Wenn die Welt zur Hölle fährt

Wie Japaner auf Katastrophen reagieren und welche Rolle dabei die Religionen spielen
Japans Religionen geben ihren ­Gläubigen Halt. Foto: dpa/Stephen Morrison
Japans Religionen geben ihren ­Gläubigen Halt. Foto: dpa/Stephen Morrison
Viele Beobachter wundert, wie gefasst die Japaner auf das Erdbeben reagie­ren. Welche Rolle die Religionen bei der Bewältigung von Katastrophen spielen, schildert der Darmstädter Theologe Martin Repp, der elf Jahre in Japan gelebt hat. Er greift dabei auf die Erfahrungen zurück, die er 1995 beim Erdbeben in der Region Kobe gesammelt hat.

Als am 11. März ein gewaltiges Erdbeben und ein Tsunami eine große Region im Nordosten der Hauptinsel Japans zerstörten, kamen vermutlich mehr als 30.000 Menschen ums Leben. Außerdem beschädigte der Tsunami Teile des Atomkraftwerkes Fukushima, so dass seither radioaktive Giftstoffe in das Meer, die Erde und die Atmosphäre gelangen. Die Naturkatastrophe löste ein Desaster aus, dessen globales Ausmaß zu dem Zeitpunkt, an dem diese Zeilen geschrieben werden, Anfang April, noch nicht abzusehen ist.

Angesichts des Wütens solcher Naturgewalten und der Folgen des technischen wie menschlichen Versagens im Umgang mit der Atomenergie kann man eigentlich nur noch erschüttert schweigen. Trotzdem, die vielen überlebenden Opfer benötigen jetzt und langfristig praktische Hilfe und seelischen und religiösen Beistand. Die Reaktionen der Religionen in Japan auf eine Katastrophe kann man sich am Beispiel des großen Erdbebens in Kobe 1995 verdeutlichen, auch wenn es durch das gegenwärtige Geschehen und dessen globale Auswirkungen weit übertroffen wird.

Starke Atomlobby

Damals versuchte eine japanische Zeitung, die Erdbebenkatastrophe durch die Überschrift „Die Welt des Friedens (heisei) fährt zur Hölle“ auf den Punkt zu bringen, indem sie auf die Ära des jetzigen Kaisers (heisei) Bezug nahm. Auch wenn man bezweifeln mag, dass es damals eine friedliche Welt gab, nimmt das Bild der Hölle diesmal noch eine ganz andere Dimension an. Nach den Höllen von Hiroshima und Nagasaki hatten es viele japanische Buddhisten, Christen und Angehörige der Neu­­religionen als ihre Aufgabe angesehen, sich weltweit und jahrzehntelang für die nukleare Abrüstung einzusetzen. Zu einer nennenswerten Bewegung gegen die friedliche Nutzung der Atomenergie kam es jedoch nicht. Denn dazu war die Atomlobby zu stark und manipulierte die öffentliche Meinung. Und heute lässt sich noch nicht absehen, wie die Religionen Japans mit der Atomkatastrophe umgehen werden, wie mit all den Opfern, sei­en sie in der Zwischenzeit eva­ku­iert oder nicht, wie etwa die 35 Millionen Bewohner des Großraums Tokio.

Da zum jetzigen Zeitpunkt die Folgen der atomaren Verstrahlung noch nicht abzusehen sind, kann man auch die Art der Katastrophenhilfe noch nicht ge­nau prognostizieren. So sollen im Folgenden einige Ergebnisse von Recherchen und eigene Erfahrungen in Kobe 1995 zusammengefasst werden.

Religiöse Vielfalt

Die meisten religiösen Gruppen reagierten damals auf das Erdbeben sowohl mit materieller Hilfe als auch mit geistigen Orientierungsversuchen.

Die religiösen Organisationen riefen 1995 zuerst ihre Mitglieder landesweit zu Spenden auf. Und sie erhielten auch Unterstützung aus dem Ausland. Auch stellten sie aus eigenem Vermögen Gelder zur Hilfe für Betroffene wie zum Wiederaufbau ihrer Tempel, Schreine und Kirchen bereit. Sie schickten Freiwillige in das Katastrophengebiet, organisierten deren Aktivitäten und transportierten Hilfsgüter dorthin.

Die Freiwilligen besuchten die Betroffenen täglich in den Zeltlagern und anderen Massenunterkünften und versorgten sie mit Nahrungsmitteln, Kleidung und anderen notwendigen Dingen. Um den Umgang der vielfältigen Religionen Japans mit einer Katastrophe verstehen zu können, teilt man sie vereinfachend am besten in folgende Gruppierungen auf: 1. Schinto, der naturverbundene einheimische Glaube an lokale Gottheiten (kami); 2. die traditionellen buddhistischen Denominationen, deren wichtigste im 8. und im 13. Jahrhundert entstanden; 3. die Neureligionen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die aus Schinto und Volksreligion stammen und auf dem Land florierten; 4. buddhistische Neureligionen, die gegenüber dem traditionellen Buddhismus einen modernen Laien-Buddhismus vertreten und vor allem Städter ansprechen. Und 5. Kirchen und christliche Organisationen wie die Christlichen Vereine Junger Frauen und Männer (YWCA und YMCA).

