Aufs Spiel gesetzt

Chancen und Gefahren von Gottesdiensten nach Unglücksfällen und Naturkatastrophen
Rettungskräfte beim Gedenkgottesdienst nach dem Unglück bei der Loveparade in Duisburg (Foto: dpa).
Rettungskräfte beim Gedenkgottesdienst nach dem Unglück bei der Loveparade in Duisburg (Foto: dpa).
Nach dem Unglück bei der Loveparade in Duisburg, den Amokläufen in Erfurt und Winnenden und dem ­Tsunami in Thailand strömten Hinterbliebene, ­andere Betroffene und Politiker in Gottes­dienste. Warum das so ist und warum Kirche bei diesem Dienst an der Gesellschaft ein Risiko eingeht, zeigt Thomas Klie, der an der Universität ­Rostock Praktische Theologie lehrt.

Liturgie ist riskant, auch wenn sich Gottesdienste in der öffentlichen Meinung durch eine geradezu sprichwörtlich hohe Vorhersagewahrscheinlichkeit auszeichnen. Zwar gilt nichts so sicher wie das Amen in der Kirche, doch wenn Menschen zusammenkommen und sich Gott unter ihnen namhaft präsent macht, wird immerhin das Evangelium öffentlich aufs Spiel gesetzt. Liturginnen und Liturgen gestalten und verantworten etwas, über dessen Wirkung sie nicht verfügen und deren Wahrnehmung sie allenfalls erahnen können. Denn jede gottesdienstliche Äußerung ist mehrdeutig, sie erschließt sich den Beteiligten vor dem Hintergrund verschiedener Lebenserfahrungen und aktueller Gestimmtheiten. Ob eine Verheißung Vertrauen findet, ob die Botschaft trifft und zum Glauben reizt, entzieht sich nämlich dem pastoralen Zugriff.

Insofern ist Liturgie als ein gelebtes und eingeübtes Geschehen riskant. Gott ist gegenwärtig - aber eben immer je anders. Was scheinbar vertraut ist, kann aus aktuellem Anlass unerwartet fremd erscheinen. Und dies gilt umso mehr, wenn eine Liturgie durch eine Katastrophe veranlasst wird. "Nordrhein-Westfalen trauert: Gottesdienst zum Gedenken der Opfer der Duisburger Loveparade." Dass im Juli 2010 während der Loveparade 21 junge Menschen zu Tode kommen, ist eine persönliche Tragödie und ein öffentliches Ereignis, das Menschen im ganzen Land berührt und erschüttert. In den Stunden und Tagen nach der Katastrophe suchen Menschen den Unglücksort auf und gestalten ihn zu einer Stätte der Trauer. Die Medien streuen das Ereignis und eröffnen in der Berichterstattung über Tage hinweg einen Raum, in dem Angehörige wie jene, die der Katastrophe entronnen sind, im Zwiespalt ihrer Gefühle gezeigt werden, allesamt fassungslos.

Empfindungen werden zur Darstellung gebracht

Zugleich beschäftigt die Öffentlichkeit: Was ist geschehen, wer ist verantwortlich, und was ist künftig zu tun? Den Abschluss der Woche bildet ein ökumenischer Gottesdienst am Samstagvormittag in der Duisburger Salvatorkirche, den der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und der katholische Ruhrbischof leiten, und in dessen Anschluss die Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens in der Kirche Worte des Gedenkens spricht.

Es hat sich eingebürgert, dass in Situationen, in denen das Gemeinwesen mit Ereignissen konfrontiert ist, die kollektiv bewegen und gemeinschaftlich als Unglück erlebt werden, besondere Gottesdienste stattfinden: "Nordrhein-Westfalen trauert". Die kirchliche Feier deutet das Geschehen, indem sie die damit verbundenen Empfindungen im Modus von Liturgie und Predigt zur Darstellung bringt. Sie richtet die Anwesenden - und damit stellvertretend auch das daran Anteil nehmende Gemeinwesen - auf diejenigen aus, um die es geht und gehen soll: Die Zusammenkunft gilt dem "Gedenken der Opfer".

Während parallel dazu mit Hochdruck an der Aufklärung der katastrophischen Umstände gearbeitet wird und die Öffentlichkeit massiv die Schuldfrage diskutiert, markiert der Gottesdienst die existenziellen Nebenfolgen: dass eine Musik- und Tanzveranstaltung, ein Kult der Jugendkultur ein tödliches Ende gefunden und Menschenleben gefordert hat. Die Aufgabe, ein solches Geschehen in religiöser Form zu begehen, obliegt hierzulande den beiden großen Kirchen. Andere Religionsgemeinschaften erhalten dazu in der Regel kein Mandat. Vertreter der Kirchen handeln dabei in öffentlicher Verantwortung, nicht im staatlichen Auftrag.

