allein, sondern in Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen, gefordert zur Solidarität - eine Steilvorlage für ein modernes Freiheitsverständnis.

Überall da, wo die Tugenden der Versöhnung, des Ausgleichs, des Verständnisses für andere Positionen gefragt sind, ist es schwer, mit Luther zu rechnen. Allzu häufig war er getrieben von seiner Leidenschaftlichkeit. Seine Entschiedenheit und Unbeirrbarkeit waren seine Stärke und seine Schwäche zugleich. Als Ökumeniker können wir ihn beim besten Willen nicht bezeichnen. Wie wettert er gegen die "Papisten" und den "Antichristen", den er in Rom sieht! Die Kontaktaufnahme zur Orthodoxie versandet nach einem ersten Versuch, die Ablehnung des Papsttums als gemeinsamen Nenner aufzuzeigen. Wie das Reformationsjubiläum im Zeitalter der Ökumene zu gestalten ist, bleibt als eine Herausforderung.

Ein evangelischer Heiliger

Alles in allem: Ich habe hohen Respekt vor dem Glauben dieses Mannes, seinem theologischen Reflexionsvermögen, der intellektuellen Leistung und dem persönlichen Engagement, Leben und Denken. Seine Schattenseiten kann ich sehen, sie hineinnehmen in die Frage, wie das Jubiläum der Reformation mit dem Symboldatum 2017 zu feiern sei. Ich sehe ihn als Menschen, als Theologen, der mit einem Bein noch in mittelalterlichen Vorstellungen festhing - denken wir etwa an seinen Hexenglauben - aber mit dem anderen energisch und mutig voran schritt in die Neuzeit, hin zur Befreiung aus Angst und Enge, hin zu Glaubensfreiheit und Menschenrechten. Am Ende ist für mich seine Botschaft: Lies Du selbst in der Bibel nach. Schärfe Dein Gewissen an Deinem Glauben. Fühl dich von Gott berufen an den Ort, an dem Du stehst und versuche da, Deine Verantwortung als Christenmensch in der Welt wahrzunehmen. Dabei magst du Fehler machen. Aber es ist ein aufrechter Gang in Verantwortung vor Gott und den Menschen, der um die Möglichkeit des Scheiterns weiß.

Doch, auf diese Weise ist und bleibt er mir Vorbild mit all seinen Schattenseiten. Denn wer würde solche Ambivalenz im eigenen Leben nicht kennen. Ein Heiliger ist nach Luther kein perfekter Mensch, sondern ein Mensch, der weiß, dass er ganz und gar auf Gottes Gnade und Liebe angewiesen ist. In diesem Sinne ist er ein evangelischer Heiliger für mich.

Margot Käßmann

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