Glücksgefühle in der Kirche

Was junge Israelis erleben, wenn sie als Freiwillige nach Deutschland kommen
Von links: Rom Almog, Shir Luft und Udi Raz. Foto. Rolf Zöllner
Von links: Rom Almog, Shir Luft und Udi Raz. Foto. Rolf Zöllner
Elf Israelis sind zur Zeit in Deutschland in verschiedenen Projekten ehrenamtlich tätig. Die Hamburger Journalistin Hedwig Gafga hat drei von ihnen getroffen.

Ein israelischer Freiwilliger allein in der ostdeutschen Provinz? Da hatten die Organisatoren einige Bedenken. Aber Udi Raz gefiel Röbel am Müritzsee, die kleinen Straßen, die Fachwerkhäuser und der Weg durch die Kleingärten zum See. Er fühlte sich "wie im Film". Alles schien wie ein kleines Abenteuer: das Radfahren auf schneebedeckten Straßen, der Einkauf im Supermarkt, die Gespräche mit den Jugendlichen, die sich im "Engelschen Hof" trafen, einem Jugend- und Kulturzentrum auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge. Dabei hatte ihm der Leiter des Zentrums gleich nach der Ankunft den Notruf der Polizei mitgeteilt, für alle Fälle, falls es ein Problem mit Neonazis geben sollte. Raz lächelt: "Ich bin wohl der einzige Israeli, der bisher in Röbel war. Aber ich habe mich hier immer willkommen gefühlt." Udi Raz gehört zur ersten Gruppe israelischer Freiwilliger in Deutschland.

Seit einem Jahr arbeiten elf in Gedenkstätten, der Kinder- und Jugendarbeit und im Museum. Organisiert wird das Programm vom Freiwilligendienst "Komm-mit-Nadev", der israelische Entsendungsorganisationen und deutsche Projektpartner zusammenbringt. Die evangelische Aktion Sühnezeichen hatte seit 1961 Freiwillige nach Israel entsandt, um dort praktische Hilfe zu leisten und zur Versöhnung beizutragen. Und nun kommen israelische Freiwillige nach Deutschland - eine Zäsur. Tal Madar, Vorsitzende der Israelischen Landjugend, die sich als Entsendungsorganisation an dem Austausch beteiligt, spricht von "gemeinsamer Verantwortung für die Zukunft", aber auch davon, "dass wir noch immer um Vertrauen zueinander ringen".

Ausgerechnet Deutschland

So waren die israelischen Jugendlichen immer wieder mit der Frage konfrontiert, warum sie als Freiwillige ausgerechnet nach Deutschland gehen wollten. Und sie stellten sich diese Frage auch selbst. "Ich wollte Abstand gewinnen zu dem Stress, den ich hinter mir hatte", erinnert sich Udi Raz. In seiner Heimatstadt Haifa war er als Schüler in der Friedensbewegung aktiv. Nach der Schule ging er zur Armee. Schon als Junge habe er davon geträumt, Pilot zu werden. Mit der Realität des Militärs kam der Friedensaktivist aber nur schwer zurecht. Nach einigem Hin und Her brach er die Pilotenausbildung ab. Und er bewarb sich nach dem Militär- für den Freiwilligendienst. Ausgerechnet Deutschland - da sei wohl auch eine Portion Trotz dabei gewesen, meint Raz. Die Entscheidung hätten manche seiner Freunde als Provokation empfunden.

Im Jugend- und Kulturzentrum von Röbel hilft Raz, die Seminare von Umwelt- oder Friedensgruppen zu organisieren. Er erzählt Jugendlichen von Israel und hört ihnen zu. Worauf der 23-Jährige nicht vorbereitet war: dass die ortsansässigen Jugendlichen noch stark mit der Geschichte der DDR und der Teilung in Ost und West beschäftigt sind. Nun hörte der Israeli erstmals von waghalsigen Fluchten über die Ostsee und vom Alltag in der ddr. Über die Nazizeit hätten sie hingegen kaum miteinander gesprochen. Nur einmal, auf einer Bahnfahrt von Waren nach Berlin, habe ihm ein Jugendlicher vom Verhalten seiner Großeltern erzählt. Sie seien damals der NSDAP beigetreten, um die Tierarztpraxis des Großvaters nicht zu gefährden und unbeschadet durch diese Zeit zu kommen. "Ich bin dankbar, dass er diese Erzählung mit mir geteilt hat. Ich möchte schließlich andere Perspektiven kennenlernen, um ein vollständigeres Bild von der Zeit zu bekommen," meint Raz, dessen Großmutter den Holocaust in einem KZ in Litauen und den der Großvater in der Sowjetunion überlebe.