Kirchliche und öffentliche Liturgie miteinander verwoben

Zum einen agiert Kirche hier nicht in ihrem eigenen (kirchen-)gemeindlichen Raum, sondern sie bewegt sich im Raum gesellschaftlicher Öffentlichkeit und gestaltet gottesdienstliche Praxis auf sie hin. Zum anderen sind solche gottesdienstlichen Feiern in der Öffentlichkeit damit verbunden, dass staatliche Repräsentanten anwesend und beteiligt sind. Die kirchlich gestaltete Liturgie ist verwoben mit einer Art öffentlicher Liturgie. Die oben zitierte Überschrift betitelt die offizielle Pressemitteilung der Landesregierung Nordrhein-Westfalens, die Trauerfeier ist als christlicher Gottesdienst mehr als eine kirchliche Angelegenheit.

Die evangelische Gottesdienstkultur hat sich weit ausgefächert. Neben dem Sonntagsgottesdienst werden lebenszyklische Kasual- und jahreszyklische Festtagsgottesdienste gefeiert, es gibt Gottesdienste in neuer Gestalt und für spezifische Zielgruppen, Familien und Jugendliche - sowie sonntägliche Nebengottesdienste. Daneben hat sich aber auch ein liturgisches Genre entwickelt, in dem Ereignisse von großer öffentlicher Relevanz symbolisch begangen werden. Tsunami, Erfurt, Winnenden, Loveparade, Robert Enkes Suizid, Afghanistan - die Stichworte deuten die Spannweite der riskanten Liturgien an.

In den vergangenen Jahren werden die Kirchen vermehrt gefragt und beansprucht, wenn Naturkatastrophen, Unglücksfälle oder Gewalttaten als Ereignisse wahrgenommen werden, die eines Ortes und einer Ausdrucksform für öffentliche Trauer und Klage bedürfen. Sie geben Anlass zu religiösen Feiern in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit, die als Kasualgottesdienste in politisch-diakonischer Verantwortung für das Gemeinwesen gestaltet werden. In der Liturgischen Konferenz der EKD hat sich dazu ein Arbeitsausschuss gebildet, der in Kürze seine Arbeitsergebnisse in einem Sammelband mit dem Titel "Riskante Liturgien" publiziert.

Rote Kerze für den Täter

Dass dieser Ausdruck mehr als ein liturgiewissenschaftlicher Apercu ist, mag ein Beispiel belegen. In der Trauerfeier nach dem Amoklauf in einem Gymnasium in Erfurt wurde im Abstand zu den sechzehn weißen Kerzen für die Opfer in der Nähe des Altars eine siebzehnte - rote - Kerze für den Täter aufgestellt. Im Vorfeld hatte es darüber in der Vorbereitungsgruppe einen heftigen Streit gegeben, der auch liturgisch durchaus brisant war. Wenn Kerzen im liturgischen Geschehen für einen Menschen entzündet werden, dann vergegenwärtigen sie ihn symbolisch. So bleiben für die Eltern im Gottesdienst ihre toten Kinder der Anwesenheit des Täters ausgesetzt, und sie können - wie schon zuvor in der Schule - sie nicht vor ihm schützen.

Was hier geschieht, ist aus beiden Pers­pektiven heraus betrachtet und empfunden alles andere als ein harmloser Kerzenkult. In dem Trauergottesdienst, der nach dem Amoklauf in Winnenden gehalten wurde, wurde dagegen bewusst darauf verzichtet, eine Kerze für den Täter zu entzünden. Stattdessen wurde dieser namentlich in die Fürbitte aufgenommen, und es war die Rede davon, dass für ihn Lichter in der Stadt aufgestellt worden seien.

In beiden Fällen wurde im Gottesdienst etwas riskiert. Denn es müssen ad hoc Arrangements vereinbart werden zwischen einer fiktiven Welt der Sicherheit und einer empfindlich irritierten Öffentlichkeit. Geht das Kalkül auf, zeitigt es öffentliche Plausibilität. Dann erweisen sich die leitenden Liturgen als Gefahrenvirtuosen. Nicht zufällig handelt es sich bei den Anlässen für riskante Liturgien vorrangig um Ereignisse, in denen das Gemeinwesen an die Grenzen gesicherten Lebens stößt. Sie geben praktisch den Kasus vor. Sozialität und Gesellschaft intendieren - wie auch immer - gesicherte Verhältnisse. Wo sie aufbrechen, ist das Gemeinwesen dagegen verstört und entsetzt.

Gesellschaftliches Leben ist riskant

Denn das Versprechen einer rundum sicheren Welt ist an einer empfindlichen Stelle irritiert. Im gesellschaftlich wahrgenommenen Unglücks- oder Katastrophenfall tritt zutage, dass das Gemeinwesen vorgibt, dem Einzelnen etwas zu gewähren, was es gar nicht gewährleisten kann. Gesellschaftliches Leben ist riskant, denn es fordert Opfer. Diese Erfahrung schneidet umso tiefer, wenn in den Ereignissen die Ambivalenzen des Lebens besonders scharf herausstechen: eine tödliche Flut im Urlaubsparadies, der Soldatentod in Friedenszeiten und ein Gewalttod von Ungeschützten, denen Fürsorge gilt.

