Mein jüdischer Bruder

Seit dem 19. Jahrhundert haben Juden versucht Jesus heimzuholen
Iwan Nikoljewitsch Kramskoi: "Christus in der Wüste", 1872. Foto: akg-images
Iwan Nikoljewitsch Kramskoi: "Christus in der Wüste", 1872. Foto: akg-images
Jesus war Jude, nicht Christ. Dies sich klar vor Augen zu führen und zu akzeptieren war nicht nur für Christen, sondern auch für Juden nicht ganz leicht: Walter Homolka, Rabbiner und Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs an der Universität Potsdam, über den Blick auf Jesus in der Geschichte des Judentums.

Es gibt kein einheitliches Bild von Jesus Christus; man kann das Judentum darstellen, ohne ihn überhaupt zu erwähnen. Aus der Antike sind nur wenige talmudische und andere jüdische Berichte über Jesus erhalten. Später befassen sich mittelalterliche Verfasser, oft in apologetischem Kontext, intensiver mit ihm. Schließlich haben moderne jüdische Forscher wichtige Einsichten zur Leben-Jesu-Forschung beigetragen." So beschreibt William Horbury die jüdische Position in der vierten Auflage des Standardwerkes Religion in Geschichte und Gegenwart.

Offensichtlich war und ist ein unverstellter Blick auf Jesus von jüdischer Seite zunächst nur schwer möglich. Zu dramatisch war dessen Wirkungsgeschichte zu einer Gefahr für das Judentum als Ganzes geworden, aber auch ganz existenziell für jeden einzelnen Juden. Jahrhunderte der Verfolgung, Unterdrückung, erzwungenen Wanderschaft und Ausgrenzung im Namen Jesu prägen sich ein in die Erinnerung eines Volkes, das es im "christlichen Abendland" alles andere als leicht hatte.Diese Erkenntnis macht aber auch neugierig auf die Frage, ob es von Seiten jüdischer Gelehrter eine substantielle Auseinandersetzung mit Jesus als Person gegeben hat, nicht bloß mit dem Christentum als konkurrierender Religion.

"Ein Reich wird stärker als das andere"

Die erste jüdische Auseinandersetzung mit dem christlichen Jesusbild wird für die griechisch-jüdische Diaspora angenommen. Unter Kaiser Konstantin trat das Christentum Anfang des 4. Jahrhunderts als ernsthafte Herausforderung für das Judentum in Erscheinung, und zwar als Nachfolgerin der Weltmacht Rom. Nach der Christianisierung des Römischen Reiches und der Verschärfung der antijüdischen Gesetze übertrugen die Rabbinen die negativen Bilder von Esau und von Edom auf das Christentum und erwarteten weiterhin die Erfüllung des Rebekka-Spruchs "Ein Reich wird stärker als das andere".

Kurze rabbinische Texte verweisen auf Jesu Abstammung, Lehre und Wirkung. So wird er "Sohn des Pantera" genannt (tChul 2, 22;24), am Abend des Pessachfestes als Zauberer und Betrüger erhängt (bSan 43a) und von seinen Anhängern, die in seinem Namen Kranke heilen (tChul 2,22f), zitiert (bShab 116a-b). Rabbiner Eliezer ben Hyrkanus soll in Sepphoris etwas Gelehrtes "im Namen Jesu" zu Ohren gekommen sein (tChul 2,24). Jesus von Nazareth wurde in der jüdischen Tradition nachträglich auch mit anderen Figuren gleichgesetzt - so mit einem ägyptischen Zauberer namens Ben Stada, der im frühen 2. Jahrhundert hingerichtet worden sein soll.

Der Name "Pantera(s)" war wohl ein geläufiger Soldatenname und macht Jesus in einer Art Gegengeschichte zum unehelichen Sohn eines römischen Legionärs. Der griechische Philosoph Celsus griff diese Vorstellungen um 180 auf. Auch bei ihm liest man, die Mutter Jesu habe Ehebruch begangen und ein uneheliches Kind bekommen. So wird schließlich auch der legitimierende Anspruch einer Abstammung aus dem Hause David polemisch in Frage gestellt. Schalom Ben-Chorin (1913-1999) befand dazu kurz und knapp: "Diese relativ späten, oft gehässigen Ausfälle besitzen aber keinen historischen Wert, sondern bilden bereits den Niederschlag der Kontroverse zwischen den Judenchristen und dem normativen Judentum."