Die konkreten Hilfstätigkeiten dieser Gruppen waren in vielem sehr ähnlich, unterschieden sich aber in einigen wichtigen Punkten. Einige der schintoistischen und buddhistischen Neureligionen etwa reagierten viel schneller mit konkreten Hilfsmaßnahmen als die traditionellen buddhistischen Denominationen oder Schinto, da sie moderner organisiert waren und zum Teil Teams für Katastropheneinsätze professionell ausgebildet und ausgerüstet hatten.

Mental Care seit 1995

Viele Mitglieder der Schinto-Jugendorganisation engagierten sich als freiwillige Helfer, und zwar mit dem vorrangigen Ziel, „die Schreine wieder aufzubauen, welche die Herzen der umliegenden Bevölkerung stärken“. Die traditionellen buddhistischen Schulen reagierten am schnellsten mit Bestattungen und Zeremonien für die Verstorbenen, wofür sie auch im Alltag hauptsächlich zuständig sind. Im Unterschied zu Schinto waren sie nicht nur mit dem Wiederaufbau ihrer zerstörten Gebäude befasst. Vielmehr begannen einige – entsprechend ihrer Lehre, den Mitmenschen zu nützen (rita) –, sich auch seelsorgerlich um die Leidtragenden zu kümmern.

Das Wort mental care fand in Kobe 1995 Eingang in die japanische Sprache. In der Zeit danach haben einige buddhistische Schulen auch begonnen, ihre Seelsorge professionell weiter zu entwickeln. Während der Katastrophenhilfe brach in zwei zenbuddhistischen Gruppen auch ein Generationskonflikt zwischen der langsamen Verwaltung des jeweiligen Haupttempels und den dynamischen jungen Freiwilligen vor Ort auf. Die Jungen erinnerten an einen berühmten Mönch des 17. Jahrhunderts, der einen großen Geldbetrag für den Druck von Sutren gesammelt hatte, diesen aber beim Ausbruch eines Erdbebens für die Ernährung der hungernden Bevölkerung verwendet hatte.

Die Katastrophenhilfe von etlichen neuen Religionen vollzog sich zum großen Teil schnell und recht professionell, nicht nur weil einige von ihnen Teams für Katastropheneinsätze unterhalten hatten, sondern weil ihre Verwaltung moderner war und sie wegen ihrer Größe über einen enormen Fundus an Geld und Freiwilligen verfügen. Zu ihnen zählten auch Krankenschwestern und Ärzte sowie Rechtsanwälte für rechtliche Probleme im Hinblick auf Besitz- und Arbeitsverhältnisse.

Banner am Lkw

Einige von diesen Neureligionen versuchten, mit der von ihnen praktizierten Gruppenseelsorge (hoza) den von Angst, Trauer und Traumata geplagten Menschen zu helfen. Etliche der Neureligionen nutzten die Situation aber dazu aus, für ihre Hilfstätigkeit zu werben. Banner waren an ihren LKWs angebracht und mit Video-Kameras wurden ihre Aktivitäten für die Missionstätigkeit dokumentiert. Die größte dieser Gruppen scheute sich auch nicht, während der Katastrophe ihren Konflikt mit einer traditionell-buddhistischen Gruppe öffentlich auszutragen.

Da die Christen etwas weniger als 1 Prozent der Bevölkerung stellen, war der Umfang ihrer Katastrophenhilfe kleiner als derjenige anderer Religionen. Aber ihr Einsatz war nicht weniger effektiv und beeindruckend. Die Kirchen und christlichen Organisationen wie YMCA, YWCA und die Heilsarmee konzentrierten ihre Hilfe besonders (aber nicht nur) auf die am schwersten Betroffenen unter den Opfern, wie Kinder, ältere Menschen, Behinderte und mittellose Migranten. Die römisch-katholische Kirche veräußerte sogar ein teures Grundstück in Osaka, um mit dem Ertrag den Opfern zu helfen.

Der Wiederaufbau von beschädigten Kirchengebäuden hatte in der Regel nicht die erste Priorität. Diese Hilfe entsprach der christlichen Ethik, wie wir das auch in Europa kennen. Andere religiöse Organisationen setzten entsprechend ihrem jeweiligen Ethos dagegen oft andere Schwerpunkte. Und die staatlichen Organe wandten sich viel zu schnell von der humanitären Hilfe dem Wiederaufbau der Infrastruktur zu, wodurch viele Opfer vernachlässigt wurden. In einigen Fällen kam es bei der Katastrophenhilfe auch zur Zusammenarbeit von christlichen, buddhistischen und neureligiösen Gruppen. Dies war möglich, weil zuvor im interreligiösen Dialog ein Vertrauensverhältnis entstanden war.

