Der Anti-Matussek

Ungewöhnliche Theologie statt lobender Hymnen
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Egbert Höflichs Buch stellt eine erste Hauptfrage: Wie kann man glauben, ohne die Vernunft zu verraten? Zur Antwort geht der Autor einen langen ideologiekritischen Weg.

Egbert Höflich ist ein alter Katholik, der sich ein Leben lang an seiner Kirche wund gerieben hat; der seinen Katholizismus liebt - und darum so streng mit ihm streitet. Er ist sozusagen ein Anti-Matussek (siehe zz 8/2011) im Umgang mit seiner Kirche. Er liebt sie wohl mehr als der hymnische Matussek, weil er sich mit ihrem gegenwärtigen Zustand nicht abfindet. Seine Kritik sucht die Mitte des Glaubens.

Das Buch stellt eine erste Hauptfrage: Wie kann man glauben, ohne die Vernunft zu verraten? Zur Antwort geht Höflich einen langen ideologiekritischen Weg. Er fragt: Welche Interessen, welche historischen Situationen und welche Lebenshorizonte haben zu welchen Glaubensaussagen geführt? Er erläutert und befreit Glaubensaussagen, indem er nach ihren historischen Bedingungen sucht. Dies ist bei ihm kein reduktionistisches Verfahren, so dass am Ende nur eine knappe Summe von verstehbaren Sätzen bliebe. Höflich sucht also keine falsche Versöhnung zwischen Glaube und Intellekt. Er reinigt die Sätze des Glaubens von ihrer historischen Bedingtheit, und er lässt ihnen zugleich ihr Geheimnis. Mit diesem Interesse fragt er nach den Theologien der neutestamentlichen Schriftsteller, nach dem Selbstverständnis der frühen Gemeinden und dem Entstehungsort der Kirche.

Misstrauen gegen einfache Erzählungen

Fast sperrig steht in der Mitte des Buches im Rahmen seiner Überlegungen zur Eschatologie ein langes Kapitel zu den Fragen von Tod, Zeit und Ewigkeit. Es ist ein schweres Kapitel, und es ist ein mutiger Abschnitt. Hier kommt der Aufklärer Höflich - er ist es in jedem Abschnitt seines Buches - an das Ende seiner Aufklärung, aber nicht an das Ende der Sprache. Bei der Frage der Bergung des Individuums nach dem Tod geht Höflich zunächst einen langen philosophischen Weg, für den er sich hauptsächlich Plotin, Boethius und Nikolaus von Kues als Zeugen sucht. Auferstehung versucht er als gedankliche Möglichkeit zu begreifen. Ein Misstrauen gegen die großen und einfachen Erzählungen von einem Leben durch den Tod hindurch erkennt man bei ihm, wenn er schreibt, die neutestamentlichen Schriftsteller seien "auf die anthropomorphen Vorstellungen einer narrativen Theologie angewiesen", weil sie mit der griechischen Metaphysik nicht vertraut waren. Das ist zu gering gedacht vom Mythos und von den Bildern. Aber - zum Glück - stehen am Ende doch wieder einfache anthropomorph-narrative Sätze wie dieser: "In Gott geht nichts verloren." Die Flucht in die Bilder und in eine narrative Sprache bleibt auch für ihn, den Aufklärer, die einzige Möglichkeit vor dieser letzten Frage.

Im letzten, kirchenkritischen Teil fragt Höflich nach den Grundzügen einer Institution, die einen verantworteten Glauben der Subjekte zulässt. Er fordert eine dialogische und nicht-autoritäre Sprache, einen Pluralismus der Theologien, eine ökumenische Kirche, das Recht der Frauen in der Kirche, einen entklerikalisierten Gottesdienst, Mystik gegen eine Rechtgläubigkeitsneurose und schließlich das Recht anderer Glaubenswege als des christlichen allein. Dieser Teil ist nicht frei von Wiederholungen. Ich frage mich, ob Egbert Höflich hier nicht einige Probleme von gestern traktiert. Aber es ist nun einmal so, dass Menschen sich in unseren Kirchen oft mit Puppenfragen beschäftigen müssen, obwohl die Welt längst an anderen Stellen brennt.

Egbert Höflich: Was kann ich glauben? Gedanken zur Zukunft der Kirche. Radius Verlag 2011, 141 Seiten, Euro 15,-.

Fulbert Steffensky

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