Frausein als Geburtsfehler

Über weibliche Geistliche lässt der Vatikan nicht einmal mit sich reden
Konstanz, Pfingsten 1996: Angela Berlis leitet das Abendmahl, nachdem sie zuvor zur ersten Priesterin der Alt-Katholischen Kirche geweiht worden war. Foto: epd/ Thomas Lohnes
Konstanz, Pfingsten 1996: Angela Berlis leitet das Abendmahl, nachdem sie zuvor zur ersten Priesterin der Alt-Katholischen Kirche geweiht worden war. Foto: epd/ Thomas Lohnes
In der Alt-Katholischen Kirche Deutschlands, die nach 1870 aus Protest gegen das Unfehlbarkeitsdogma entstand, amtieren seit 1996 Priesterinnen. In der römisch-katholischen Kirche ist das dagegen nicht möglich. Viele Mitglieder wären schon froh, wenn der Vatikan Frauen wenigstens zum Diakonat zulassen würde. Matthias Drobinski, Kirchenredakteur der Süddeutschen Zeitung, schildert die Diskussion, die in Deutschland seit Jahrzehnten geführt wird.

Eigentlich ist der Streit über die Frauenordination in der römisch-katholischen Kirche geklärt, länger schon, genau genommen seit dem 22. Mai 1994 - aus päpstlicher Sicht jedenfalls. An jenem Tag veröffentlichte Johannes Paul II. das Apostolische Schreiben „Ordinatio Sacerdotalis“ an alle Bischöfe der römisch-katholischen Kirche. Es betraf die „nur den Männern vorbehaltene Priesterweihe“. Letztere, so betonte der Papst, „war in der katholischen Kirche von Anfang an ausschließlich Männern vorbehalten“. Das bedeute aber keine Abwertung der Frauen, denn Jesus selber habe nur Männer zu Aposteln berufen, unabhängig von den Gebräuchen und Sitten seiner Zeit. Und auch in der Bibel fehle jeder Hinweis auf ein Weihepriestertum der Frau. Dass nur Männer zum Priester geweiht werden können, gehöre also zum freien, unmittelbaren Stifterwillen Jesu Christi.

Und dann wird der Papst deutlich: "Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben."

Basta, aus, "endgültig". Ohne offiziell ein Dogma zu verkünden, setzte Johannes Paul an jenem Maientag ein Quasi-Dogma in die Welt. Danach gehört das Männerpriestertum zum Glaubensbestand der römisch-katholischen Kirche. Dass die theologische Diskussion innerhalb der Kirche abgeschlossen ist, bekräftigte eineinhalb Jahre später die vatikanische Glaubenskongregation noch einmal: Wer das anders sieht, das anders lehrt, gar gegen das unverkündete Dogma handelt, steht damit außerhalb der katholischen Kirche, mag er nun schlechte oder gute Argumente haben.

Lücke im Schreiben des Papstes

Das erfuhren auch jene Frauen, die sich zum Pfingstfest 2002 auf einem Donauschiff zur "Priesterin" weihen ließen. Die Zeremonie, geleitet von einem brasilianischen Wanderbischof in eigenem Auftrag, hatte zeitweise die Züge einer Groteske. Aber der Vatikan nahm die Sache ernst: Joseph Ratzinger, damals Präfekt der Glaubenskongregation, exkommunizierte die Frauen.

In der römisch-katholischen Kirche können Frauen fromm sein und klug, belesen und wissenschaftlich gebildet, durchsetzungsstark und erfolgsorientiert; sie können Professorin werden, Ordinariatsrätin und Äbtissin. Aber sie behalten ihren Geburtsfehler: Sie sind weiblich. Und wer problematisiert, ob Weiblichsein ein Geburtsfehler ist, bekommt in der katholischen Kirche ein Problem.

Eine Lücke ließ das Schreiben, das Johannes Paul an die Bischöfe gerichtet hatte, freilich offen: Er klärte nicht, ob das Nein zur Priesterweihe auch das Nein zum Diakonat von Frauen einschließt. Und so konzentrieren sich seit nunmehr bald achtzehn Jahren die Diskussionen innerhalb der katholischen Kirche vor allem darauf, ob Frauen zur Diakonin geweiht werden können. Dabei ist die Idee schon alt: Schon die Würzburger Synode der deutschen Bistümer, die von 1971 bis 1975 tagte, sagte zwar Nein zum Frauenpriestertum, aber plädierte dafür, dass die Zulassungsbedingungen von Frauen und Männern zum Diakonat "soweit als möglich angeglichen werden" sollten.

Bereicherung erwartet

Die Argumente waren damals die gleichen wie heute: In den ersten christlichen Jahrhunderten waren in der Ostkirche und vereinzelt auch im Westen Diakoninnen geweiht worden. Sie spendeten zwar keine Sakramente und leiteten auch keine Gottesdienste, aber das war der rechtlosen Position der Frau in der römisch-griechischen Antike geschuldet. Trotzdem "trugen in ihrer Epoche diese Frauen wesentlich dazu bei, das Leben der Frau und der Familie mit christlichem Geist zu durchdringen", stellte die Würzburger Synode fest. Und in der heutigen pastoralen Situation lasse "die Hineinnahme der Frau in den sakramentalen Diakonat in vielfacher Hinsicht eine Bereicherung erwarten, und zwar für das Amt insgesamt und für die in Gang befindliche Entfaltung des Diakonats im Besonderen. Der Diakonat ist eine eigenständige Ausprägung des Weihesakraments, die sich theologisch und funktional vom priesterlichen Dienst abhebt."

