Konzentriert

Eine theologische Anthropologie
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In der Tradition der Dialektischen Theologie entfaltet Sauter eine Denkbewegung, die bewusst programmatisch nicht "vom Menschen her" argumentieren will, sondern "von Gott her und auf Gott hin".

Der langjährige Bonner Systematiker Gerhard Sauter hat als Ertrag einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit anthropologischen Fragen sein Buch "Das verborgene Leben" vorgelegt. Mit dem Titel nimmt er eine Wendung aus Kolosser 3, 3 ("Euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott") auf. Diese von Sauter vorgelegte Lehre vom Menschen unterscheidet sich deutlich von anderen Anthropologien auf dem Markt durch ihre strikte theologische Konzentration. Sauter entfaltet seine Sicht, indem er biblische Texte und Traditionen meditierend umkreist. Er beginnt mit Psalm 8 und setzt mit Meditationen der Schöpfungsgeschichten und der Sündenfallgeschichte fort.

Auch wenn er Themen wie Freiheit des Menschen, Einwilligung in Gottes Willen, Geborenwerden und Neu-Geborenwerden sowie Altern behandelt, entfaltet er seine Überlegungen immer aus der Sprachbewegung biblischer Texte heraus. Motive wie, dass Gott an uns Menschen handelt, wir zuerst passiv sind (Stichwort: "erleiden"), wir den Grund unseres Personseins außerhalb unserer selbst haben (Stichwort: exzentrisch) und dass wir Menschen in der Gefahr stehen, uns in uns selbst zu verkrümmen (incurvatus in se), tauchen immer wieder auf.

Dem entspricht es, dass Bezugnahmen auf Gedanken Luthers einen ständigen Kontext bilden. Gegenüber einem uns überall begegnenden überbordenden menschlichen Aktivismus ist die biblisch-theologisch begründete Nüchternheit Sauters geradezu wohltuend.

In der Tradition der Dialektischen Theologie entfaltet Sauter eine Denkbewegung, die bewusst programmatisch nicht "vom Menschen her" argumentieren will, sondern "von Gott her und auf Gott hin". In einem Anfangs- und zwei Schlusskapiteln werden solche grundsätzlichen Fragen ausdrücklich erörtert. Auf philosophische und humanwissenschaftliche Überlegungen bezieht er sich vorzugsweise abgrenzend.

Das hat auch methodische Folgen. Er will nicht auf den Begriff bringen, Urerfahrungen beschreiben, einen Sinn rekonstruieren, Denkschablonen bedienen, nicht aus menschlichen Erfahrungen ableiten, nicht einen übergeordneten Zusammenhang herstellen, von sozialpsychologisch rekonstruierbaren Randbedingungen ausgehen. Abgrenzungen dieser Art nehmen einen erheblichen Raum ein und eine deutliche Schärfe an. Sauter meint, Freiraum für die biblische Wahrheit erst so zu gewinnen, dass er alle menschlichen Möglichkeiten ausschließt.

Es stellt sich allerdings die Frage, ob sich diesem Denkgestus nicht die eigene vorausgesetzte, ihn leitende Systematik verstellt. Sie ist vorhanden, auch wenn sie verneint wird. Noch im Gestus der Abwehr ist sie präsent. Es fragt sich, ob der Verfasser sich nicht einer negativen Anthropologie nähert.

In all dem eignet dem Text aber eine imponierende Dichte, kreisend arbeitet er sich immer tiefer in die biblische Tradition hinein und stellt dabei immer neue Facetten bekannter Texte in ein erhellendes Licht. Freilich stellt sich dem Leser auch die Frage, ob dieser Text damit nicht zunehmend einen hermetischen Charakter annimmt. Entweder einem gelingt der Sprung und man lässt sich mitnehmen in diesen beeindruckenden Glaubens- und Denkzusammenhang - in Kapitel 10 entfaltet Sauter die Bedeutung einer eigenen Glaubenssprache - oder man bleibt draußen, vor einer imponierenden, aber verschlossenen Gedankenwelt. Für mich ein lesenswertes, mit großem Gewinn zu lesendes Buch.

Gerhard Sauter: Das verborgene Leben. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011, 384 Seiten, Euro 29,99.

Friedrich Hauschildt

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