Bauprojekte mit Arabern

Das für Raz wichtigste Ereignis fiel bereits in die ersten Wochen seiner Freiwilligenzeit. Da reiste eine Gruppe aus Israel an, der jüdische und arabische Schüler angehörten. Für die Gruppenmitglieder wie auch für Raz, ihren Betreuer, bedeutete die gemischte Gruppe eine völlig neue Erfahrung. Zusammen mit deutschen Jugendlichen bauten sie eine Pflanzenkläranlage auf. "Juden kamen mit Arabern zusammen, Araber mit Juden. Und sie haben dann wirklich etwas Gemeinsames miteinander begonnen. Ich denke, dass diese Art von Projekt auch für Israel wichtig ist. Sie bringen viel zurück nach Israel."

In seinen Gesprächen mit den Leuten in Röbel hat Raz manchmal erwähnt, dass er schwul ist, aber "nie gefühlt, dass ich nicht akzeptiert würde", erinnert er sich. Ihm fiel jedoch auf, dass in der Kleinstadt sonst nie über das Thema gesprochen wurde. Und er sorgt sich um Teenager, die sich nicht zu ihrer sexuellen Orientierung zu bekennen wagen. "Es ist immer wichtig, darüber zu reden. Und hier ist keine einzige Stimme zu hören, die etwas darüber sagt." Zusammen mit einer älteren Frau, mit der sich Raz in Röbel angefreundet hat, würde er gern einen Workshop über das Comingout veranstalten. Aber er muss sich beeilen. Denn bald will er in Tel Aviv Soziologie studieren.

Shir Luft fühlte sich in Frankfurt am Main in den ersten Tagen verloren. Auf der Suche nach der richtigen U-Bahnstation irrte sie in der Stadt herum. Die 25-Jährige hatte Heimweh nach ihrer Familie und vermisste die Atmosphäre in Israel. Und Deutsch zu lernen, fiel ihr auch schwer - zumal sie die Sprache nicht mochte. Aber bald stellte sie fest, dass sie allein zurechtkommen kann, und mit der Zeit hat ihr die Stadt immer besser gefallen. "Ich fühlte mich schnell wie zu Hause", erinnert sich Luft. "In Frankfurt leben viele Juden, und ich lerne viele von ihnen kennen, weil ich im Kindergarten in der jüdischen Gemeinde arbeite."

Im Land der Großmutter

Für den Freiwilligendienst hatte sie sich beworben, weil sie sich neu orientieren wollte. Sieben Jahre lang hatte sich die lebenslustige Frau mit den langen schwarzen Haaren in der Jugendbewegung in Haifa engagiert, war oft mit Gruppen unterwegs, organisierte Besichtigungen und feierte mit ihrer Gruppe jeden Freitagabend Sabbat. Zwischendrin leistete sie zweieinhalb Jahre Dienst bei der Armee, freiwillig ein halbes Jahr länger als für Frauen vorgeschrieben. Doch dann wollte sie etwas Neues beginnen.

Lufts Großmutter war in der Nazizeit aus Deutschland nach Palästina geflohen. In Freiburg hatte die Familie ein Haus besessen. Mit ihrer Enkelin sprach die Großmutter nie über die Zeit vor ihrer Flucht. Nur die Eltern erzählten davon. Luft besitzt einen deutschen Pass. "Ich war neugierig", sagt sie. "Ich wollte das Haus meiner Großmutter in Freiburg sehen, die deutsche Kultur kennenlernen. Ich liebe Israel von ganzem Herzen, und ich könnte mir nicht vorstellen, hier zu leben.", betont sie, "aber für eine Zeit kann so ein Aufenthalt eine Chance sein."