"Vernichtende Kritik"?

Im Babylonischen Talmud findet sich folgende Schilderung der Passion Jesu (bSanh 43a): "[Am Vorabend des Sabbats und] am Vorabend des Passahfestes wurde Jesus von Nazareth gehängt. Und ein Herold ging 40 Tage vor ihm aus [und verkündete]: Jesus von Nazareth wird hinausgeführt, um gesteinigt zu werden, weil er Zauberei praktiziert und Israel aufgewiegelt und [zum Götzendienst] verführt (hiddiach) hat."

Alter und Echtheit dieser Notiz sind umstritten. Während der Judaist Johann Maier nur wenige Texte als tatsächlich auf Jesus von Nazareth bezogen anerkennt, spricht sein Kollege Peter Schäfer über eine "vernichtende" Kritik der Rabbinen am Christentum und an dessen Stifter. Er weist etwa auf die Diskrepanz dieser Textstellen zu den Evangelien hin. Nach diesen wurde Jesus nach römischer Weise gekreuzigt, nach dem Talmud aber gemäß jüdischer Rechtsauffassung gesteinigt und anschließend erhängt. Die Pointe des Talmud sei es, das Verfahren gegen Jesus wieder ganz ins Judentum zurückzuholen.

ür Schäfer diente diese jüdische Gegengeschichte der Selbstvergewisserung: "Es ist genau um die Zeit, als das Christentum sich von bescheidenen Anfängen zu seinen ersten Triumphen aufschwang, dass der Talmud (oder besser die beiden Talmude) das maßgebende Dokument derer werden sollte, die den neuen Bund zurückwiesen, die so hartnäckig darauf bestanden, dass sich nichts geändert hatte und dass der alte Bund weiter gültig war."

Eine zusammenhängende Erzählung zu Jesus und den Ursprüngen des Christentums ist in Form der Toldot Jeschu auf aramäisch, hebräisch, jiddisch und auch im Jüdisch-Arabischen erhalten. Das in zahlreichen, stark divergierenden Fassungen überlieferte "Leben Jesu" ist Ausdruck der Abwehrhaltung von Juden, die seit der Spätantike in der Diaspora unter den Repressalien einer christlichen Herrschaft leben mussten. Es deutet die Berichte aus den Evangelien über das Leben Jesu prononciert antichristlich um und schmäht so zentrale Glaubensinhalte der Anhänger des in deren Augen einzig wahren Messias, der von Gott aus der Jungfrau Maria gezeugte wurde. Im Kern liegt eine aramäische Fassung aus dem 8./9. Jahrhundert zugrunde, aber wohl auch westliche Diasporatraditionen.

Im Mittelalter entstanden volkstümliche Versionen, die in der Neuzeit in jüdisch-deutschen Fassungen als heimliche Lektüre kursierten: Maria wird als Verlobte Josefs durch einen römischen Soldaten namens Pandera (oder ähnlich) getäuscht beziehungsweise verführt und empfängt so Jesus, der durch von Johannes dem Täufer gelernte Zaubersprüche oder auch durch das aus dem Tempel gestohlene Tetragramm Wunder wirkt. Dieser Volksverführer erklärt sich selbst zum Messias und Sohn Gottes, wird von Judas besiegt und von den Weisen der Gerechtigkeit überantwortet. Die Jünger entwenden seinen Leichnam und behaupten, er sei auferstanden. Von einzelnen Kirchenvätern bis hin zu Martin Luther wurden die Toldot Jeschu immer wieder auf- und angegriffen und ihrerseits für eine antijüdische Agitation genutzt.

Repressalien der christlichen Herrschaft

Während die Toldot Jeschu als Parodie auf das Leben Jesu Volksliteratur waren, entstanden insbesondere in Spanien und Südfrankreich jüdische Polemiken, die christliche beziehungsweise christologische Standpunkte auf hohem Niveau zu widerlegen versuchten. Josef Kimchi (1105-1170) verfasste mit dem Sefer Ha'Berit ("Buch des Bundes"), das 1710 in Konstantinopel gedruckt wurde, eine der ersten anti-christlichen Polemiken.

