Verständigung auf dem Schloss

"Trieglaff" lässt versunkene Lebenswelten lebendig werden
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Der Historiker Rudolf von Thadden hat sich mit einem versierten Gang durch die Geschichte des Gutes "Trieglaff" auch auf die Spurensuche seiner eigenen Familie begeben. Das Ergebnis ist ein besonderes Geschichtsbuch.

Manchmal spielt der Zufall eine nicht unwesentliche Rolle - auch in der Geschichte. Als der Historiker Rudolf von Thadden, der letzte noch in Trieglaff geborene Thadden, auf Spurensuche nach ehemaligen Trieglaffern in Amerika war, wohin sie als arme Landarbeiter im 19. Jahrhundert ausgewandert waren, lernte er in Wisconsin eine hundertjährige Frau kennen. Zum Abschied gab sie ihm einen Karton mit auf den Weg, einen Karton voller Briefe der ehemaligen Auswanderer von und nach Trieglaff. "Nehmen Sie sie mit", sagte sie, "hier kann doch keiner die deutsche Schrift" - sie meinte die Sütterlinschrift.

So entstand, nach gründlichem weiterem Quellenstudium, wie es von einem Historiker nicht anders zu erwarten ist, das Buch Trieglaff von Rudolf von Thadden. Es ist die 150-jährige Geschichte ei­ner pommerschen Familie mit nicht geringem Landbesitz, bedeutenden Vor­fahren, einer eigenen Frömmigkeitstradition, einem über Generationen währenden gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstsein, immer wie­der aber auch mit Mut zum Widerspruch und Widerstand und nicht im Gleichklang des üblichen Thron- und Altar-Bündnisses. Im Schloss in Trieglaff verkehrten Otto und Johanna von Bismarck, der konservative Politiker Ernst Ludwig von Gerlach ebenso wie der spätere preußische Ministerpräsident Georg Michaelis. Man war gebildet und fromm, konservativ, und trotzdem neuen Entwicklungen nicht verschlossen.

Im Mittelpunkt des Handelns blieb Trieglaff

Der Mittelpunkt allen Handelns blieb Trieglaff: in Zeiten der Entfeudalisierung und der damit verbundenen Ab- und Auswanderung von Landarbeitern, deren Nachkommen bis in die Gegenwart die Verbindung zu den Thaddens halten. Aber auch in Zeiten des politischen Umbruchs, als - unter dem späteren Kirchentagspräsidenten Reinold von Thadden - Trieglaff zu einem Zentrum der Bekennenden Kirche wurde, im deutlichen Gegensatz zu den von den Nationalsozialisten unterstützten Deutschen Christen.

Die Zeiten forderten ihren Tribut. Eine Schwester Reinold von Thaddens, dem Vater von Rudolf, wurde 1944 von den Nazis hingerichtet, drei Söhne fielen im Zweiten Weltkrieg, bei Kriegsende wurde Reinold von Thadden ans Eismeer verschleppt, der Besitz ging verloren, denn Trieglaff gehörte nun zu Polen. Nach seiner Rückkehr fügte Reinold von Thadden als einziger seiner Familie seinem Namen "Trieglaff" hinzu. Eine Geschichte schien endgültig abgeschlossen zu sein.

Aber es gibt, wie gesagt, Zufälle: Mitten im neuen Teil Polens zog bis 1948 in das Trieglaffer Schloss die sowjetische Militärkommandantur ein und rettete es dadurch wohl vor dem Untergang. Wer heute Trieglaff im Kreis Greifenberg sucht, findet Trzyglów in der Wojwodschaft Gryfice. Dort scheint die Zeit irgendwie stehen geblieben zu sein. Es gibt noch den Gutskomplex mit den großen Scheunen und Stallungen, und am First prangt das Thaddensche Wappen, es gibt das Schloss mit der Eingangshalle und dem schönen Blick auf den großen See, der zum Anwesen gehört.

Die Geschichte geht weiter

Ein Deutscher aus Niedersachsen bewirtschaftet heute das Gut. Im Park wurde ein Lapidarium errichtet, Steine von den zerstörten Gräbern zusammengetragen und 2002 eine Grabplatte eingeweiht mit der Inschrift in deutscher und polnischer Sprache: "Zur Erinnerung an viele Generationen deutscher Trieglaffer, die hier lebten und glücklich waren. Und mit guten Wünschen für das Wohlergehen derer, die heute in Trieglaff ihre Heimat haben. Pax vobis." Fünf Jahre später, 2007, trafen sich Deutsche, Polen und über sechzig Nachfahren der einst ausgewanderten Natzkes, Langes und Wangerins aus den USA in Trieglaff und anschließend im Schloss Genshagen bei Potsdam.

Trieglaff ist ein besonderes Geschichtsbuch, eine Lektion in deutscher Geschichte ebenso wie ein Geschichtenbuch, das deutlich werden lässt, wie groß nicht nur die materiellen Verluste sind, die Nazizeit und Krieg mit sich brachten. Auch eine ganz besondere Kultur scheint verloren gegangen zu sein: die im christlichen Glauben verankerte Verantwortung für das Gemeinwesen, Staat und Menschen gleichermaßen. Tröstlich ist, dass bei allen Verlusterfahrungen auf beiden Seiten der Wille zur Verständigung und zu einer neuen Form des Miteinander stärker ist als die geographische Grenzziehung. So ist die Geschichte von Trieglaff noch nicht zu Ende.

Rudolf von Thadden: Trieglaff. Eine pommersche Lebenswelt zwischen Kirche und Politik 1807-1948. Wallstein Verlag, Göttingen 2010, 296 Seiten, EUR 24,90.

Carola Wolf

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