Jüdischer und offener geworden

"Wie könnt ihr hier sein, und nicht in Israel?", habe sie Freunde in der jüdischen Gemeinde oft gefragt. Aber Juden, die in Deutschland leben, verurteilt sie nicht. "Wenn du jemanden kennenlernst oder einen tollen Job hast, kann das ein Grund sein", meint sie und fügt nachdenklich an: "Meine Großmutter kam nach dem Krieg oft hierher."

In Frankfurt sei sie einerseits jüdischer geworden und gleichzeitig offener für Fremde. "In Israel gehe ich nie in die Synagoge, nur zu ganz besonderen Anlässen. In Israel fühlst du den Sabbat, alle Geschäfte sind geschlossen, die Busse fahren nicht. Wenn du hier der jüdischen Gemeinschaft nahe sein willst, gehst du in die Synagoge." Mit nichtjüdischen Familien ist Luft in Frankfurt nicht näher in Kontakt gekommen. Stattdessen lernte sie in den Deutschkursen Leute aus aller Welt kennen, "aus Indien, dem Iran oder Ägypten. Deutschland ist sehr offen, das habe ich genossen." Diesen Menschen, meint sie, hätte sie in Israel nicht begegnen können. Aber sie sagt auch: "In Israel sind die Menschen einander näher, es herrscht ein warmherziger Umgang. Hier lebt dagegen jeder für sich allein." Doch die persönliche Bilanz der Freiwilligenzeit fällt positiv aus: "Ich habe viel über mich gelernt und gelernt, die notwendigen Dinge zu regeln. Ich weiß, dass ich unabhängig sein und etwas schaffen kann."

Begeistert von der Orgel

Rom Almogs Vorfahren waren von Nordafrika nach Israel gekommen. Seine Mutter arbeitet als Traumatherapeutin, der Vater als Verwaltungsangestellter. Almog besuchte in Israel eine Schule, deren Schwerpunkt auf Musik und Kunst ausgerichtet war. Dort lernte er klassische Musik kennen. Besonders deutsche Komponisten hatten es ihm angetan, Bach, Händel, Brahms - und auch Wagner. Es war ausgerechnet die Orgel, die ihn wegen ihrer Klangfülle und Vielseitigkeit von allen Instrumenten am meisten begeisterte. Immer wieder suchte er nach Gelegenheiten, auf der Orgel zu spielen. Das sei nicht ganz einfach gewesen, denn in Israel "gibt es Orgeln nicht an jeder Ecke", meint Almog. Ab und zu durfte er in einer Jerusalemer Kirche spielen. Durch die Musik begann er, sich für das Land seiner Lieblingskomponisten, zu interessieren, und er brachte sich mit Hilfe eines Sprachkurses der Deutschen Welle Deutsch bei.

Das Leben in Europa wollte er noch aus einem anderen Grund kennenlernen. "Es war für mich immer schwierig, in der israelischen Gesellschaft zurechtzukommen", sagt der 20-Jährige. Die Angst vor Anschlägen sei immer gegenwärtig. Und ihn stört, dass Araber in der israelischen Gesellschaft einen schlechteren Status hätten als Juden. Den Armeedienst, zu dem junge Leute in Israel verpflichtet sind, trat Almog nicht an, sondern ließ sich aus gesundheitlichen Gründen davon befreien. Eltern und Geschwister kamen damit nur schwer zurecht. Seine Schwester habe geklagt, sie könne nicht glauben, dass ihr Bruder ein "Mischtamet" sei, einer, der vor seiner Pflicht davonlaufe. Doch Almog blieb bei seiner Haltung und bewarb sich für den Freiwilligendienst in Deutschland.

