Also, ich jetzt auch

Katharina Zell, Predigerin und Kirchenmutter der Reformationszeit
Katharina Zells Trostbrief an Felix Armbruster, Titelblatt 1558. Foto: Archiv
Katharina Zells Trostbrief an Felix Armbruster, Titelblatt 1558. Foto: Archiv
Eine unerschrockene Frau und fast schon eine feministische Theologin: Katharina Zell hielt nicht viel von dem Verdikt des Paulus, Frauen sollten in der Gemeinde schweigen. Konventionen ignorierte sie, wo sie sie für falsch hielt, und den Mund ließ sie sich erst recht nicht verbieten: Sonja Domröse über eine eindrucksvolle Frauengestalt aus der Reformationszeit.

Oft genug hielt sie sich nicht an Konventionen: "Ich bin, seit ich zehn Jahr alt, eine Kirchen-Mutter, eine Ziererin des Predigtstuhls und Schulen gewesen", das sagte Katharina Zell von sich, eine selbstbewusste Bürgerin der Freien Reichsstadt Straßburg. Sie lebte im 16. Jahrhundert und prägte nicht nur die Reformation ihrer Heimatstadt, sondern hinterließ mit ihren zahlreichen Schriften Spuren bis in unsere Zeit.

Ihr besonderes Interesse galt dem theologischen Disput. In ihren Briefen und Auslegungen setzte sie sich immer wieder mit der Bibel auseinander. Sie konnte aber auch tatkräftig zupacken. Als wieder einmal Glaubensflüchtlinge nach Straßburg kamen, organisierte sie für 150 der Flüchtigen eine Unterkunft. Allein achtzig von ihnen brachte sie in ihrem eigenen Haus unter, einem Pfarrhaus. Denn mit 26 Jahren hatte sie den evangelischen Prediger und ehemaligen Mönch Matthäus Zell geheiratet. Aber sie hatte auch den Mut, soziale Missstände öffentlich zu kritisieren.

Rauchende Briefe

Schon mit ihrer Hochzeit begann sie, selber Schriften zu verfassen und zu veröffentlichen, denn als Matthäus Zell und Katharina Schütz 1523 heirateten, war die Eheschließung von ehemaligen Mönchen noch ein Skandal, und Katharina sah sich genötigt, ihre Hochzeit wortgewaltig zu verteidigen. Kein Geringerer als der katholische Bischof von Straßburg hatte Matthäus Zell und mit ihm weitere Geistliche, die geheiratet hatten, exkommuniziert. Durch päpstlichen Bann wurden sie aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen.

Wie in all ihren Werken tritt Katharina bereits in dieser ersten Schrift als eine selbstbewusste und couragierte Frau auf, die gewandt ist im Schreiben, und deren Umgang mit der Heiligen Schrift auf eine große Vertrautheit mit der Bibel schließen lässt. Beides, ihr Mut wie ihre bibelfeste Argumentation, werden bereits in dieser ersten Schrift, ihrer "Entschuldigung" offenbar. Unter dem Titel "Entschuldigung Katharina Schützin, für Matthes Zellen, ihren Ehegemahl, der ein Pfarrer und Diener ist im Wort Gottes zu Straßburg, von wegen großer Lügen auf ihn erdicht" gibt sie diese Schrift in Druck. Katharina schreibt, sie habe dem Bischof "rauchende Briefe" geschickt, und dieser beschwerte sich beim Rat der Stadt Straßburg über das Schreiben "eines heißen Inhalts". Was nun ist hier zu lesen?

Für die Priesterehe

Katharina verteidigt in ihrem Brief ihre Eheschließung und setzt sich gegen üble Nachrede zur Wehr. Matthäus Zell sei ihr ein liebender Ehemann so, wie sie ihm eine liebende Ehefrau, beide seien "nie kein Viertelstund uneins gewesen". Sie wehrt sich aber nicht nur gegen Verleumdung, sondern geht direkt zum frontalen Angriff gegen die angeblich zölibatär lebenden katholischen Geistlichen über, von denen nicht selten, so Katharina, sieben Frauen gleichzeitig schwanger seien. Und sie setzt sich mit den paulinischen Worten zum Schweigegebot der Frauen auseinander: "Paulus sagt: Die Weiber sollen schweigen. Antworte ich: Weißt aber nicht auch, dass er sagt, Galater 3: In Christus ist weder Mann noch Weib; und dass Gott im Propheten Joel sagt im 2. Kapitel: Ich werde ausgießen von meinem Geist über alles Fleisch und eure Söhne und Töchter werden weissagen etc. Und weißt auch, da Zacharias ein Stummer ward, hat Elisabeth die Jungfrau Maria gebenedeit."

