Kühles Feuer

Musik des Nordens
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Es ist ein Segen, dass Gustavo Dudamel von seiner musikalischen Intelligenz zur Weltenbummelei verführt wird, dass er getrieben ist, neue Kontinente zu erkunden.

Man hätte nicht unbedingt erwartet, dass es ihn in den hohen Norden ziehen würde: Schließlich ist Gustavo Dudamel in den vergangenen Jahren zum Inbegriff südamerikanischer Pult-Energie geworden. Als Leiter des Símon Bolívar Youth Orchestra of Venezuela, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, mittellosen Jugendlichen zu einer herausragenden musikalischen Ausbildung zu verhelfen, hat er einen Siegeszug rund um den Globus angetreten - glücklich, wer eines dieser rauschhaften Konzerte live erleben konnte. Inzwischen dirigiert der 1981 geborene Virtuose mit der unschlagbar guten Laune die großen Klangkörper der Welt, ist Musikdirektor des Los Angeles Philharmonic Orchestras - und der Göteborger Symphoniker.

Die 3-CD-Box mit Live-Einspielungen dieser schwedisch-venezuelanischen Liaison dokumentiert jetzt mit Verve, dass man sich hüten sollte, Dudamel in die Schubladen der Nationalklischees zu stecken. Noch am wenigsten überrascht bei seinem Vorstoß in kühlere Regionen, dass er hervorragend zurechtkommt mit der zweiten Sibelius-Sinfonie - mit weiten Klangpanoramen und euphorischen Hymnen.

Ein Ereignis ganz anderer Art aber sind die herausfordernden Sinfonien Vier und Fünf des Dänen Carl Nielsen, den man hierzulande nach wie vor kaum zur Kenntnis nimmt. Beide Werke kreisen um die Trauma-Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und werden unter Dudamels zupackender wie subtil ausdeutender Zwischenton-Erkundung zum fesselnden Wechselspiel der Extreme: Hin- und hergeworfen wird der Hörer zwischen lyrischer Versenkung und gewaltigen Entladungen, zwischen duellierenden Paukenschlägen und einer mitreißenden Anrufung des "unauslöschlichen Willens zum Leben". So heißt sie dann auch, Nielsens grandiose Vierte: "Das Unauslöschliche".

Die Göteborger beweisen sich als Traditionsorchester ersten Ranges, die Aufnahmequalität ist von schönster Transparenz und Dringlichkeit, und Dudamel triumphiert dann auch noch mit einem der anspruchsvollsten Brocken der Sinfoniegeschichte: Bruckners unvollendete Neunte zeigt sich in einer vergeistigten Pracht, die ohne jede Effekthascherei auskommt. Überaus intensiv ist diese spirituelle Reise, aufs Höchste gespannt und doch erfüllt von souveräner Erhabenheit. Es ist ein Segen, dass Dudamel von seiner musikalischen Intelligenz zur Weltenbummelei verführt wird, dass er getrieben ist, neue Kontinente zu erkunden. Sein Klangfeuer jedenfalls geht in der Kälte nicht verloren, es strahlt nur umso klarer.

André Mumot

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