So argumentiert heute auch die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (KFD) und mit ihr viele katholische Verbände, die im Zentralkomitee der deutschen Katholiken zusammengeschlossen sind. Die katholische Kirche könne daran anknüpfen, dass es in der frühen Kirche Diakoninnen gegeben hat, Phoebe zum Beispiel, die den Römern einen Brief des Paulus überbrachte, auch wenn ihre sakramentale Rolle unklar sei. Diakonen- und Priesteramt sind in der katholischen Kirche unterschiedliche Ämter, die Frage, ob Frauen Priester werden können, ist mit der Diakoninnenweihe also nicht berührt.

Frauen stehen in besonderer Weise für den diakonischen Auftrag der Kirche, sich den Armen, Leidenden und Schwachen zuzuwenden. "Das Amt des Diakons bildet die Nachfolge des dienenden Christus in der Ämterstruktur der Kirche ab", argumentiert die Katholische Frauengemeinschaft. Und um der Glaubwürdigkeit einer dienenden Kirche willen sei es an der Zeit, endlich Diakoninnen zu weihen.

Keine Hinweise

Aus der Sicht des Vatikan, der meisten katholischen Bischöfe Deutschlands, ja auf der Welt, sowie konservativer Theologen bedeutet das Nein von Papst Johannes Paul II. zum Priestertum der Frau auch ein Nein zum Diakonat der Frau. Sie betonen, es gebe keinen Hinweis darauf, dass die wenigen Diakoninnen, die es einst in der westlichen Kirche gab, einer Gemeinde vorstanden und Sakramente spendeten, und zwar nicht, weil das der antiken Geringschätzung von Frauen geschuldet gewesen sei, sondern weil schon die frühen Gemeinden darin den Willen Jesu gesehen hätten.

Für diese Bischöfe und Theologen ist auch das sakramentale Amt des Diakons eng mit dem sakramentalen Priestertum verbunden. Schließlich werden die angehenden Priester vor der Priesterweihe zum Diakon geweiht. Das Diakonat ist also meist die Vorstufe zum Priestertum. Und um den Armen zu dienen, brauche es kein neues Amt für Frauen. Sie hätten genügend Möglichkeiten, ihre Charismen in die katholische Kirche einzubringen. Von den historisch begründeten Argumenten her steht es zwischen Konservativen und Reformern, platt gesagt, unentschieden. Denn der Befund ist uneindeutig: Es gab zwar Diakoninnen, aber was sie genau taten, bleibt im Dunkel der Kirchengeschichte. Und dass viele Frauen den Diakonat als ersten Schritt zur Priesterweihe sehen, schwächt das Argument, dass die beiden Ämter strikt getrennt seien.

Dagegen wirkt das Argument gegen die Diakonenweihe von Frauen, es gebe schon genug Ämter in der Kirche, eher paternalistich herablassend als der Frage verpflichtet, wie die katholische Kirche Zeichen und Zeugnis in der Welt sein könnte. Ein Frauendiakonat würde zwar - vor allem - in Afrika, Asien und Lateinamerika auf Widerstand stoßen. Aber es würde den Frauen, den Trägerinnen des Religiösen, einen Weg zur Weihe öffnen. Und sie müssten ihr Geschlecht wenigstens in diesem Fall nicht als einen Geburtsfehler im sakramentalen Sinne sehen. Die Verweigerung des Frauendiakonats bringt die katholische Kirche zwar nicht zum Einsturz. Aber man kann es auch andersherum sehen: Die Zulassung von Frauen zum Diakonat würde diese Kirche genauso wenig zerstören.

Eine politische Frage

So gesehen ist es letztlich eine politische Frage, wie die katholische Kirche mit dem Diakonat der Frau umgeht. Und das macht die Debatte gegenwärtig so erbittert. Die katholischen Verbände, tausende Pfarrgemeinderäte und Millionen Katholikinnen und Katholiken spüren, dass eine als starr empfundene Kirchenleitung nur uneindeutige Argumente besitzt. Immer wieder bringt die Schar der Gläubigen, und es sind ja wirklich Gläubige, ihre Forderung vor. Und genauso reflexhaft und ritualisiert weist die Kirchenleitung diese Forderungen zurück, in dem Gefühl, hier wolle eine Art katholischer Flashmob die Säulen der Kirche zum Einsturz bringen.

Dahinter verbergen sich Fragen nach dem grundsätzlichen Weg der römisch-katholischen Kirche, ihrem Verhältnis zur Moderne und zur Tradition. Auf die Wiederholung der einen erfolgt der Rekurs auf die anderen Argumente - und am Ende der Überdruss.

Wo sind denn heute die jungen Frauen, die sich mit Eifer für einen Diakonat der Frau einsetzen, sich gar für sich selber eine Weihe vorstellen? Es gibt sie, sicher, aber sie sind seltener geworden. Denn die ewige Wiederholung der Argumente langweilt und nervt sie. Ihnen ist die Vorstellung fremd, dass der Fortschritt eine Schnecke ist und geradezu von der hoffnungslos erscheinenden Wiederholung lebt. Und sie gehen, allen wunderbaren Formulierungen kluger päpstlicher Rundschreiben zum Trotz, einfach weg. Irgendwohin, wo Frausein nicht als Geburtsfehler gilt.

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Matthias Drobinski

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