Das überschreitet eine Grenze

Darf der Mensch entscheiden, welches Leben gut und wünschenswert ist?
Seit der Geburt des ersten Retortenbabys Louise Brown 1978 sind in Deutschland über 50.000 Kinder künstlich gezeugt worden. Foto: dpa/epd/Thomas Lohnes
Seit der Geburt des ersten Retortenbabys Louise Brown 1978 sind in Deutschland über 50.000 Kinder künstlich gezeugt worden. Foto: dpa/epd/Thomas Lohnes
Wir stehen vor der Entscheidung, Präimplantationsdiagnostik (PID) zuzulassen oder nicht - nur ein bisschen zulassen gehe nicht, meint Katrin Göring-Eckardt, Bundestagsvizepräsidentin, Präses der EKD-Synode und Mitherausgeberin von zeitzeichen.

Ethisch herausfordernd, medizinisch komplex, höchstpersönlich, alles andere als leicht. So lässt sich wohl die Entscheidung darüber beschreiben, ob die Anwendung der Präimplantationsdiagnostik in Deutschland verboten bleibt oder ob sie zugelassen wird. In Gesellschaft, Kirche und Parlament wird darüber diskutiert, auch gestritten. Und immer wieder frage ich mich: Was empfinden Menschen, die mit einer Behinderung leben oder Eltern, die ein behindertes Kind großziehen, dabei, wenn argumentiert wird und abgewogen - auch, welches Kind doch besser und lieber nicht erst entstehen sollte?

Mich bedrückt der Gedanke, dass Menschen die Diskussion um die PID so wahrnehmen müssen. Aber es ist Teil der ganzen Wirklichkeit. Auf der einen Seite stehen die Paare, die ihren Kindern nicht die eigene, vererbbare Erkrankung zumuten wollen. Und jene, die sich sehnlichst ein Kind wünschen, aber immer wieder die schreckliche Erfahrung von Fehlgeburten machen. Und ich höre jene Eltern, die ein behindertes Kind großziehen und sagen, ein zweites, das schaffen wir nicht. Für sie bedeutet die PID große Hoffnung.

Ich höre auf der anderen Seite Eltern, die von der Belastung sprechen, mit einem behinderten Kind zu leben, die aber auch von dem großen Glück und der Freude erzählen und die glücklich sind, dass es dieses Kind gibt. Und ich höre die Menschen, die mit Krankheiten leben, die schwere Erbkrankheiten sind, und nun nach Möglichkeit verhindert werden sollen. Für sie ist die PID Anfrage an den Wert ihres eigenen Lebens.

Hoffnung oder Belastung?

Ich sehe den Schmerz genetisch vorbelasteter Paare und ihr Sehnen nach einem möglichst gesunden Kind. Ich sehe die Last der Eltern, die für ein Kind mit Behinderung sorgen.Ich suche nach Möglichkeiten, ihnen die Schwere zu nehmen. Und ich kann sie - gerade - in der PID nicht finden.

Die PID schürt eine Hoffnung, die von Erfüllung sehr weit entfernt sein kann. Denn die Anwendung der PID kann weder eine Schwangerschaft noch ein gesundes Kind garantieren. Nur jede fünfte Frau wird nach einer PID überhaupt schwanger - und das nach einer notwendigen intensiven Hormonstimulation, die eine erhebliche Belastung darstellt. Zusätzlich ist der psychologische Druck hoch und die Enttäuschung immens, wenn sich trotz der in Kauf genommenen Prozedur keine Schwangerschaft einstellt.

Hinzu tritt das Risiko der Methode selbst: Dem Embryo werden bei der PID Zellen entnommen, und es besteht die Gefahr, dass er dadurch geschädigt wird. Und nicht zuletzt bleibt immer das Risiko einer fehlerhaften Diagnose. Die Möglichkeiten der PID bleiben weit hinter dem zurück, was mit ihrer Anwendung versprochen wird.

Druck auf die Eltern

Die PID gibt keine Garantie, sie kann nur Chancen erhöhen. Aber die Frage ist, zu welchem Preis diese Chancen eingeräumt werden. Ich fürchte, dass der Druck, der den einen möglicherweise genommen werden kann, auf den Schultern der anderen umso schwerer wiegt. Bei denen zum Beispiel, die jetzt schon nach einem Blick in den Kinderwagen mitleidig angesehen werden und gefragt: musste das denn sein?