Als apologetisches Werk bietet es Antworten auf antijüdische Einwände der Christen. Darin heißt es: "Wenn nun, wie ihr sagt, Gott Fleisch geworden ist, besaß dann Jesus die Seele Gottes? Wenn dies der Fall ist, warum schrie er dann auf, dass Gott ihn verlassen habe? Wenn er jedoch eine menschliche Seele besaß, und ihr behauptet ja, dass die Gottheit nach seinem Tode ihm innewohnte, dann gilt für Jesus eigentlich, was sich auf alle Menschenkinder bezieht."

Kimchis Werk hatte großen Einfluss auf Nachmanides (1194-1270) sowie auf seinen Sohn David Kimchi (1160-1236), einen der größten Bibelkommentatoren seiner Zeit. Dieser schrieb: "Jesus hat ja selbst erklärt, er käme nicht, um die Tora zu zerstören, sondern um sie aufrechtzuerhalten." Zu den jüdischen Polemikern, mit denen die christliche Auslegung der Hebräischen Bibel abgewehrt wurde oder die auf rationalistische Weise die christliche Glaubenslehre in Frage stellten, gehörte auch Profiat Duran (Isaak ben Moses Ephodi) aus Perpignan im 14. Jahrhundert. Dieser meinte, Jesus und seine Schüler seien nicht nur große Magier gewesen, sondern wirkliche Kabbalisten, die einem Trugschluss unterlagen. Profiat Duran verstand Jesus quasi als einen irregeleiteten Enthusiasten.

In der frühen Neuzeit kam es zu einer ersten Annäherung von Juden und Christen. Rabbiner Jacob Emden (1697-1776) meinte, Jesus habe seine Botschaft nicht an das jüdische Volk gerichtet, sondern ausschließlich an die Völker, um diese zum Einhalten der Noachidischen Gebote zu bewegen. Auch der Wegbereiter der jüdischen Aufklärung, der Philosoph Moses Mendelssohn (1729-1786), wandte sich gegen die Polemik des Mittelalters und schrieb: "Jesus von Nazareth hat selbst nicht nur das Gesetz Mosches, sondern auch die Satzungen der Rabbinen beobachtet, und was in den von ihm aufgezeichneten Reden und Handlungen dem zuwider zu sein scheint, hat doch in der Tat nur dem ersten Anblick nach diesen Schein. Genau untersucht, stimmt alles nicht nur mit der Schrift, sondern auch mit der Überlieferung völlig überein."

Einem Trugschluss unterlegen?

Im Zuge der Aufklärung und jüdischen Emanzipation konnte die apologetisch-polemische Vergangenheit Stück für Stück überwunden werden. Der französische Arzt Joseph Salvador (1796-1873) legte 1838 die erste jüdische Jesus-Monographie vor. Im Rahmen der aufkommenden Wissenschaft des Judentums eröffnete Isaak Markus Jost (1793-1860) durch seine anerkennende Einordnung Jesu in seiner Geschichte der Israeliten einen Weg, der im 19. und 20. Jahrhundert weiter beschritten wurde.

Es gibt seitdem jüdische Denker, die sich konstruktiv mit Jesus beschäftigt haben: Abraham Geiger, Joseph Klausner, Leo Baeck, Claude G. Montefiore, Robert Eisler, Joel Carmichael, Martin Buber, Schalom Ben-Chorin, Hans-Joachim Schoeps, Pinchas Lapide, David Flusser, Ben Zion Bokser, Robert Raphael Geis, Samuel Sandmel, Hyam Maccoby, Hans-Joachim Schoeps, Ernst Ludwig Ehrlich, Michael Wyschogrod, Jacob Neusner sind nicht einmal alle Namen derjenigen, die man hier aufführen müsste, wenn man die neuzeitliche Beschäftigung des Judentums mit Jesus darstellt.

Es ist die Geschichte einer seit dem 19. Jahrhundert zu beobachtenden "Heimholung Jesu" in das Judentum: als exemplarischen Juden, als mahnenden Propheten, als Revolutionär und Freiheitskämpfer, als Großen Bruder und messianischen Zionisten.