Die von solchen Ereignissen veranlassten Gottesdienste bewegen sich in diesem Erfahrungsfeld und bringen es selbst zum Ausdruck. Sie sind gleichsam Liturgien eines Lebens, das sich gemeinschaftlich und individuell als gefährdet erlebt und erfährt. Zugleich ist aber auch die Gestaltung eines solchen Gottesdienstes ein Wagnis. Öffentlich veranlasst bewegt er sich in einem Kräftefeld mit verschiedenen Akteuren, ist Teil einer Gesamtdramaturgie, die eben nicht allein durch die Repräsentanten der Kirche bestimmt und ausgefüllt wird. Weil die Amokläufe, in denen Schülerinnen und Lehrer getötet wurden, auch ein Anschlag auf die Schule und das Schulleben darstellen, agiert die Schulleiterin mit. Und weil das Gemeinwesen als Ganzes berührt ist und in Verantwortung steht, sind dessen Repräsentanten anwesend und halten Gedenkreden. Viele Feiern verbinden einen Gottesdienst mit einem Staatsakt (oder umgekehrt), und sie sind kooperativ auszuhandeln.

Die Frage der Deutungshoheit

Und diese ergebnisoffenen Aushandlungsprozesse folgen nur bedingt religiösen Logiken. Nicht selten stellen sie liturgische Co-Inszenierungen dar, in denen sich unterschiedliche Gestaltungsop­tio­nen verschränken und konflikthaft aneinander stoßen. Was ist politisch gesagt und was ist kirchlich gemeint, wenn von "Opfer" gesprochen wird? Und wer ist mit dem "Wir" im Gebet und in der Ansprache des Innenministers gemeint? Im Blick auf ihre Struktur sind öffentliche Liturgien additiv gestaltet. Staatlicher und religiöser Akt werden - deutlich abgesetzt - aneinandergereiht. Und die rituellen Fugen zwischen den unterschiedlichen Teilen werden in der Regel musikalisch "überspielt".

Die Addition differenter Sphären spiegelt die religionskulturellen Verhältnisse in Deutschland wider, in der ein spätvolkskirchliches Christentum im säkularen Staat öffentliche Religion stellvertretend repräsentiert. Zugleich markiert sie unterschiedliche Verantwortungsbereiche: der Bischof spricht in einem anderen Namen als der Bundespräsident. Wahrgenommen wird die Feier jedoch nicht (nur) in ihren einzelnen Sequenzen, sondern als dramaturgisches Gesamtgeschehen, innerhalb dessen Worte und Gesten ihren Sinnzusammenhang bekommen. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass politische Rede und religiöse Handlung keineswegs scharf voneinander unterschieden werden: Politiker können ihre Ansprache mit einer religiösen Wendung, etwa einem Segenswort schließen, und die Predigt des Militärgeistlichen mag eine eminent politische Aussage enthalten. Nicht selten spielt eines ins andere über.

Damit stellt sich immer auch die Frage nach der Deutungshoheit und nach dem integrativen Muster der öffentlichen Liturgie: Welche Botschaft ordnet sich in welchen Sinnzusammenhang ein? Im Zusammenspiel von Kirche und Staat sind öffentliche Liturgien immer auch zivilreligiöse Feiern, die im Kontrast zu ihrem Anlass die Intaktheit des Gemeinwesens zeremoniell zur darstellen sollen. Umgekehrt begrenzen die gottesdienstlichen Akte die Macht und das Recht staatlichen Handelns, das sich nicht aus sich selbst begründet und nicht nur fehlbar erscheint, sondern als vergebungsbedürftig.

Liturgie als "öffentlicher Dienst", so der ursprüngliche Sinn von leiturgia, im und am Gemeinwesen ist riskant, weil Kirche sich fremden Zwecken aussetzt, um das zu sagen, was ihr aufgegeben ist. Wo Kirche die Aufgabe liturgisch wahrnimmt, riskiert sie zu scheitern. Dies geschieht, wo sie ihren Auftrag gegenüber dem Gemeinwesen als Anspruch an das Gemeinwesen artikuliert, sei es missionarisch, moralisch oder im Blick auf seine religiöse Grundierung. Dass Gottesdienste ihren Platz im öffentlichen Leben haben, gründet nicht in einer Liturgiepflichtigkeit, sondern in einer Liturgiebedürftigkeit der Gesellschaft. Sie erweisen ihren Sinn (nur), wenn sie im Horizont des christlichen Glaubens in und für eine Situation Zeichen setzen, mithin Worte finden, die sonst nicht gehört, und Gesten, die anders nicht gezeigt werden können.

LITERATUR

Kristian Fechtner/Thomas Klie (Hg.): Riskante Liturgien. Gottesdienste in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 2011, 240 Seiten, Euro 29,-.

Thomas Klie

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