Dass er in der Gedenkstätte Buchenwald landete, war Zufall. Denn die Freiwillige, die dafür vorgesehen war, hatte kurzfristig abgesagt. Und Almog fand sich am richtigen Ort wieder. In Buchenwald lernte er, dass es Opfergruppen gab, von denen er im Geschichtsunterricht kaum etwas gehört hatte: Sozialdemokraten, Kommunisten, Sinti und Roma, Schwule und Zeugen Jehovas. Dem Israeli ist wichtig, dass alle Opfer beachtet werden: "Ich sehe das als einen Zweck in meiner Arbeit hier, dass Leute, die hierher kommen und einen Rundgang mit mir machen, verstehen: Es gab noch andere Opfer in dieser Zeit."

Fahrt nach Polen

Aufmerksam verfolgt er, wie Deutschland mit der NS-Zeit umgeht. In Weimar, wo Almog mit anderen Freiwilligen in einer Wohngemeinschaft wohnt, finde er keinerlei Hinweise auf die NS-Zeit, kritisiert er. Und dass die Deutschen die Vergangenheit zu wenig mit heute in Verbindung brächten. "Das wird angesehen, als wäre es auf einem anderen Planeten passiert. Man sagt: Die Nazis waren Psychopathen. Wenn sie Psychopathen waren, dann brauchen wir uns um die Menschenrechte eigentlich nicht zu kümmern. Die Psychopathen werden schon nicht zurückkommen. Aber leider ist das nicht der Fall. Sie waren Menschen."

Auf einer Fahrt nach Polen habe er erlebt, dass Pädagogen mit allen Mitteln versucht hätten, Entsetzen zu erzeugen. Solche "Trauma-Pädagogik" lehnt Almog ab. Mit der eher nüchternen Art, wie in der Gedenkstätte Geschichte vermittelt wird, kommt der junge Israeli hingegen gut zurecht. Und so kann er sich mit der Arbeit identifizieren: "Wenn eine Gruppe in die Gedenkstätte kommt, versuchen wir, mit Originaldokumenten von der SS zu arbeiten, oder mit Fundstücken. Wir wollen denen ermöglichen, ein eigenes Verständnis zu entwickeln." Die Dokumente und die Berichte von Opfern und Tätern, so glaubt er, sprechen für sich: "Die Kinder sind nicht dumm. Sie verstehen: Wenn jemand nur eine bestimmte Menge Essen bekommt, und viele Stunden schwer arbeiten muss, ist es nicht einfach. Und wenn so viele Leute dabei sterben, kann es nicht gut sein."

In der Weimarer Jakobskirche, in der Johann Wolfgang von Goethe und Christiane von Vulpius heirateten, darf Almog auf der Orgel üben. "Sie haben mir einfach den Kirchenschlüssel gegeben, das finde ich ganz toll", sagt er begeistert. Denn "ich mag Orgel, ich mag den Sound, diese Sorte von Musik". Er schließt die Tür zu der Barockkirche auf und intoniert ein Stück von Händel. "Mit den Händen kenne ich mich gut aus", lacht der junge Mann, "aber die Füße …" Dann klettern wir hinauf in den Glockenturm.

Shoppen ohne Taschenkontrolle

In Weimar fehlt Almog eine lebendige Jugendszene. "Was ich vermisse: In Tel Aviv kann ich zu jeder Tages- und Nachtzeit in ein Jugendrestaurant gehen und einen Kaffee trinken." Viele Stunden verbingt er täglich in Facebook und beim Schreiben von E-Mails. In der Nutzung des Internet findet Almog die Deutschen ein bisschen zurückgeblieben. Er wünschte sich, dass man wie in Israel an jeder Ecke mit seinem Laptop ins Netz gehen könne. Und merkwürdig berührt ihn, wenn Leute ihm Fragen zur jüdischen Religion stellen und stillschweigend voraussetzen, dass er ein gläubiger Jude sei. Denn um solche Fragen zu beantworten, müsse er selbst in einer Enzyklopädie nachschauen.

Almog möchte in Deutschland in Ingenieurswissenschaften studieren. Er schätzt, dass hier nicht Sicherheitskontrollen den Alltag bestimmen und erschweren: "Hier kann ich zu H&M einfach reingehen, ohne dass jemand deine Tasche öffnet. Das macht mich ein bisschen fröhlicher hier."

Hedwig Gafga

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