Wir stehen vor der Entscheidung, daran festzuhalten, dass die PID verboten bleibt. Oder die PID zuzulassen. Denn ich sehe nicht, wie es gelingen könnte, die PID zuzulassen, aber nur ein bisschen, in engen Grenzen. Wenn ein Embryo untersucht und verworfen werden darf, wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine schwerwiegende Erbkrankheit besteht - wer entscheidet dann, welche Wahrscheinlichkeit hoch genug ist?

Und welche Erbkrankheit ist schwerwiegend? Auch Down-Syndrom, auch Chorea Huntington? Auch Krankheiten, die erst im Erwachsenenalter auftreten oder Krankheiten, die das Leben beeinträchtigen, aber mit denen ein Leben, auch ein gutes, doch möglich ist?

Wenn die PID begrenzt werden soll auf Dispositionen, die zu Fehlgeburten oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Tod des Kindes innerhalb des ersten Lebensjahres führen - wer will hier entscheiden, wie wahrscheinlich das ist? Und wieso sollte man bei einem Lebensjahr die Grenze ziehen können? Was ist mit einem Leben, das dreihundert Tage lang währt? Und was, wenn ein Kind wahrscheinlich, vielleicht mit dieser Disposition drei Jahre alt hätte werden können, oder fünf?

Guter Hoffnung sein

Hinzu kommt eine zweite Befürchtung, die mich skeptisch sein lässt, dass eine enge Grenzziehung gelingen kann: Selbst wenn nur solche Anomalien identifiziert werden sollen, die zum sehr frühen Tod des Embryo führen - es gibt Nebenbefunde. Wie geht eine Ärztin damit um, wenn sie bei einem Embryo Trisomie 21, Downsyndrom, feststellt? Muss, soll sie es den Eltern mitteilen? Wird der Embryo in die Gebärmutter übertragen, weil es ja keine Erkrankung ist, die innerhalb des ersten Lebensjahres zum Tod führt? Oder wird der Embryo in der Praxis dann doch verworfen, auch wenn das Gesetz es so nicht intendiert?

Ja, die PID vermag Hoffnung zu wecken und in einzelnen wenigen Fällen Glück zu bringen. Aber ist es richtig, Leid zu vermeiden, indem entschieden wird, dass ein solches Leben nicht lebenswert ist und wir deswegen verhindern, dass dieses Leben entsteht? Oder sind wir bereit, Leben zuzulassen, wie es sich entwickelt, mit seiner ganzen Größe und mit den Defiziten, das es auch kennt. Sind wir bereit, solidarisch mit denen zu sein, die mit einer Behinderung leben? Sind wir bereit, mit ganzer Kraft denen zur Seite zu stehen, die sich das Leben mit einem behinderten Kind zutrauen und ja, auch zumuten?

Wir stehen vor der Entscheidung für oder gegen die Anwendung der PID. Bei dieser Entscheidung geht es um mehr als die individuelle Inanspruchnahme einer Untersuchungsmethode. Es geht um eine ethische Richtungsentscheidung und die Frage, ob sich unsere Haltung zum werdenden Leben elementar verändern soll.

Als Christin frage ich: können wir werdendes Leben als Geschenk Gottes begreifen und weiter aushalten, dass es sich menschlichem Zugriff und Planbarkeit entzieht? Nicht umsonst heißt, ein Kind erwarten: guter Hoffnung sein. Diese Hoffnung drückt für mich aus, dass etwas offen ist und unverfügbar bleibt. Medizinisch-technisch wäre es möglich, Hand anzulegen und mitzugestalten. In sehr vielen Bereichen ist das Fortschritt, kommt dem Menschen zu und gereicht ihm zum Segen.

Embryos auf Krankheiten zu untersuchen und ihnen das Lebensrecht abzusprechen halte ich aber für menschliche Hybris. Die PID überschreitet die Grenze dessen, was zwar machbar ist - aber nicht zweifelsfrei - und gut ist zu tun. Ich sehe keine Veranlassung dafür, einen lange bestehenden gesellschaftlichen Konsens aufzuweichen. Dieser Konsens besteht darin, dass wir nicht bereit sind zu unterscheiden und zu entscheiden, welches Leben gelebt werden soll und welches besser nicht.

Die ausführliche Stellungnahme der EKD zur PID

Katrin Göring-Eckardt

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