Ideal des Bod­­hisattva

Die vielfältigen Versuche, der sinnlosen Katastrophe einen Sinn abzugewinnen und Orientierung in Not und Verzweiflung zu geben, lassen sich durch einige repräsentative Äußerungen aus der Zeit des Erdbebens veranschaulichen. Schinto-Vertreter bezogen sich auf die Situation am Kriegsende und riefen die Gläubigen zur Einheit auf, denn dann würden die Götter beim Wiederaufbau helfen.

Traditionelle buddhistische Schulen erinnerten an ihre Grundlehre, dass diese Welt sowieso leidvoll und vergänglich ist, es aber die Hoffnung auf die Hingeburt in das Reich Buddhas gibt, wo sich die Verstorbenen wieder treffen werden. Unter den Neureligionen riefen einige da­zu auf, das „Gift in Medizin (beziehungsweise Unglück in Glück) zu verwandeln“, wobei nicht ganz klar war, wie dies praktisch geschehen kön­ne. Eine große buddhistische Neureligion wies darauf hin, dass die Hilfsfreiwilligen das Ideal des Bod­­hisattva verwirklichen, der sein Leben für die Rettung anderer Lebewesen einsetzt.

Katastrophe als Warnung?

Es gab auch eine Reihe von Grup­pen, die die Katastrophe als eine Warnung für die Menschen begriffen und als Aufforderung, ihr Leben zu ändern und zu bessern. Eine ähnliche Auffassung wurde auch von einigen christlichen Gruppen geäußert, die zur Buße aufriefen. Sie, wie auch einige buddhistische Gruppen, riefen apokalyptische Vorstellungen aus ihrer jeweiligen Tradition ins Gedächtnis. Die meisten christlichen Gruppen lehnten die Deutung der Katastrophe als Strafe aber mit dem Hinweis auf Lukas 13,1-5 ab.

Dementsprechend dominierte in diesen Kreisen die Auffassung, die Katastrophe als Herausforderung zur Nächstenliebe zu verstehen. Die weltliche und ein Teil der religiösen Presse kritisierte, dass etliche Neureligionen die Katastrophe zur Werbung in eigener Sache ausnutzten, und dass vielen traditionell buddhistischen Gruppen ein soziales Bewusstsein und das Engagement für die Gesellschaft fehle. Will man aber der Katastrophenhilfe durch die Religionen Japans insgesamt gerecht werden, muss man zwischen den religiösen Institutionen und dem ungeheuer beeindruckenden Engagement der unzähligen Freiwilligen am Ort der Katastrophe differenzieren. In Kobe bin ich jedenfalls der echten Elite Japans begegnet.

Bei der jetzigen Katastrophe haben die westlichen Medien immer wieder die gefasste und disziplinierte Haltung der Japaner bewundert und über mögliche religiöse Gründe spekuliert. Doch das hat wenig mit Zen zu tun, wie mitunter suggeriert wird, denn die wenigsten Japaner praktizieren ihn und viele sind so säkularisiert wie die Mitteleuropäer. Der Hauptgrund dürfte vielmehr in der Sozialisierung liegen: Japaner sind seit jeher an Erdbeben gewöhnt. Und in ihrer Erziehung wird das Wohl der Gemeinschaft vor die Interessen des Einzelnen gestellt. Das ist denjenigen modernen Europäern fremd, die schon beinahe zwanghaft ihre in­divi­du­elle Selbstverwirklichung suchen. Darüber hinaus ge­ben Japans Religionen ihren Gläubigen inneren Halt, Festigkeit und Hoffnung in verzweifelten Situationen, angesichts all der Verluste von Verwandten, Freunden, Haus und Arbeit. Diese religiöse Grundhilfe ähnelt derjenigen, die die Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa geleistet haben.

Tiefliegende Ängste

In den deutschen Medien tauchten im Zusammenhang mit dem Erdbeben das Deutungswort „Apokalypse“ und „apokalyptisch“ auf. Ein von mir geschätzter Japanologe behauptete darauf in einer großen Tageszeitung, dass es dieses Wort in der japanischen Sprache überhaupt nicht gäbe. Es gibt jedoch tatsächlich einen Ausdruck für „Apokalypse“ sowie verwandte Begriffe. Vergleichbare Vorstellungen finden sich bereits im Buddhismus, und die jüngste Generation der Neureligionen Japans haben solche Vorstellungen sowie die Prophezeiungen des Nostradamus und der Johannes Apokalypse zur Jahrtausendwende eifrig rezipiert. Ansonsten spielt dieses Thema auch in der japanischen Jugendkultur (manga, anime) seit längerem eine wichtige Rolle. Sie sind ein Indikator für weit verbreitete, tiefliegende Ängste in der Bevölkerung.

Die Opfer brauchen jetzt dringende und dann auch langfristige Hilfe. Japan gilt zwar als reiches Land, aber die am meisten Betroffenen fallen oft aus dem sozialen Netz heraus. Daher ist jetzt ein gut informiertes Spenden für diejenigen japanischen Organisationen notwendig, die den schwächsten der Opfer kurzfristig wie auch langfristig wirklich helfen.

Martin Repp

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