Nicht mehr

Überlegungen zum Altern
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Die Angst, abhängig zu sein, den eigenen Angehörigen oder anderen Menschen zur Last zu fallen und die Furcht, nutzlos zu sein, beschäftigt viele ältere Menschen.

Ich hab Ehrfurcht vor schneeweißen Haaren", bekannte einst Schlagersänger Camillo Felgen. Von dieser Haltung sei die heutige Gesellschaft mit ihrer negativen Bewertung des Alters weit entfernt, meint Gunda Schneider-Flume. Die frühere Professorin für Systematische Theologie ist 1941 geboren. Sie gehört selbst zur Generation "Nichtmehr" und erinnert sich noch gut an die besorgten Fragen der wenige Jahre jüngeren Kolleginnen und Kollegen, ob sie sich nicht vor dem Ruhestand fürchte. Vor der Leere, dem Loch, in das sie fallen könnte, nach dem Arbeitsleben. Sie fürchtete sich nicht, sondern hat ein Buch geschrieben, in dem sie "Theologische Überlegungen zum demographischen Wandel und zum Alter(n)", so der Untertitel, anstellt.

Die Angst, abhängig zu sein, den eigenen Angehörigen oder anderen Menschen zur Last zu fallen und die Furcht, nutzlos zu sein, beschäftigt viele ältere Menschen. Aber aus christlicher Sicht lässt sich Abhängigkeit auch anders deuten, meint die Autorin, nämlich "als Befreiung dazu, sich annehmen zu lassen, selbst mit schwindenden Kräften". Sie hält ein engagiertes Plädoyer gegen die "Tyrannei des gelingenden Lebens" beziehungsweise des "gelingenden" Alterns und Sterbens, die selbst diese letzte Lebensphase noch unter den Leistungsgedanken stelle und nur den autonomen Menschen ein selbstbestimmtes Leben als "eigentliches" Leben gelten lasse.

Selbstbestimmtes Sterben nennt sie Sünde

Dem setzt die Autorin Erbarmen und Gerechtigkeit entgegen, Stellvertretung und Hingabe, Beziehung und Gedenken und entfaltet diese Begriffe. Es sind grundlegende und nicht unbedingt neue Gedanken. Interessant ist ihr Buch da, wo sie gängige Meinungen in Frage stellt, wie zum Beispiel die, der Tod werde verdrängt. Das Gegenteil sei der Fall, meint die Autorin. Die Rede vom gelingenden Sterben, dem Tod als Vollendung, räume ihm eine beherrschende Stellung im Leben ein. Sie grenzt sich scharf von theologischen Überlegungen etwa eines Hans Küng zum selbstbestimmten Sterben ab. Das Bestreben, selbstbestimmt "in Unerschütterlichkeit und Vollendung der Persönlichkeit" das Sterben zu bestehen und Versuche, die "Kunst des Sterbens" einzuüben, nennt sie "Sünde".

Schneider-Flumes Einspruch gegen eine Bewertung von Leben allein nach den Kriterien von Leistung und Produktivität ist richtig und wichtig, nicht nur im Blick auf alte Menschen. "Unmenschlich ist es, wenn einem Menschen kein Mensch mehr gerecht wird", meint die ­Autorin. Aber gesellschaftlich gesehen liegt genau hier das Problem, denn es gelingt immer weniger, der immer größeren Zahl alter Menschen gerecht zu werden, weil keine Angehörigen da sind, qualifizierte Pflegekräfte fehlen und es an Geld für angemessene Betreuung mangelt.

So wird es auch immer schwieriger, den Idealen von Beziehung und Gedenken, wie sie die Autorin schildert, gerecht zu werden. Während sie an anderer Stelle Überlegungen zu praktischen Konsequenzen für die Gemeindearbeit anstellt, fehlen hier Bezüge zur christlichen Bestattungs- und Gedenkkultur oder zur Seelsorge in Alten- und Pflegeheimen. So bissig die Autorin die "ewig jungen Alten" aufs Korn nimmt, die bis zuletzt rüstig und schließlich fit für das und im Sterben sind, so weichgezeichnet erscheint die Wirklichkeit schwerstpflegebedürftiger alter Menschen. Ziemlich peinlich geraten sind die pseudoliterarischen Zeilen jeweils zum Abschluss der Kapitel. Hier findet die Autorin keine ­ei­gene Sprache, sondern bleibt zu sehr ihrem akademisch-wissenschaftlichen Grundton verhaftet.

Gunda Schneider-Flume: Alter - ­Schicksal oder Gnade? Vandenhoeck & Ruprecht 2010, 157 Seiten, Euro 17,95.

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Jutta Schreur

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