Den Anstoß dafür gaben Julius Wellhausen (1844-1918) und die historisch-kritische Bibelwissenschaft. Wellhausen hat den Satz formuliert, an dem sich Christen wie Juden in der Folge abgearbeitet haben: Jesus war kein Christ, er war Jude! Dieser Satz muss für jüdische Rezipienten des 19. Jahrhunderts ganz erstaunlich gewesen sein - er traf auf eine Gemeinschaft, die im Zuge der Aufklärung nach bürgerlicher Gleichstellung strebte und sich dabei durch die Idee vom "christlichen Staat" behindert sah.

So wird schnell klar, dass diese jüdische Beschäftigung mit der zentralen Figur des Neuen Testaments nicht grundsätzlicher Natur gewesen ist. Sie erfolgte aus einem apologetischen Impuls: dem Wunsch nach Teilhabe an der allgemeinen Gesellschaft ohne Aufgabe der eigenen, der jüdischen Identität. Wie gut also, dass Jesus selbst Jude war.

Heimholung Jesu

Abraham Geiger (1810-1874) steht am Anfang einer jüdischen Leben-Jesu-Forschung, die zu einer angemessenen religionsgeschichtlichen Würdigung der jüdischen Quellen aufforderte. Gerade in der ureigensten Domäne der christlichen Theologie, der Interpretation der Gestalt Jesu, sollten Juden als maßgebliche Partner bei der Erforschung des Frühjudentums wahrgenommen werden.

Im Jahr 1938, auf dem Höhepunkt des Nationalsozialismus, veröffentlichte Leo Baeck sein Buch Das Evangelium als Urkunde der jüdischen Glaubensgeschichte, in dem er nachzuweisen versuchte, dass Jesus sein ganzes Leben lang ein strenggläubiger Jude geblieben war, dem es niemals in den Sinn gekommen wäre, eine neue Religion zu begründen, geschweige denn sich als Gott verehren zu lassen: "Einen Mann sehen wir [...] vor uns, der in allen den Linien und Zeichen seines Wesens das jüdische Gepräge aufzeigt, in ihnen so eigen und so klar das Reine und Gute des Judentums offenbart, einen Mann, der als der, welcher er war, nur aus dem Boden des Judentums hervorwachsen konnte und nur aus diesem Boden hervor seine Schüler und Anhänger, so wie sie waren, erwerben konnte, einen Mann, der hier allein, in diesem jüdischen Bereiche [...] durch sein Leben und in seinen Tod gehen konnte - ein Jude unter Juden."

Geigers und Baecks Lesarten des historischen Jesus als Juden sind exemplarisch für zahlreiche weitere jüdische Versuche, die Lehre Jesu als integralen Bestandteil der jüdischen Tradition und Geschichte zu begreifen. Sie münden in die griffige Einsicht von Schalom Ben-Chorin: "Der Glaube Jesu einigt uns, aber der Glaube an Jesus trennt uns."

Aus einem tiefen Gefühl von Verwandtschaft mit der Gestalt Jesu und der jüdischen Welt, in der dieser lebte, kommt er zu dem Schluss: "Jesus ist für mich der ewige Bruder, nicht nur der Menschenbruder, sondern mein jüdischer Bruder. Ich spüre seine brüderliche Hand, die mich faßt, damit ich ihm nachfolge. Es ist nicht die Hand des Messias, diese mit den Wundmalen gezeichnete Hand.

Es ist bestimmt keine göttliche, sondern eine menschliche Hand, in deren Linien das tiefste Leiden eingegraben ist." Ich meine: um des gemeinsamen Erbes willen müssen Christentum und Judentum einander gerade bei der Person Jesu Rede und Antwort stehen. Wenn es wahr ist, dass Gott der Herr der Geschichte ist, dann ist auch die Wirkungsgeschichte des Christentums anzuerkennen als einer mit dem Judentum eng verbundenen Religion. Für uns Juden gilt: war Jesus Pharisäer und Schriftgelehrter? Vielleicht. War er bedeutend? Ohne Zweifel. War er der Messias oder gar der Sohn Gottes? Aus jüdischem Verständnis: nein. Literatur Walter Homolka: Jesus von Nazareth im Spiegel jüdischer Forschung. Berlin 2011 (3. Auflage), 136 Seiten, Euro 12,90.

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Walter Homolka

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