Gemäß dieser Maxime, dass Frauen sehr wohl ein Recht haben, sich theologisch zu äußern und in der Kirche ihre Stimme zu erheben, verfasst Katharina Zell immer wieder eigene Schriften, gibt ein Liederbuch heraus und steht mit etlichen Reformatoren ihrer Zeit in regem Briefwechsel. Sie scheut sich dabei nicht, Martin Luther zu kritisieren, und disputiert mit ihm über das rechte Verständnis zum Beispiel des Abendmahls.

Durch ihre Heirat mit Matthäus Zell war Katharina eine der ersten evangelischen Pfarrfrauen geworden. Ihr ging es vom Beginn ihrer Ehe an um Gottes Wort und den Aufbau der Gemeinde. So konnte sie von sich sagen, "dann ich auch den Predigt-Stuhl zu Straßburg haben helfen bauen", und mit Stolz berichtet sie, ihr Mann habe sie seinen "Helfer" genannt, was nach damaligem Wortgebrauch nichts anderes als einen Hilfsprediger meint.

Rede am Grab

Eigene Glaubenszweifel mögen Katharina angesichts ihrer Kinderlosigkeit überkommen haben. Sie schenkte zwar zwei Kindern das Leben, aber keines überlebte das Säuglings- und Kleinkind alter. Wie sie in einem Brief schrieb, deutete sie dieses Los als göttliches Zeichen und Strafe für ihre Sünden. Dieser innere Druck mag einer der Gründe für ihr unermüdliches Arbeiten und Wirken gewesen sein.

Als im Januar 1548 ihr Mann stirbt, ergreift die 51-Jährige nach der Grabrede des Pfarrers als Witwe selbst das Wort und wendet sich an die Gemeinde. Sie belässt es aber nicht nur bei dieser ersten öffentlichen Predigt ihrerseits, sondern gibt darüber hinaus noch eine Schrift zum Gedenken ihres Mannes heraus. Da die Predigt am Grab ihres Mannes bereits für Unmut gesorgt hatte, betont sie in ihrer Einleitung, dass sie sich nicht in das Amt des Predigers oder des Apostels stellen möchte, "sondern allein wie die liebe Maria Magdalena ohne Vorbedacht ihrer Gedanken zu einer Apostelin ward und vom Herrn selbst gedrungen den Jüngern zu sagen, dass Christus auferstand wäre und zu seinem und unserem Vater aufgestiegen, also ich jetzt auch".

Sie erinnert die Gemeinde daran, wie ihr Mann "mit viel großer Sorg und Gefahr seines Lebens tapfer und fröhlich gepredigt und gelehrt habe" und sie in 25 Jahren Ehe "seine Gehilfin nach ihrem Maß und Vermögen auch im Amt und Dienst" gewesen sei. Über ihren Mann, der von allen Straßburger Reformatoren der liberalste - auch im Umgang mit den Täufern - war, schrieb Katharina: "Also hat auch mein frommer Mann selig Matthäus Zell so oft geredet in seinem Leben, wer Christus für den wahren Sohn Gottes, und einzigen Heiland aller Menschen glaube und bekenne, der solle Teil und Gemeinschaft an seinem Tisch und Herberge haben, er wolle auch Teil und Gemeinschaft mit ihm in dem Himmel haben."

Tolerante Einstellung

Von Katharinas ebenfalls toleranter Haltung, von der nicht wenige vermuteten, dass sie die eigentlich treibende Kraft hinter der liberalen Einstellung ihres Mannes war, zeugen auch ihre anrührenden Besuche bei Melchior Hoffmann. Er war einer der unruhigsten unter den Täufern und einer Prophezeiung wegen nach Straßburg gekommen, denn er erwartete dort in Kürze die Wiederkunft Christi. Hoffmann wurde verhaftet und blieb bis zu seinem Lebensende zehn Jahre lang im Gefängnis. Katharina stimmte seiner Lehre nicht zu, aber sah es als einen Akt der Nächstenliebe an, den quasi lebendig Begrabenen zu besuchen.

Noch zweimal hat Katharina öffentlich an einem Grab gepredigt. Beide Male am Sarg von Frauen, die kein lutherischer Pfarrer beerdigen wollte, da sie der Täuferbewegung angehörten. Denn Katharina Zell sah die Not und Bedrängnis, in die die Täufer auch von Seiten der lutherischen Glaubensstreiter geraten waren: "Nun die armen Täufer, da ihr so grimmig, zornig über sie seid, und die Obrigkeit allenthalben über sie hetzt wie ein Jäger die Hund auf ein wildes Schwein und Hasen, die doch Christus den Herrn auch mit uns bekennen im Hauptstück, darinnen wir uns vom Papsttum getrennt haben, über die Erlösung Christi ... und viel unter ihnen bis in das Elend, Gefängnis, Feuer und Wasser bekannt haben."

So lautete ihre Auffassung. Damit begegnet sie uns, fünfhundert Jahre nach den Glaubenskämpfen, als eine moderne und liberale Theologin.

Im Sommer des Jahres 2010 fand in Stuttgart ein historischer Akt statt. In einem Bußgottesdienst versöhnten sich der Lutherische Weltbund und die Mennonitische Weltkonferenz, ein Zusammenschluss der evangelischen Gemeinden, die aus der Täuferbewegung hervorgegangen sind. Vorausgegangen war diesem Bußgottesdienst ein einstimmig verfasstes Schuldbekenntnis der Lutheraner gegenüber den Mennoniten. In der Erklärung heißt es, die lutherischen Kirchen empfänden "tiefes Bedauern und Schmerz über die Verfolgung der Täufer durch lutherische Obrigkeiten und besonders darüber, dass lutherische Reformatoren diese Verfolgung theologisch unterstützt haben. Im Vertrauen auf Gott, der in Jesus Christus die Welt mit sich versöhnte, bitten wir deshalb Gott und unsere mennonitischen Schwestern und Brüder um Vergebung für das Leiden, das unsere Vorfahren im 16. Jahrhundert den Täufern zugefügt haben, für das Vergessen oder Ignorieren dieser Verfolgung in den folgenden Jahrhunderten und für alle unzutreffenden, irreführenden und verletzenden Darstellungen der Täufer und Mennoniten, die lutherische AutorenInnen bis heute in wissenschaftlicher oder nichtwissenschaftlicher Form verbreitet haben."

Couragierte Kritik

Zu dieser Einsicht war eine Frau wie Katharina Zell bereits fünfhundert Jahre zuvor fähig. 1558 veröffentlichte sie ihr letztes Werk: Einen Trostbrief an Felix Armbruster mit einer Auslegung des 51. Psalms sowie des Vaterunsers. Felix Armbruster war ein ehemals hochangesehenes Ratsmitglied. Nun war er vom Aussatz befallen und lebte vor den Toren Straßburgs als Ausgestoßener. Einige Jahre zuvor hatte Katharina Schütz sich bereits aufopfernd einem anderen Kranken zugewandt, einem Neffen, mit dem sie gemeinsam einige Zeit in einem "Blatternhaus" lebte. Über die katastrophalen Zustände in diesem Hospiz beschwerte sie sich in einem vernichtenden Bericht an den Rat der Stadt. Neben der couragierten Kritik der sozialen Missstände machte sie aber auch ganz praktische Vorschläge.

Nicht nur eine materielle Versorgung der Kranken lag ihr dabei am Herzen, sondern sie forderte auch, dass es eine geistliche und seelsorgerliche Betreuung der Kranken geben müsse: "Es sollte aber einer am Morgen da sein, das Evangelium zu sagen oder zu lesen und mit ihnen beten ... Am Morgen ist jeder Mensch geschickter, andächtiger und das Herz empfänglicher für göttliche Dinge ... Es kommen (Leute) hinein, die das Vaterunser nicht können beten." Hier wird noch einmal deutlich, dass sowohl Katharina wie auch ihr Mann Matthäus Zell zeitlebens daran mitgearbeitet ha ben, die sozialen Bedingungen in Straßburg zu verbessern sowie für eine allgemeine Bildung und die Einführung eines Schulwesens zu sorgen. Katharina Zell machte darüber hinaus den Vorschlag, dass es neben einem Hausvater in einem Hospiz auch eine Hausmutter geben müsse. Damit regte sie ein Diakonenamt für Frauen an, doch dieser Vorschlag wurde nicht weiter verfolgt.

Aus heutiger Sicht finden sich in Katharina Zells theologischem Werk bereits Ansätze zu dem, was feministischer Theologie wichtig ist. So las sie die Bibel bewusst aus der Perspektive einer Frau, wie ihre theologischen Auseinandersetzungen mit den paulinischen Schriften deutlich machen. Sie achtete auf das Auftreten von Frauen in der biblischen Botschaft und bezog sich in ih rem Handeln auf sie. Nicht nur Maria Magdalena, die Apostelin, war ihr ein Vorbild, auch Frauen wie die Mutter Jesu und deren Cousine Elisabeth. Aber auch alttestamentliche Figuren wie Judith und Abigail, die sich bei David für ihren Mann Nabal einsetzte, waren für sie weibliche Leitbilder. Und in ihrer Auslegung des Vaterunsers nimmt sie Bezug auf weibliche Gottesbilder, denn Gott könne auch mit einer Frau verglichen werden, die die Schmerzen der Geburt und die Freude, ein Kind zu stillen, kennt. So ist sie, die 1562 starb, wahrhaftig eine Kirchen-Mutter gewesen, die nicht nur aktiv am Aufbau der evangelischen Kirche in Straßburg beteiligt war, sondern darüber hinaus in der Öffentlichkeit in Wort und Tat für das Evangelium eintrat. Dabei setzte sie für Frauen neue Akzente und lebte vor, wie eine gleichberechtigte Beteiligung von Frauen und Männern im Dienst der Kirche gestaltet werden könnte.

Sonja Domröse

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